Selektive Ermittlungen, statt Ermittlungen in alle Richtungen

In einem von der thailändischen Tageszeitung Matichon (มติชน) abgedruckten Facebook-Posting hat Professor Nattapong Thongpakde (ณัฐพงศ์ ทองภักดี) von der School of Development Economics am National Institute of Development Administration (NIDA) die Ermittlungen des Bombenanschlags vom 17.08.2015 kritisiert. Dabei hat er diese vor allem mit den Ermittlungen des Terroranschlags in Boston im Jahr 2013 verglichen:

„Die Einstellung des thailändischen Staates zum Bombenanschlag an der Ratchaprasong-Kreuzung: Falsche Gewichtung, große Gefahr“

Da ich in Boston studiert habe, habe ich den Terroranschlag beim Boston Marathon mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Nach dem Bombenanschlag an der Ratchaprasong-Kreuzung in Bangkok habe ich erlebt, wie die Regierung, das Militär und die Polizei in Thailand den Tatort untersucht und Beweismaterial erhoben haben und deren Vertreter sich über den Vorfall geäußert haben. Dabei stelle ich fest, dass es gravierende Unterschiede zu den Ermittlungsarbeiten in Boston gibt: Da man in Thailand einen anderen Ansatz verfolgt, kommt es zu einer anderen Haltung und Einstellung der Ermittler. Dies führt dazu, dass die Situation in Thailand gefährlich ist.

  1. Im Fall von Thailand hat ein Regierungssprecher nach dem Vorfall unzweideutig angemerkt, dass der Anschlag auf eine Gruppe, die ihre politischen Vorteile verloren habe und nun Chaos im Land schaffen wolle, zurückzuführen sei. Der [Verteidigungsminister und] Vize-Premierminister sagte später, der Anschlag habe zum Ziel, der Wirtschaft und dem Tourismus Schaden zuzufügen. Der Anschlag sei innenpolitisch motiviert gewesen. Auch führende Polizeibeamte haben angedeutet, dass thailändische Staatsbürger hinter diesem Anschlag gesteckt hätten. Sie haben sogar gesagt, dass der Verdächtige, der ausländisch aussehe, möglicherweise ein dementsprechend verkleideter Thailänder gewesen sein könnte. All diese Aussagen haben zum Ziel, den Eindruck zu erwecken, dass dieser Anschlag kein Akt eines internationalen Terrorismus gewesen ist. Auch der Regierungschef hat bemerkt, dass der Täter sich der Polizei stellen solle, bevor er von den Hintermännern zum Schweigen gebracht, also getötet, werden würde. Eine ähnliche Bemerkung hat er auch bei den vorangegangenen Bombenanschlägen gemacht.

  2. Die Beweisaufnahme ist äußerst rasch abgeschlossen worden. Der Anschlag fand am frühen Abend statt. Am nächsten Mittag wurden die Straßen gesäubert, und der Schrein so wiederhergestellt, dass er wieder wie zuvor besucht werden kann. D.h. die Ermittler hatten nur einige wenige Stunden bei Tageslicht Zeit, um alle Beweise zusammenzutragen.

  3. In den Medien laufen offizielle Mitteilungen der Regierung darauf hinaus, dass sich die Situation normalisiert habe und dass ausländische Besucher nicht in Panik geraten seien. Ausländische Touristen, die sich bereits im Land befinden, hätten ihre Reisen normal fortgesetzt. Unter ihnen sei keine besondere Sorge zu spüren.

  4. Insgesamt kann man erkennen, dass Versuche unternommen worden sind, um zu betonen, dass nichts Besonderes passiert sei, damit ausländische Touristen weiterhin nach Thailand reisen. Es wird suggeriert, dass der Tourismus von diesem Anschlag nicht betroffen sei, und somit auch die Wirtschaft nicht. Dieser jüngste Bombenanschlag habe sich also nicht von den bisherigen Anschlägen unterschieden (Bei denen – wie man wissen muss – wirkliche Täter nie gefasst werden konnten). Die Situation werde sich selbst beruhigen.

