Pravit Rojanaphruks offener Brief an alle Ultra-Royalisten

Der thailändische Journalist Pravit Rojanaphruk (siehe u.a. hier, hier, hier und hier), der nach seiner zweiten Festnahme durch die Junta seine Stelle bei der englischsprachigen Tageszeitung The Nation kündigte und nun bei Khaosod English arbeitet, hat anlässlich der scharfen Kritik mancher prominenter Anführer der Gelbhemden bzw. des PDRC und der Junta am neuen US-Botschafter Glyn Davies (siehe u.a. hier und hier) einen offenen Brief (auf Thailändisch hier) an alle Ultra-Royalisten in Thailand veröffentlicht.

[Deutsche Übersetzung von PWT:]

Ein offener Brief an alle Ultra-Royalisten

Liebe Ultra-Royalisten,

ich war überrascht und erfreut darüber, als ich lesen durfte, dass sich in der letzten Woche Hunderte von Euch zunächst vor der US-Amerikanischen Botschaft [in Bangkok] zusammengefunden haben, um die Kritik am Lèse-Majesté-Gesetz (Gesetz zur Majestätsbeleidigung) des neuen U.S. Botschafters Glyn Davies zu verurteilen und seine Amtsenthebung zu fordern, und dass es ähnliche Kundgebungen in anderen Provinzen gegeben hat. Es ist gut – wenn auch ironischerweise surreal –, Euch alle zu sehen, wie Ihr Euer Recht auf politische Versammlungsfreiheit ausüben konntet, obwohl die Junta eigentlich die Zusammenkunft von fünf oder mehr Personen verboten hat. Zudem durftet Ihr von Eurem Recht auf Meinungsfreiheit Gebrauch machen, um die Meinungsfreiheit anderer durch Eure Unterstützung für das Lèse-Majesté-Gesetz zu beschneiden.

Während ich Eure ideologischen und politischen Ansichten die Monarchie betreffend respektiere, bin ich enttäuscht darüber, dass der ehrwürdige Mönch Buddha Issara, der die Protestierenden am 27. November auf dem Weg zur U.S. Botschaft anführte, behauptete, für alle Thais zu sprechen.

Ich habe keine Bedenken, wenn er sagt: „Wir sind keine Sklaven der USA“, und wenn ich das hinzufügen darf, wir sollten niemandens Sklaven sein. Dennoch wurde seine Exzellenz in den Medien so zitiert, als würde er für alle Thais sprechen. „Die Monarchie ist eine heiliges Symbol, das alle Thais bereit sind mit ihrem Leben zu verteidigen“, waren seine Worte am 28. November 2015 in der Bangkok Post.

„Alle Thais“ ist dabei ein sehr umfassender Begriff, der keinen Raum für die Vielfalt im Denken der thailändischen Bürger lässt.

Hat Euer Anführer nicht gewusst oder war es ihm gerade recht zu vergessen, dass erst im Jahr 2012 39.185 Unterschriften gesammelt wurden, um beim Parlament zu beantragen, das Lèse-Majesté-Gesetz zu ändern?

Genau so wie ich niemals behaupten würde, für alle Ultra-Royalisten zu sprechen, sollten andere Personen nicht versuchen, für mich zu sprechen, weil ich weiß, dass es Thais gibt, die das Lèse-Majesté-Gesetz nicht nur für eine Peinlichkeit befinden, sondern es als unzeitgemäßes, drakonisches, ja sogar barbarisches Gesetz betrachten, unter dem Menschen zu bis zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt werden, nur weil sie sich negativ oder kritisch über die Monarchie äußerten.

Wie in jeder komplexen Gesellschaft, gibt es nicht nur die eine Art, Thai zu sein, nicht nur eine thailändische Sicht auf die Dinge, sondern vielmehr eine Vielzahl thailändischer Ansichten. Euer Nationalismus mag sich auf einige wenige Insitutionen beschränken, aber mein Patriotismus steht für die größere Freiheit und Gleichheit aller.

Wo es wichtige Meinungsverschiedenheiten gibt, sollten wir diskutieren, debattieren, reflektieren und Gemeinsamkeiten suchen, um hoffentlich einen Kompromiss zu erzielen, anstatt uns vorzumachen, dass dieser nicht existiert.

