Die Wachhunde der Öffentlichkeit werden zu den Schoßhunden des Diktators

Der thailändische Journalist Pravit Rojanaphruk (ประวิตร โรจนพฤกษ์) gehört zu den wenigen kritischen Stimmen in der thailändischen Medienlandschaft. Daher verwundert es nicht, dass er seit dem letzten Militärputsch bereits zweimal von der Junta in Gewahrsam genommen worden ist, nämlich einmal unmittelbar nach dem Militärputsch im Mai 2014 und einmal am 13.09.2015.

Pravits Kritik richtet sich zwar stets gegen die Militärregierung unter Thailands alleinigem Machthaber General Prayuth Chan-ocha (ประยุทธ์ จันทร์โอชา). Doch versucht er zugleich seine Leser darauf aufmerksam zu machen, dass ohne einflussreiche Unterstützer wie die von ihm genannten Ultraroyalisten die Junta nur schwerlich fortbestehen könnte. Derweil sorgt er sich um das Berufsethos seiner thailändischen Kollegen im Umgang mit dem Militärmachthaber, wie er es in seiner Kolumne in der Khaosod English vom 16.01.2016 zum Ausdruck gebracht hat.

[Deutsche Übersetzung von PWT:]

Die Wachhunde der Öffentlichkeit werden zu den Schoßhunden des Diktators

von Pravit Rojanaphruk

In einem Land, in dem Militärputsche ein häufiges Vorkommnis sind, dienen die Massenmedien nicht nur als Opfer der Repression. Viel zu häufig dienen sie als Bewunderer, Unterstützer, Kollaborateur und sogar Tatsachenverdreher für die Junta.

Anstatt die Umstürzler zur Rechenschaft zu ziehen, dienen die Massenmedien in Thailand dazu, ein eigentlich widerwärtiges, illegitimes und anti-demokratisches Regime als normal darzustellen.

Das im Königreich meist verkaufte Boulevardblatt „Thai Rath“ (ไทยรัฐ) bezeichnet die diktatorische Macht der Junta-Führung in Artikel 44 der provisorischen Satzung beispielsweise als „special“ (พิเศษ/phisaet), was eine viel positivere Bedeutung hat als im Englisch. (Denken Sie an „special occasions“, „special prices“ oder „special editions“.) Aber an einer absolut diktatorischen Macht ist nichts „special“. Wenn es dafür irgendwelche passenden Adjektive gäbe, sollten sie „autokratisch“ oder „illegitim“ sein.

Solche Praktiken mögen dezent sein, aber sie sind auf jeden Fall heimtückisch, da sie unkritische Leser dazu bringen, die Macht der Junta als normal oder sogar wirklich „special“ zu akzeptieren.

Ich kann zudem bestätigen, dass eine Zeitung auf Anordnung des Herausgebers den Begriff „Militärregierung“ quasi verbot. Und vergessen Sie nicht, dass eine Reihe von Zeitungen in ihren Leitartikeln nach dem Staatsstreich im Mai 2014 faktisch als Befürworter des Putsches auftrat, wie sie es auch direkt nach dem Coup 2006 tat.

Offensichtlicher war das Bild das die für die Berichterstattung vom Government House zuständigen Reporter an einem Neujahrsempfang boten, den Thailands Putschanführer und Regierungschef General Prayuth Chan-ocha letzte Woche gab. Die Teilnahme an solch einer „Party“ mit dem Diktator ist peinlich genug, aber die Bilder zeigten die Reporter bei ihren Gruppen-Selfies mit dem Diktator beschwingt, ekstatisch und sogar geschmeichelt darüber, angeschwindelt zu werden.

clip_image002Als Kinder verkleidet machten Mitglieder der Pressetruppe Thailands zuletzt Fotos mit dem Vorsitzenden der Junta Prayuth Chan-ocha.