  5. Aus der Betonung dessen, dass der Anschlag innenpolitisch motiviert gewesen sei, kann die Militärregierung Kapital für sich schlagen. (So wie bei einem vorangegangenen Bombenanschlag, infolgedessen eine wichtige Zeugin im Zusammenhang mit der Erschießung von Demonstranten im Tempel Wat Pathum Wanaram [nach der blutigen Beendigung der Rothemden-Proteste im Jahr 2010] festgenommen wurde.) Dies schürt noch mehr Hass gegenüber Opponenten der Militärregierung und soll den Eindruck entstehen lassen, dass die Militärregierung es nicht leicht habe, weil Personen, die sich durch die Arbeit der Militärregierung im Nachteil wähnen würden, versuchten, die Arbeit der Regierung zu erschweren. Eigentlich ist es doch so, dass selbst wenn dieser Anschlag ein innenpolitisch motivierter Anschlag gewesen sein sollte, nur Angehörige des Militärs und der Polizei, jedoch nicht politisch motivierte einfache Bürger, einen solchen Anschlag ausüben könnten,[1] egal wie brisant eine solche innenpolitische Auseinandersetzung auch sein mag.

  6. Die Ermittlungen [nach diesem Anschlag] in Thailand konzentrieren sich nicht auf Beweismaterial, um zu einem Schluss zu kommen. Im Gegenteil konzentrieren sich die Ermittlungen auf Beweismaterial, das die aufgestellte Annahme stützten wird. Deshalb kommt es zu sinnfreien Aktionen wie der Festnahme von Personen, die irgendwelche Warnungen vor einem Anschlag auf Facebook gepostet haben sollen.

  7. Im Fall von Boston wurde das Augenmerk auf die Sicherheit der Menschen gerichtet. Deshalb hielten die Beteiligten die Situation nach dem Vorfall für eine Ausnahmesituation, in der Vorsicht geboten war. Die Beweiserhebung wurde dem Standard gemäß durchgeführt. Der Tatort wurde abgeriegelt, ebenso die umliegenden Straßen, bis die Beweiserhebung abgeschlossen wurde. (Es gibt keine Information darüber, wie lange die Ermittler dafür gebraucht haben. Es gab jedoch Beweisfotos dafür, dass es 24 Stunden gedauert hat. Selbst danach wurde der Tatort noch nicht freigegeben.) Dabei wurde kein Wort über die Wirtschaft und den Tourismus[2] verloren.

  8. In Boston konzentrierte man sich auf die Suche nach den Attentätern und deren Motiv, weil dies die Erkenntnis hätte geben können, ob sie einen weiteren Anschlag planen würden. Dabei spielten die gefundenen Beweise die zentrale Rolle. Die Behörden haben ständig über den Sachstand der Beweiserhebung berichtet. Keine Prognosen wurden abgegeben. (Es gab sicherlich auch Deutungen von Beweisen.) Vor allem gab es keine Frage nach möglichen Hintermännern.

  9. Sobald es Aufnahmen von den Überwachungskameras gab, haben die Behörden diese ausgestrahlt. Die Medien wurden gebeten, diese Bilder zu zeigen, um Indizien über den Verbleib der Attentäter zu bekommen. Die Medien haben die Bilder ständig gezeigt und dafür gesorgt, dass es Hinweise über die Attentäter gab. Die Behörden konnten die Attentäter beinahe fassen. Allerdings konnten sie vorher flüchten. Am Ende kam es zu einem Gefecht in Watertown in der Nähe von Boston. Dabei wurde ein Attentäter erschossen und ein anderer festgenommen. Während des Gefechts wurde das gesamte Stadtgebiet abgeriegelt. Die Menschen durften ihre Wohnungen nicht verlassen, weil es gefährlich war. Die Medien haben davon live berichtet.

  10. Da die Behörden die Attentäter ausfindig machen konnten, konnten sie deren Motiv auch nachvollziehen. Sie konnten feststellen, dass es sich bei den Attentätern um Radikale handelte, die unabhängig agiert haben. Diese haben weitere Anschläge in Washington D.C. geplant. Die Festnahme hatte zum Ziel, die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten.