Unglücklicherweise gibt es Thais, die denken, es gibt keine Debatte über die Angemessenheit des Lèse-Majesté-Gesetzes im 21. Jahrhundert und die schlussfolgern, dass alle es gutheißen.

Die Diskussion über den Wert des Lèse-Majesté-Gesetzes wird weiter gehen, unabhängig davon, was eine Seite behauptet oder was ein ausländischer Gesandter sagt oder nicht, so lange bis es einen annehmbaren Kompromiss gibt, der von den meisten, wenn nicht von allen, akzeptiert wird.

Ausländer wie Botschafter Davies, der am 25. November beim Foreign Correspondents Club (Club der Auslandskorrespondenten) von Thailand eine Rede hielt, sprechen das Offensichtliche nur aus einer anderen Sichtweise aus an, wenn sie sagen, dass niemand eingesperrt werden sollte, weil er friedlich seine Meinung geäußert hat. Es ist einfach, die ‚ugly Americans‘ (hässlichen Amerikaner) zu beschuldigen, die ihre Nase in interne Angelegenheiten stecken, und zu vergessen, dass eine interne Debatte existiert, die noch weit davon entfernt ist, abgeschlossen zu sein.

Kritische Ansichten gegenüber dem Lèse-Majesté-Gesetz werden nicht nur von westlichen Liberalen vertreten, sondern von einer großen Zahl Thais, die nach einem freieren und offeneren Thailand streben, wo Menschen sich öffentlich über diese wichtige Institution artikulieren können, ohne Angst haben, sich auf Gerüchte beziehen oder auf Klatsch ausweichen zu müssen, und wo Leute, wie ich selbst, schreiben können, ohne, dass ich mich in einem Ausmaß zensieren muss, in dem nur noch positive Dinge über die Monarchie geeignet sind, um veröffentlicht zu werden. Leider versuchen manche Thais nun sogar die Kritik am Gesetz selbst zum Tabu zu machen. Sie wollen jetzt nicht mehr nur die Monarchie über jede Kritik stellen, sondern das Gesetz selbst unkritisierbar machen. Sie gehen irrtümlicherweise davon aus, dass Kritik am Gesetz schädlich und bösartig gegenüber der Monarchie gemeint ist. Das ist so, als würde man sagen, diejenigen, die gegen allgemeine Bestrafungen sind, unterstützen verabscheuenswürdige Verbrechen. Dabei sind sie für ein Recht auf Leben und eine Chance für Kriminelle, für ihre Schuld zu büßen.

Lasst uns die Dinge nicht schwarz-weiß sehen. Lasst uns uns selbst und andere nicht länger täuschen und Thailand zum Gespött der Welt werden lassen, indem wir so tun, als gäbe es bei diesem Thema Einigkeit zwischen uns allen.

Die Wahrheit ist so beschämend offensichtlich, wenn ausländische Journalisten politische Häftlinge oder Personen, die gegen dieses Gesetz sind, interviewen. Wir schulden es unserer Nachwelt, dass wir unsere Differenzen besonnen, gesittet, vernünftig und gütlich überwinden.

Und nur dass wir unterschiedlicher Meinung bezüglich dieses Themas sind, heißt nicht, dass wir uns als Todfeinde sehen oder Social Media Plattformen mit Hassreden füllen müssen.

Lasst das Licht der Vernunft walten.

Meine besten Wünsche an Euch alle und an alle Thais,

Pravit Rojanaphruk

P.S. Übrigens, ich wäre nicht zu sehr besorgt über den Ruf nach Ablösung des amerikanischen Botschafters. Davies war zuvor in Nordkorea und ich glaube nicht, dass irgendetwas in Thailand ihn aus der Ruhe bringen wird. Aber Ihr alle habt das Recht, weiter seine Amtsenthebung zu fordern. Und obwohl wie ich erst kürzlich auch zwei neugierigen US Diplomaten erzählte es nicht so viele von Euch gibt, seid Ihr genug um die Botschaft zu stürmen.

Übersetzung und Redaktion: ████████████

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