Der Fluch der dritten Generation?

von Rüdiger Korff*

In einem alten chinesischen Sprichwort heißt es: Die erste Generation baut auf, die zweite Generation erhält und die dritte Generation verprasst den Reichtum. Gehen wir von einem Zeitraum von 30 bis 35 Jahren pro Generation aus, kann die Zeit von Mitte der vierziger Jahre bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts als erste Generation in Thailand beschrieben werden. Die Zeit der zweiten Generation reicht dann von den späten Siebzigern bis zum Anfang des neuen Jahrtausends. Nun steht der Wechsel in die dritte Generation bevor. Allerdings sind chronologische Messungen eher fragwürdig. Karl Mannheim spricht von „Generationenerlebnissen“, durch die die jeweiligen Generationen schon in der Jugendzeit geprägt wurden. Der Fluch der dritten Generation bezieht sich primär auf Familienunternehmen. Angesichts dessen, dass Familienunternehmen weitgehend die Wirtschaft in Thailand dominieren und auch in der Politik und der Verwaltung Familienverbände eine zentrale Rolle spielen, stellt sich die Frage, ob auch für die Eliten dieser Fluch gilt.

Die erste Generation oder die Bildung einer post-kolonialen Elite

Die prägenden Generationserlebnisse für die erste Generation waren zweifellos die Auflösung der absoluten Monarchie, die Regierungen von Phibul und Krieg. Diese Zeit war durch die Auflösung vorheriger Eliten gekennzeichnet und der Konkurrenz unter sich neu-bildenden Gruppen, um wirtschaftliche, politische und normative Dominanz zu erreichen. Nach dem Ende des Krieges setzte eine Konkurrenz zwischen zivilen, um die „freien Thai“ organisierten Gruppen, und dem Militär ein. Mit dem Putsch von Sarit 1958 setzte sich das Militär durch und die Monarchie, die vorher eine Nebenrolle spielte, nicht zuletzt weil die königliche Familie im Ausland lebte, wurde aufgewertet.

Ein interessanter und wichtiger Aspekt dieser Prozesse ist die Transformation charismatischer Autorität in Formen bürokratischer Herrschaft. Mit der Auflösung der alten Ordnungen und damit verbundener Eliten, nahm der Grad gesellschaftlicher Integration und Legitimation ab. Der Zusammenhalt basierte auf dem Charisma der nationalen Führer wie Pridi Phanomyong und Phibul Songkhram. Das war auch für die anderen Länder der Region kennzeichnend, wie Sukarno in Indonesien, Tunku Abdul Rahman in Malaysia, oder Ho Chi Minh sowie Giap in Vietnam. Die Transformation von Charisma in bürokratische Herrschaft basierte darauf, dass die Konsolidierung der Herrschaft und gesellschaftliche Integration auf der Organisierung der Verwaltung, dem Militär und der Wirtschaft basierte. Je mehr gesellschaftliche Integration über diese Organisationen erfolgte, desto unwichtiger wurde Charisma. In den sechziger Jahren konnten so, nahezu überall in Südostasien, die charismatischen Führer durch „Bürokraten“, ersetzt werden. Es entstand eine Verbindung von Tycoons und Verwaltung (Staatsbürokratie und Militär), deren Grundlage die Interdependenz beider war: Tycoon-Business ist auf die Unterstützung der Verwaltung angewiesen und die Verwaltung auf die Wirtschaft. (siehe hierzu die Überlegungen zur „bureaucratic polity“). Oftmals konnten die Grenzen zwischen Wirtschaft, Verwaltung und Militär nicht klar gezogen werden, da Generäle auch Anteile an Unternehmen hatten, Unternehmer über Politik Einfluss auf die Verwaltung nahmen und über Heirat die Spitzen der Wirtschaft, Verwaltung und dem Militär verbunden wurden. Während die Führer der ersten Generation sich über eine Politik der rapiden Modernisierung legitimierten, basierte die Legitimation der postkolonialen Elite auf der Konstruktion vor-kolonialer oder feudaler Traditionen (z.B. Monarchie als Basis thailändischer Kultur, Harmonie und Konsens in Indonesien, Islam und Malayness in Malaysia), die von an die Elite assoziierten Intellektuellen wie z.B. Kukrit Pramote, produziert wurden. So kann man auch von einer post-kolonialen, neo-feudalen Elite sprechen.