  11. Ermittlungen nach der Beweislage sind bei einem solchen Anschlag von besonderer Bedeutung. Genauso wichtig sind die Fahndung nach den wirklichen Tätern und die Suche nach deren Motiv. Der Versuch, das Ereignis als ein normales Ereignis abzutun und den Tourismus zu schützen und irgendwelche Personen festzunehmen, ist völlig kontraproduktiv. Denn wenn man das wirkliche Motiv eines solchen Anschlags nicht weiß, ist die Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit nur schwer zu realisieren. Ausländer hören keine amtlichen Nachrichten und Mitteilungen der thailändischen Regierung, sondern vorwiegend Berichte ausländischer Medien. Und diese berichten nach dem vorhandenen Beweismaterial und nicht alleine davon, was die thailändische Regierung ihnen mitteilt.

  12. Der Versuch, diesen Anschlag als ein normales Ereignis oder ein altbekanntes Phänomen abzutun, ist gefährlich. Wichtig ist, dass Bombenanschläge in Thailand bislang entweder nicht aufgeklärt werden konnten, etwa bei einem Attentatsversuch auf den früheren Premierminister Thaksin Shinawatra. Es wurde nie aufgeklärt, welches Motiv dieser Attentatsversuch hatte und wer dahinter war. Bei anderen Bombenanschlägen wurden Personen festgenommen (etwa bei einem jüngsten Bombenanschlag auf ein Gericht in Bangkok). Allerdings wurde und wird angezweifelt, ob es sich bei den Festgenommenen um Sündenböcke, also politische Gegner, handeln könnte. Der Anschlag an der Ratjaprasong-Kreuzung unterscheidet sich grundlegend von all diesen Anschlägen. Die Ermittlungen in diesem Fall dürfen nicht so verlaufen, wie bei den bisherigen Fällen.“

Einiges deutet darauf hin, dass Prof. Nattapong Thongpakde mit seinen Anmerkungen recht haben könnte: Nach dem eilig angeordneten Big Cleaning Day[3] am Tag nach dem Anschlag, wurden einem Bericht zufolge am Tatort noch Leichenteile gefunden. Auch ein BBC-Reporter konnte drei Tage nach dem Anschlag am Tatort Bombenreste finden. Ihm ist jedoch nicht gelungen, dieses Beweismaterial der Polizei zu übergeben. Die Wachtmeister haben ihn gebeten, während der offiziellen Bürozeiten noch einmal zu erscheinen.


[1] Anmerkung von PWT: Auch wenn es nicht ausgeschlossen ist, findet PWT, dass Prof. Nattapong dies zu sehr als Tatsache darstellt, dass es nur das Militär oder die Polizei gewesen sein könnte.

[2] Anmerkung von PWT: Was durchaus bemerkenswert ist, wenn man sich die Statistik internationaler Besucher in Boston ansieht: http://www.bostonusa.com/partner/press/statistics/ Diese liegt ungefähr in selber Höhe wie die Übernachtungsgäste in Bangkok: http://www.statista.com/statistics/310374/international-overnight-visitors-to-bangkok/, beides zuletzt aufgerufen am 21.08.2015.

[3] Laut Kaosod sieht sich Sukhumband in der Verantwortung schnell für die Aufräumarbeiten zuständig zu sein. Andernfalls hätte die Regierung ihm Anweisungen gegeben: http://www.khaosodenglish.com/detail.php?newsid=1440137916, zuletzt aufgerufen am 21.08.2015. Diese Argumentation wundert PWT. Es sollte doch weder der Gouverneur noch die Regierung bestimmen können, wann die Aufrauemarbeiten durchgeführt werden, sondern dies sollte in Händen des Ermittlerteams liegen, die die Gegend ab einem bestimmten Zeitpunkt „freigeben“ für Aufrauemarbeiten, sobald die Ermittlungen abgeschlossen sind.

Text und Redaktion von: ████████████

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