Oder sollen wir doch unsere Werte reformieren?

Baitonghaeng (ใบตองแห้ง) bedeutet ein dürres Bananenblatt. Es ist das Pseudonym des thailändischen Journalisten Atukkit Sawangsuk (อธึกกิต แสวงสุข). Es gibt in Thailand ein Sprichwort “หมาเห่าใบตองแห้ง” (Mah hau baitong haeng / Ein Hund bellt ein dürres Bananenblatt). Es ist mit dem deutschen Sprichwort “Hunde, die bellen, beißen nicht” vergleichbar. Mit dem Pseudonym vergleicht der Journalist sich selbst wohl mit einem “dürren Bananenblatt”, das “Hunden” so viel Angst machen kann, dass diese es anbellen müssen. Er reflektiert in seinem am 03.01.2015 in der thailändischen Tageszeitung Khaosod (ข่าวสด) veröffentlichten Beitrag unter dem Originaltitel „ปฏิรูปค่านิยมไหม“ über die zunehmende Moralisierung der Politik in Thailand.

Oder sollen wir doch unsere Werte reformieren? 

Baitonghaeng 

Nach der Lektüre des Interviews mit dem Arzt Piti Rutjanawet (ปิติ รุจนเวชช์) in der Tageszeitung Matichon (มติชน), in dem es um den Alkoholkonsum ging, würde ich so gerne den Arzt zu einer Lehrveranstaltung über Wertvorstellungen einladen. Lange habe ich nicht gedacht, dass es in diesem Lande noch solche bewundernswerten Ärzte gibt. Ich kannte nur Ärzte, die Patienten stets Zwang auferlegen und sich daran so gewöhnt haben, dass sie auf die Idee kommen, der ganzen Gesellschaft Zwang aufzuerlegen, die Menschen so zu behandeln, als wären sie Kleinkinder.

Der Arzt mit dem Spitznamen „Bier“ räumte offen ein, dass er gerne Bier trinke. Dabei betonte er, er wolle damit nicht propagieren, dass der Alkoholkonsum gut für die Gesundheit sei, sondern lediglich darauf hinweisen, dass es durchaus zur Ästhetik des Lebens gehöre, wenn man wisse, wie man mit Alkohol umgehen solle. „Gäbe es keinen Alkohol, hätte es den chinesischen Schriftsteller Gu Long[1] nicht gegeben.“ Deshalb sei er der Meinung, dass – statt Alkohol zu verbieten – die Menschen über einen richtigen Umgang mit Alkohol aufgeklärt werden sollten. Der Arzt sagte, er werde seine Kinder darüber aufklären. Er werde mit ihnen Alkohol trinken, weil er es besser finde, wenn seine Kinder zuerst mit ihm einen richtigen Umgang mit Alkohol ausprobieren würden, als außerhalb des Hauses.

Wer weiss? Vielleicht haben die Ärzte der Thai Health Promoition Foundation den Arzt mit dem Spitznamen Bier bereits auf deren Schwarze Liste gesetzt. Diese Moralisten könnten wohl schwerlich akzeptieren, dass dieser Arzt ein beispielhafter Vater ist.

In jenem Interview sprach Doktor Bier über Whisky und darüber, ob es stimmt, dass Wein gesünder sei, als etwa Whisky und ob es stimmt, dass ein geringfügiger Alkoholkonsum Herzerkrankungen bekämpfen könne etc. Das sind all die Themen, über die Ärzte hierzulande nicht sprechen. Sie ordnen lieber an: Verzichten Sie auf Akohol während der buddhistischen Fastenzeit! Ich selbst trinke keinen Alkohol. Aber das Gleiche gilt fürs Rauchen. Egal woran ich erkrankt bin, höre ich stets die Empfehlung, dass ich das Rauchen aufgeben soll. (Lieber Herr Doktor, ich bin heute zu Ihnen gekommen, weil ich mir meinen großen Zeh verstaucht habe!)

Auf die Frage, ob es stimmt, dass Thailänder keinen Wert auf die Erforschung solcher Themen legen, antwortete Doktor Bier lachend: „Wer wird denn solche Forschungsvorhaben finanzieren? In Thailand wird man schon übel beschimpft, wenn man etwas sagt, was nicht nach einem Gut-Menschen klingt. Nehmen wir das Beispiel ‚Liberalisierung von Spielcasinos‘. Es wird dramatisiert, dass dies in Thailand nicht geht, weil Thailand eine buddhistische Gesellschaft ist. Und immer das gleiche Argument bei allen Themen, sei es Alkohol, sei es Wettspiel oder seien es Frauen. All das können Sie in den TV-Soaps gut beobachten: Der Protagonist muss ein Adeliger sein und gut aussehen. Wenn er ein Arzt ist, dann darf er nichts trinken und nicht rauchen. Er muss adrett sein, Brille tragen. Bisweilen ist es nicht einmal erlaubt, dass er Pickel hat.“

Das trifft ganz zu. So ist die thailändische Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die gerne dramatisiert. Eine Gesellschaft, in der manche moralische Lektüren hochheben, um diese auf den Kopf anderer Mitmenschen schmeißen zu können, obwohl es im ganzen Land nur von Bars, Bordellen und illegalen Spielcasinos wimmelt.

