„Den Pai töten, um die Affen zu warnen“

Am 02.12.2016 hat BBC Thailand einen von der thailändischen Junta offensichtlich als problematisch angesehenen Beitrag über das Leben von Thailands neuem König Maha Vajiralongkorn veröffentlicht, der von ca. 2.800 Personen auf Facebook geteilt wurde. Der Student und Aktivist Jaturaphat Bunphatthararaksa alias Pai Daodin war einer dieser 2.800 Menschen. Noch am gleichen Tag hat ein Militäroffizier in Khon Kaen, wo der Student geboren wurde und die dortige Universität besucht, eine Anzeige wegen Art. 112 des Strafgesetzbuchs (Majestätsbeleidigung) gegen Pai erstattet. Hier sei erwähnt, dass Pai bei einer legendären Protestaktion vor dem Militärmachthaber und Putschanführer General Prayuth Chan-ocha nach dem Militärputsch im Mai 2014 die Militäreinheit in Khon Kaen dermaßen blamiert haben soll, dass die diesmalige Anzeige gegen ihn von manchen politischen Beobachtern als eine Art Vergeltung der dortigen Militäreinheit gegen den jungen Aktivisten gesehen wird. Und bislang soll Pai die einzige der ca. 2.800 Personen sein, die den BBC-Beitrag geteilt haben, die wegen Majestätsbeleidigung verfolgt wird. Selbst BBC Thailand ist nicht einmal von den Behörden aufgefordert worden, den Beitrag zu entfernen. D.h. der Beitrag vom 02.12.2016 kann bis heute problemlos auf der Website von BBC Thailand aufgerufen werden.

Trotz internationaler Appelle (siehe auch hier) und nationaler Kritik (siehe auch hier) will das zuständige Gericht Pai Daodin nach wie vor nicht freilassen. Seine Anträge auf Freilassung auf Kaution sind allesamt abgewiesen worden. Diese Härte gegen einen Studenten wie Pai ist ziemlich ungewöhnlich , zumal die Junta bislang nie hat durchgreifen lassen, wenn es um Protestaktionen von Studierenden ging, die immer wieder stattgefunden haben. Auch gegen Pai sind seit dem Militärputsch im Mai 2014 bereits einige Verfahren eingeleitet worden (siehe dazu z.B. hier, hier und hier). Er war also immer wieder in Untersuchungshaft. Und auch wenn diese Verfahren noch laufen, war der junge Aktivist stets  gegen Kaution freigelassen worden.

Die an der University of Connecticut lehrende, thailändische Wirtschaftswissenschaftlerin Kanda Naknoi sieht im Fall Pai Daodin den Versuch der Junta, nun Zeichen setzen zu wollen. Dass sich die Junta diese ungewöhnliche Härte erlaube, sei – so Kanda – darauf zurückzuführen, dass sich die Junta sicher sei, die breite Öffentlichkeit in Thailand werde diese Härte ohne Widerstand hinnehmen. Hier Kandas kurzer Beitrag (zuerst veröffentlicht auf Prachatai) in deutscher Übersetzung von PWT:

„Den Pai töten, um die Affen zu warnen[*]

von Kanda Naknoi

Ein nicht-thailändischer Wissenschaftler, der sich über Studentenbewegungen forscht, hat mich einmal gefragt, unter welchen Bedingungen es unter Studenten in Thailand zu einem solchen Protest wie dem von US-amerikanischen Studenten gegen den Vietnam-Krieg kommen könnte. Ich habe auf seine Frage geantwortet: ‚Erst wenn sie außer sich vor Wut sind. Aber ich kann nicht sagen, was dazu führen könnte, dass sie so zornig sind.‘

Der Zustand des Zorns

Während des Vietnam-Kriegs haben männliche Studenten in Amerika dermaßen protestiert, dass die US-Regierung die Rekrutierung [von Soldaten für diesen Krieg] stoppen musste, weil dies mit ihrem Leben und Tod zu tun hatte. Deshalb waren diese jungen Männer so zornig. Auch wenn Studentinnen von der Rekrutierung für den Krieg und den Tod in Vietnam nicht direkt betroffen waren, waren auch sie zornig und haben an den Protesten teilgenommen, weil ihre Brüder oder Freunde von jener Rekrutierung betroffen waren.

Momentan ist Pai Daodin zornig. Dennoch haben die meisten seiner Kommillitonen nicht das gleiche Empfinden. Auch Aktivisten, die sich für „Free Pai“ stark machen, haben nicht das gleiche Empfinden wie Pai. Diese Aktivisten vergessen ihre Ängste noch nicht. Vielleicht weil ihre Lebenspartner sie an diese Ängste erinnern, oder ihre Kinder oder ihre älteren Eltern etc. Derartige Ängste sind verständlich. Schließlich hat jeder andere Verpflichtungen seiner Familie gegenüber. Und Menschen, die solche Ängste haben, sollen nicht als Feiglinge gebrandmarkt werden.