Die zweite Generation oder das Wirtschaftswunder

Für die Konsolidierung der ersten Generation der Elite und der Verbindung zwischen den jeweiligen Fraktionen, war es wichtig, dass aufkommende Konkurrenten ausgeschaltet wurden. Dafür war der Erhalt der Verbindungen zwischen Wirtschaft und Bürokratie/Militär und Politik wichtig, denn wirtschaftlicher Aufstieg basierte weitgehend auf Lizenzen und Monopolen, die von der Verwaltung vergeben wurden. Aufstieg im Militär und der Bürokratie basierten auf Patronagebeziehungen, für die die Verteilung von Ressourcen, die über Beziehungen zu den Tycoons generiert wurden, relevant waren. Bis in die frühen siebziger Jahre spielten Transfers der Amerikaner im Rahmen des Vietnamkrieges eine wichtige Rolle, doch damit das System sich langfristig reproduzieren konnte, war Wirtschaftswachstum eine Voraussetzung. Wirtschaftswachstum wurde durch die Öffnung der Ökonomie und Forcierung des Exportes stimuliert. Allerdings ergaben sich daraus auch Forderungen nach politischen Reformen. So sind die siebziger und achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts eine Phase des Generationswechsels.

In Thailand waren die siebziger Jahre durch politische Konflikte und Instabilität gekennzeichnet. 1973 wurde das Militärregime durch die Proteste der Studenten abgelöst. 1976 gab es einen Militärputsch, mit der Einsetzung eines zivilen Premierministers, der im Putsch 1977 abgesetzt wurde. 1980 wurde Prem Tinsulanond Premierminister und stand bis 1988 sehr unterschiedlichen Kabinetten vor. Hier bestehen durchaus Ähnlichkeiten zu Malaysia: Nach den Rassenunruhen 1969 wurde die NEP ausgerufen und der Aufbau von freien Exportzonen forciert. Die Unruhen brachten das frühere Gefüge der Verbindung von Eliten und Politik (Regierungskoalition oder Barisan nasional) durcheinander. Mit dem Regierungsantritt von Mahathir 1981 stabilisierte sich die politische und wirtschaftliche Situation wieder. Bis 2003 blieb er im Amt!

Sowohl die Regierungen von Prem als auch von Mahathir waren durch technokratische, auf Wirtschaftswachstum abzielende Politiken gekennzeichnet, die, wie der Boom der neunziger Jahre zeigte, offensichtlich erfolgreich waren. Der wichtige Unterschied ist jedoch, dass Mahathir immer über Wahlen sein Amt erhielt, während Prem als Premierminister eingesetzt wurde. Darin zeigt sich ein zentraler Unterschied zwischen beiden Ländern: In Malaysia trifft die Elite über Politiker die relevanten politischen Entscheidungen, während in Thailand Politiker kaum dazu in der Lage sind, relevante politische Entscheidungen zu treffen. Entweder droht das Militär mit einem Putsch, die Gerichte heben Entscheidungen auf, Intellektuelle kritisieren sie als nicht der thailändischen Kultur entsprechend oder die Verwaltung blockiert ihre Umsetzung.

Der Wechsel von der ersten zur zweiten Generation war mit einigem Durcheinander verbunden, wie die Revolten und Putsche zeigen. In den achtziger Jahren war der Generationswechsel offensichtlich erfolgreich abgeschlossen. Zwar entsprach das politische System nicht unbedingt dem Ideal von Demokratie, doch kann eben so wenig von autoritär repressiven Regimes gesprochen werden. Für die Legitimation der Elite war Demokratie allerdings auch von keiner größeren Bedeutung, solange der Lebensstandard zunahm, soziale Mobilität in eine Mittelschicht erfolgte und Stabilität gewährleistet war. Vor allem in den neunziger Jahren wurde Konsumerismus wichtiger als Partizipation in politischen Prozessen.

Diese zweite Generation war unter der Militärherrschaft erst von Phibul und später Sarit aufgewachsen. Je nachdem, welche „Fraktion“ das Militär gerade dominierte (Soi Ratchakhru zu der die Chonhavons und Pao gehörten, oder Sisao Theves zu der Sarit gehörte), hatten damit verbundene Tycoons aber auch Bürokraten Vor- oder Nachteile. Ähnliches gilt für soziale und kulturelle Gruppen wie die Aristokratie usw. Diese Erfahrungen der sehr starken Abhängigkeit führten zu einer Skepsis gegenüber einer reinen Militärherrschaft. Die „bureaucratic polity“ musste durch politische Prozesse domestiziert werden, was vor allem als Aufgabe für die Democrat Party angesehen wurde. Im Unterschied zur ersten Generation war die zweite Generation sehr gut ausgebildet und konnte auf der Basis der technokratischen Professionalisierung der Tycoons, Bürokraten und dem Militär eine neue Form der Verbindung eingehen. Neben den für die erste Generation ausschlaggebenden persönlichen Beziehungen, bildeten die technokratischen Ausrichtungen und professionellen Kompetenzen eine weitere Grundlage für gemeinsame Interessen und die Realisierung von Zukunftsvorstellungen u.a. durch sogenannte Mega-Projekte.