Die thailändische Moral gewährt der „Ästhetik des Lebens“ – man könnte sie auch als die „Schattenseite des Lebens“ bezeichnen – keinen Raum. Sie akzeptiert diese düstere Seite des Lebens nicht. Kinder werden nicht darauf vorbereitet, wie sie damit umgehen können. Alles wird verboten, auch wenn zum Zusammenleben in einer Gesellschaft eigentlich nur das Respektieren von Rechten anderer Mitmenschen gehört. Und ein „Gut-Mensch“ könnte eigentlich auch nur jemand sein, der Nam Jai (น้ำใจ) hat, also an andere Mitmenschen bzw. die Allgemeinheit denkt. Unter Menschen, die trinken und rauchen, gibt es viele „Gut-Menschen“ nach dieser Definition.

Zahlreiche Menschen, die den Jahreswechsel mit Alkohol feiern, sind auch gute Menschen, solange sie unter Trunkenheit nicht Auto fahren. Im Gegensatz dazu gibt es unter Menschen, die den Jahreswechsel mit Gebet feiern, durchaus solche, die egoistisch und ignorant sind.

Das thailändische Moralsystem hinterfragt sich selbst nie, sondern ist geneigt, die Schuld des moralischen Scheiterns dem westlichen Wertesystem in die Schuhe zu schieben. Es seien die westlichen Werte, die für den moralischen Verfall in Thailand verantwortlich seien. Mit jeder neuen Generation stehe es mit der Moral immer schlechter. (Unsere Generation sei immer die beste gewesen, was noch zu beweisen ist!) An all das mag ich nicht so recht glauben. Meiner Ansicht nach denken die jüngeren Generationen in Thailand rationaler als die älteren Generationen, nicht weil jemand ihnen Moral beigebracht hätte, sondern weil diese jungen Menschen koreanische Fernsehserien statt thailändische TV-Soaps bevorzugen.

Im thailändischen Moralsystem geht es um Verbote. Kinder dürfen nicht frech sein, keine Computerspiele spielen, keine langen Haare tragen. Sie müssen auf Lehrer und Erwachsene hören. Das thailändische Moralsystem bereitet die Menschen in keinster Weise auf ihr Leben vor, auf ein Leben, in dem sie mit sehr unterschiedlichen Mitmenschen zu tun haben werden. Junge Menschen werden nicht auf ein Erwachsenenleben vorbereitet, in dem es um das Management all der Begierden geht, damit sie in einer gesunden Balance zueinander stehen.

Ein gutes Beispiel hierfür ist die Sexualität, die im thailändischen Moralsystem keinen Platz findet. Sex ist Tabu. Sex ist etwas Abscheuliches, das im Verborgenen gehalten werden muss. Auch wenn es seit geraumer Zeit Aufklärungsunterricht in der Schule gibt, geht es dabei meistens lediglich darum, Sex zu verbieten.

In der thailändischen Gesellschaft wird nicht die Vorstellung vermittelt, dass Sexualität zur „Ästhetik des Lebens“ gehört und dass damit der wichtige Aspekt, dass sie mit der Liebe einhergeht, verbunden ist. Daher die englische Formulierung: „Make Love“. Es ist ein Glücksmoment, der sich im Geben einstellt. Denn der Mensch unterscheidet sich in diesem Punkt von Tieren, die einen Geschlechtsakt erledigen, nur weil sie ihrem Instinkt erliegen. Beim Menschen kann sich das Gefühl des [sexuellen] Glücks auch durch emotionale Interaktionen einstellen. Durch die Tabuisierung ist Sexualität in einer noch so patriachalischen und autoritären Gesellschaft wie Thailand zu einem reinen Befriedigungsakt verkommen.

Will jemand dieses Moralsystem reformieren? Diese Wertevorstellungen? Damit sie zu einer offenen, freien, ja modernen Lebensform passen. Zu einer Welt, in der die Menschen ihr Leben selbst bestimmen wollen, ihren Weg selbst gehen wollen, ihre eigene Welt erschaffen können, ohne dabei Rechte anderer Mitmenschen zu verletzen.

Eigentlich leben die Menschen [in Thailand] auch in einer modernen Welt und finden sich in einem marktwirtschaftlichen System wieder, in dem es ständige Kämpfe um Profite gibt. Sie müssen ohnehin für sich eine Balance zwischen ihren Begierden und der Zufriedenheit finden. Sie verstehen also das wirkliche Moralsystem, auch wenn sie es nicht formulieren können.

Doch auf unserem Altar liegt nach wie vor das alte Moralwerk, das wir auswendig lernen und mit dem wir unsere Kinder und Kindeskinder erziehen und anhand dessen wir Forderungen an Andere stellen. Das wirkliche Leben geht in eine Richtung, das Drama in die andere Richtung. Dabei setzen wir unsere Hoffnung darauf, dass das ständige Spielen bestimmter Lieder oder Line-Stickers[2] mit tollen Sprüchen unsere Gesellschaft moralisch wirkungsvoller perfektionieren werden, als die Rationalität.

 

Abdruck der deutschen Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Baitonghaeng. Es sei darauf hingewiesen, dass in einem Gastbeitrag wie diesem geäußerte Meinungen nicht zwangsläufig von PWT vertreten werden.

 

[1] Anmerkung von PWT: Gu Long (โกวเล้ง) ist ein chinesischer Schriftsteller, dessen Werk in Thailand sehr beliebt ist. So wie zahlreiche seiner literarischen Figuren zelebrierte er in seinem wahren Leben das Trinken als ein freundschaftsverbindendes Element.

[2] Anmerkung von PWT: Die thailändische Regierung hat die 12 Werte nach General Prayuth Chan-ocha in Form von Line-Stickers darstellen lassen. Siehe u.a.: http://www.khaosodenglish.com/detail.php?newsid=1419235215, zuletzt aufgerufen am 02.01.2015.

Text und Redaktion: ████████████

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