(Foto-Quelle: bit.ly/1nhRgoz)

Hinzu kommt, dass viele der jungen Journalisten sich später Schuluniformen anzogen, um Prayuth zu grüßen, und dabei die Feierlichkeiten des Nationalen Tags der Kinder parodieren sollten – eine Aktion, die als Überraschung für den Juntachef gedacht war. Die Fotos ließen vermuten, dass die jungen Reporter etwas zu intim und ungezwungen mit dem Militärdiktator umgehen. (Ein Auslandskorrespondent und früherer Präsident des Foreign Correspondents Club von Thailand schrieb mir, nachdem er eines der Fotos vom BBC Thai gesehen hatte, um zu fragen: „Im Ernst? Die Reporter als Schüler verkleidet?“ Ich bestätigte ihm dies, was er als „verblüffend“ kommentierte.)

clip_image003

Reporter in Schuluniform für kleine Kinder und Pfadfinderinnenkluft vor kurzem bei einer Neujahrsparty mit dem Vorsitzenden der Junta Prayuth Chan-ocha im Government House in Bangkok.

(Foto-Quelle: bit.ly/1nhRgoz)

Wenn Sie glauben, diese meist jungen Reporter wären wegen eines solchen Fauxpas peinlich berührt, liegen Sie falsch, und eine Reihe von Zeitungen hat sogar stolz die Fotos ohne eine Spur von Ironie oder Selbsterkenntnis veröffentlicht. Von diesen Fotos ausgehend, bin ich mir sicher, dass wir diesen Journalisten völlig darin vertrauen können, den Diktator und sein Regime genau zu hinterfragen.

Nur Ödnis?

Dieses Einschmeicheln bei der Macht scheint nichts genützt zu haben, zumindest nicht für das Publikum oder den Zustand des thailändischen Journalismus.

Kaum eine Woche ist es her, dass die skandalösen Fotos von den Medien selbst zur Schau gestellt wurden, als die von der Junta gewählten Verfasser der Charta vorschlugen, Medienzensur in die nächste Verfassung aufzunehmen, um, wann auch immer ein Notstand oder Kriegsrecht ausgerufen wird, solche Machtbefugnisse über die Lebensdauer der Junta hinaus zu gewährleisten.

Ich kann nicht einfach diese jungen Reporter beschuldigen, gesellig und ratlos im Umgang mit einem Diktator zu sein, wenn einige ihrer Vorgesetzen, darunter zwei ehemalige Präsidenten des Thailändischen Journalisten Bundes, die führende Reportergilde des Königreiches, mit dem momentanen Militärregime kollaborieren. Zuerst war das Pradit Ruangdit (ประดิษฐ์ เรืองดิษฐ์), damals amtierender Präsident des Bundes, der kurz nach dem Coup die Wahl des inzwischen nicht mehr existierenden nationalen Rates für Reformen (National Reform Council) akzeptierte. Pradit sagte, er tue dies um die Interessen des Journalismus zu verteidigen.

Noch immer hart für die Junta arbeitet Phatara Khamphitak (ภัทระ คำพิทักษ์), ein ehemaliger Präsident des Bundes, der ein Mitglied des von der Junta ernannten Komitees für einen Verfassungsentwurf ist.

Angesichts der großen Bandbreite von Kollaboration, Unterstützung und Bewunderung von einer beträchtlichen Anzahl von Medienorganisationen und Journalisten für die Militärregierung ist es falsch zu sagen, die thailändischen Medien wären Opfer oder Gegner der Putschisten.

Manche haben sich vielleicht aus Angst selbst zensiert, andere aus Bewunderung und Unterstützung für die Militärherrschaft. Es gibt auch einige Medien, die Prayuth als das geringere Übel im Vergleich zu den Shinawatras unterstützen. Andere haben ihre Rolle als Wachhunde einfach vergessen oder verlassen, und sind zu Schoßhunden degeneriert.

Egal aus welchen Gründen oder wie unwissentlich – eine große Anzahl der thailändischen Medien hat dazu beigetragen, eine militärische Diktatur normal erscheinen zu lassen und zu legitimieren, und verlängert somit den Teufelskreis von Coups, der die Entwicklung eines freien und demokratischen Thailand hemmt.

Übersetzung und Redaktion: ████████████

Advertisements