Die dritte Generation oder von der Asienkrise zur Systemkrise?

Die Asienkrise von 1997 wurde in Südostasien insgesamt von den Eliten relativ gut überstanden. Obwohl Soeharto abtrat, verloren seine Kinder nur einen geringen Teil ihrer Vermögen. In Malaysia konnte Mahathir die Versuche Anwar Ibrahims, seine „Cronies“ abzuwickeln erfolgreich abwehren. In Thailand haben wir eine Kontinuität, die sich u.a. in den Banken, dem Bureau of the Crown Property, CP usw., also den Zentren der Wirtschaftselite, ausdrückt. Allerdings führte die Krise, da die Zukunftsaspirationen der neuen Mittelschichten weitgehend frustriert wurden, zu einem Legitimationsverlust. Zusätzlich wurden nun Forderungen der stark von der Krise betroffenen Bauern (Reduktion der Transfer von Familienmitgliedern aus Bangkok, Verfall der Preise usw.), wie durch das „Forum oft he Poor“, gestellt.

Offensichtlich war die Regierung von Chuan Leekpai nicht dazu in der Lage, die Interessen der Elite zu befriedigen und die Forderungen der Mittelschichten und Bauern zu besänftigen. Thaksin Shinawat wurde als passendere Alternative angesehen um als Repräsentant der erfolgreichen, neureichen Tycoons die Situation zu stabilisieren. Seine Politik zielte darauf ab, die Mittelschichten und Bauern durch Populismus zu befriedigen und die Interessen der Eliten zu realisieren. Allerdings begann er, nachdem seine Thai Rak Thai Partei 2005 mit über 60% der Stimmen eine klare absolute Mehrheit erlangte, eine Politik zu verfolgen, in der Politiker – also er – die relevanten Entscheidungen fällen. Das war eine Herausforderung der Eliten und 2006 wurde gegen ihn geputscht. Jedoch erlaubte dieser Putsch keine Re-konsolidierung der alten Eliten, denn trotz einer u.a. durch die Besetzung des Flughafens erpressten Regierungsumbildung und eines weiteren Putsches 2014, konnte sich die alte Elite nicht wieder durchsetzen und verlor zunehmend an Legitimation.

Bis etwa 2005 konnte die alte Elite sich in Thailand und Malaysia weitgehend erhalten. Seitdem wird ihre Position von größeren Teilen der Bevölkerung in Frage gestellt. Offensichtlich funktionieren die Legitimationsideologien nicht mehr. Es müssen zunehmend knappe Ressourcen für Repression verwendet werden, wie z.B. Anklagen wegen Majestätsbeleidigung, die Ideologien werden immer konservativer interpretiert und sollen unkritisch akzeptiert werden. Ist dieses ein Indikator dafür, dass der anstehende Generationswechsel vor Problemen steht?

Abschluss

Die erste Generation konnte sich basierend auf persönlichen Beziehungen zwischen Tycoon, Bürokraten und Militär konsolidieren und eine top-down Politik und Ideologie etablieren. D.h.: „Macht was wir sagen, denn wir sind erfolgreich. Unsere Kultur sagt, dass wir im Zentrum stehen“. Für die zweite Generation war ein technokratischer Konsens ausschlaggebend. Kurz: „Wir wissen es besser als ihr und darum tut was wir euch sagen. Außerdem wissen wir, was unsere Kultur wirklich ausmacht. Tut was wir euch sagen, denn nur so könnt ihr eure kulturelle Identität bewahren“. Was ist für die dritte Generation relevant? Angesichts des Wandels der Gesellschaften Südostasiens ist eine top-down Politik auch wegen der zunehmenden Differenzierung (Mittelschichten, Professionals, Bauern usw.) der Gesellschaften nicht mehr möglich. Statt zu versuchen, einen gesellschaftlichen Konsens zu oktroyieren, wie z.B. die 12 kulturellen Kernwerte, wäre es notwendig, politische Öffentlichkeit ohne direkte oder indirekte Zensur zu schaffen, aus der sich ein breiter Konsens ergibt. Das beinhaltet für die Elite natürlich auch, sich der Konkurrenz in Wirtschaft, Politik und Kultur zu stellen. Befürchtet die dritte Generation nun, in dieser Konkurrenz zu scheitern und wie im Märchen „des Kaisers neue Kleider“ plötzlich nackt da zu stehen?

*Rüdiger Korff ist Professor für Südostasienstudien an der Universität Passau. Weitere Gastbeiträge von ihm siehe hier und hier.

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