Mit großer Wahrscheinlichkeit wird Pai Daodin, wie viele andere politische Gefangene vor ihm, lange im Gefängnis bleiben müssen. Schließlich ist die thailändische Öffentlichkeit nach wie vor nicht in den Zustand des Zorns geraten, nachdem viele politische Gefangene zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt worden waren. Einer weiteren Person eine solche lange Gefängnisstrafe aufzuerlegen wird die thailändische Öffentlichkeit wohl nicht in jenen Zustand treiben.

Illusion um den Diskurs über die reine/unbefleckte Kraft

Der Diskurs über jene reine/unbefleckte Kraft verleitet manche politische Aktivisten zu einer Überschätzung der Stellung von Studenten. Das Leben eines Studenten hat jedoch keinen höheren Wert als das Leben eines einfachen Bürgers. In der politischen Sphäre, in der nach der Gleichheit aller Menschen gefordert wird, könnte die Studentenuniform dazu führen, dass jener Diskurs darüber, dass die Junta sich wie ein Erwachesener verhalte, der ein Kind wie Pai schikaniere, ein wenig an Wert gewinnt. Mehr bringt es aber nicht. Das weisse Hemd der Studenten mag den Eindruck entstehen lassen, dass Studenten reiner sind als Menschen anderer Berufe. In Wirklichkeit sind Studenten Menschen, die nicht anders sind, als Arbeiter an einer Tankstelle. Ohne die Studentenuniform würde man diese Wahrheit vielleicht besser erkennen.

Studenten stellen nicht die Mehrheit der Menschen in Thailand dar. Studenten sind junge Menschen, die an ihren Fertigkeiten für einen späteren Beruf arbeiten. (Inwieweit die Universitäten dieser Aufgabe nachkommen, ist eine andere Geschichte.) Im Jahr 1973 war der Erfolg der damaligen Studentenbewegung von jener großen Menge anderer Bürger abhängig, die an den Demonstrationen teilnahmen. Meiner Meinung nach spielten Landwirte, Arbeiter und Bürger von außerhalb der Hochschulen eine wichtigere Rolle für den Erfolg des Protests, weil sie zahlenmäßig stärker vertreten waren, als die Studenten.

Freilich haben die Studenten das Recht, als Aktivisten zu agieren. Allerdings sollen sie sich nicht sicher sein, dass ihr Studentenstatus sie so beschützen könnte, wie ein Amulett.

Wann wird die thailändische Öffentlichkeit außer sich vor Wut sein?

Ich nehme an, dass sich ein Zustand des Zorns nicht ausweiten kann, solange sich kein ökonomisches Elend einstellt, das die Mittelschicht und die obere Mittelschicht (gemessen an Einkommen) in Mitleidenschaft zieht. Ein solches Elend kann entstehen, wenn es zu einer ernsthaften staatlichen Finanzkrise kommt, etwa in dem Maße, dass Beamte ihre Bezüge verspätet erhalten, die Beihilfezahlungen verspätet erfolgen, die Medien staatliche Mittel für PR-Maßnahmen verspätet erhalten oder wenn Zahlungen aus der Staatskasse für Anschaffungsverträge, die der Staat mit privaten Lieferanten geschlossen hat, verspätet erfolgen usw.

Dennoch kann es keine sichere Vorhersage geben, dass ein Zustand des Zorns eintreten wird, wenn eine solche staatliche Finanzkrise entsteht. Die steigende Selbstmordrate und die Zahl von Selbstmordfällen infolge ökonomischer Probleme im vergangenen Jahr können als Anzeichen dafür gedeutet werden, dass sich die thailändische Öffentlichkeit nicht in einen Zustand des Zorns begeben wird, egal wie schlimm eine mögliche Wirtschaftskrise ausfallen mag.

Thailänder haben möglicherweise beispielhafte Geduld. Und die thailändische Gesellschaft wird womöglich noch viele Jahrzehnte für diese verlorene Zeit aufkommen müssen.

[*] Anmerkung von PWT: Auf die Redewendung „das Huhn töten, um die Affen zu warnen“ wird angespielt. Auf Thailändisch heisst das Huhn „Gai“ (ไก่). Anstelle des Huhns, also des „Gai“, wird hier „Pai“ getötet, damit die Affen Angst haben.

Übersetzung, Text und Redaktion: ████████████

 

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