„Kurios, nicht wahr? Die Menschen sind glücklich, wenn ‚eine Diktatur‘ das Land regiert“

„Eine westliche Demokratie passt nicht zu Thailand. Es gibt im Land des Lächelns einfach noch so viele Menschen, die ungebildet, egoistisch, käuflich und leicht zu beeinflussen sind, also für die westliche Demokratie praktisch unbrauchbar.“ Meist von Thailändern, die sich für gebildet, unkäuflich und nicht leicht beeinflussbar halten, werden solche und ähnliche Gründe mit Verweis auf die asiatische Kultur immer wieder als Ursachen bzw. Entschuldigungen dafür genannt, dass Thailand wieder einmal vom demokratischen Weg abgekommen ist. Auch beim jüngsten Militärputsch unter der Führung des alleinigen Machthabers General Prayuth Chan-ocha (ประยุทธ์ จันทร์โอชา) und seinem NCPO ist diese Argumentation zu hören.

Ein repräsentatives Beispiel dieser Sichtweise war der Beitrag unter der Überschrift „Kurios, nicht wahr? Die Menschen sind glücklich, wenn ‚eine Diktatur‘ das Land regiert“ („แปลกไหม! ประชาชนมีความสุข เมื่อ „เผด็จการ“ ปกครอง“) der thailändischen Journalistin Nongnut Singhadecha (นงนุช สิงหะเดชะ), der am 26.11.2014 in der thailändischen Tageszeitung Matichon (มติชน) abgedruckt wurde.

Nongnut beginnt ihren Beitrag mit der Erwähnung verschiedener Umfragen zu der Leitfrage, inwieweit die Thailänder mit Prayuth und seinem NCPO zufrieden seien. Eine der zitierten Umfragen war die des Center of Economics & Business Forecasting der University of the Thai Chamber of Commerce (ศูนย์พยากรณ์เศรษฐกิจและธุรกิจ มหาวิทยาลัยหอการค้าไทย), wonach alle – von Nongnut leider nicht aufgeführten – Vertrauensindikatoren im September gestiegen seien. Wichtiger Grund für das ansteigende Vertrauen sei, dass die Mehrheit der 2.252 befragten Personen mit Maßnahmen der Regierung zur Konjunkturankurbelung im 4. Quartal des Jahres 2014 in Form einer Investition in Höhe von 3.600 Milliarden Baht, also umgerechnet ca. 900 Millionen Euro, sowie mit den sinkenden Kraftstoffpreisen und der Aussicht auf steigende Exporte zufrieden seien. Nongnut hebt vor allem den – wohl vom Center of Economics & Business Forecasting selbst erstellten – Glücksindex hervor, der laut der Umfrage von 92 auf 96,7 gestiegen sei. Auch wenn die Journalistin nicht weiter ausführt, wie hoch der maximale Glücksindex ist, betont sie, die Ergebnisse solcher Umfragen seien überraschend, vor allem wenn man bedenke, dass die Flitterwochen zwischen dem NCPO und der Bevölkerung nach 6 Monaten als vorbei gesehen werden könnten.

Nongnut sagt: „Die Meldungen über derartige Umfragen haben meine Aufmerksamkeit erregt. Denn solche Werte sollten eigentlich in einer Zeit, in der das Land von Putschisten regiert wird, undenkbar sein, also in einer Zeit, die die Leute, die das Militär und den Militärputsch nicht mögen, als eine Zeit unter einer Diktatur bezeichnen würden.“

Für die Journalistin müssten derartige Umfrageergebnisse, genau wie für Wahlprofis (นักเลือกตั้ง), Politiker und Demokratietheoretiker (นักประชาธิปไตยตามทฤษฏี), wie eine Ohrfeige wirken, denn „solche Werte entsprechen ihren Textbüchern nicht. Diese Leute müssten sich verzweifelt fragen, wie es dazu kommen könne, dass die Menschen unter einer Diktatur glücklicher sind als unter einer gewählten Regierung.“ Dies veranlasst Nongnut zu ihrer eigentlichen Frage, was mit Thailand in den vergangenen Monaten passiert ist:

„Die Frage darf an Politiker und Wahlprofis gestellt werden, was sie der Nation und der Bevölkerung angetan haben, dass eine Situation entstanden ist, wo sich eine gewisse Politikverdrossenheit so breit macht, dass die Menschen eine Pause von der Demokratie für eine Weile haben wollen. Denn die Demokratie bietet ein System, das die Menschen nicht glücklich macht, auch wenn sie als ein System gilt, das im Vergleich zu einer Diktatur größere Freiheit verspricht.

Warum sind die Menschen so froh darüber, dass sie bereit sind, eine Beschneidung bestimmter Rechte einzutauschen gegen die Sicherheit im Leben und ein Ende politischer Konflikte?

In unserer thailändischen Gesellschaft herrschen unterschiedliche Einstellungen gegenüber dem Militärputsch und der Demokratie. Die Idealisten, also die mit einer weißen Brille, sehnen sich nach einer Demokratie, die genau so aussehen soll, wie sie in ihren Theorien beschrieben ist. Dazu gehört beispielsweise die Forderung nach Wahlen. Sobald es Wahlen gibt, sind diese Idealisten froh und träumen davon, dass sich eine Demokratie bereits einstellt. Sie hinterfragen und kontrollieren die Wahlgewinner nicht, ob deren Ausüben der ihnen übertragenen Macht demokratisch ist.

Es ist so, als ob diese Idealisten ein Demokratie-Placebo geschluckt haben und sich sofort wunderbar fühlen. Ein Placebo-Effekt, wie man es in der medizinischen Welt zu nennen pflegt. […]

Analog dazu gilt für diese Idealisten als eine unerschütterliche Wahrheit, also eine statische Denkschablone, dass bei einem Militärputsch und unter einer Militärregierung überhaupt keine Demokratie und keine Freiheit vorhanden sind.

Freilich predigen die Demokratieidealisten unaufhörlich von jenem demokratischen Prinzip, dass jeder ‚Freiheit‘ genießen muss. Doch kennt Freiheit nach dieser idealistischen Vorstellung vielleicht eine andere Grenze, als die Freiheit der Demokraten, die die Welt brillenlos und realistisch sehen.

Für die brillenlose (bezogen speziell auf die gegenwärtige Lage in Thailand) Fraktion bedeutet Freiheit lediglich: Keine Vorgabe für meine Frisur, kein Verbot von Essen, das ich essen will, kein Verbot ausländischer Filme, die ich sehen will, kein Verbot von Jeanshosen, wenn ich eine anziehen will.

Aber ich finde es okay, wenn politische Versammlungen verboten sind, solange ich sicher leben kann und solange ich nicht im Stau stehen muss. Damit wäre ich schon zufrieden. Die bisherige Freiheit konnte meine Freiheit nicht garantieren.

Möglicherweise bedeutet ein Militärputsch oder eine Regierung unter einem nicht gewählten Regierungschef für diese brillenlose Fraktion nicht eine Diktatur und ein Ende aller Freiheiten.

Die Freiheit der verträumten Idealisten mit so einer weißen Brille kennt keine Grenze. Es muss immer mehr sein (was am Ende zu einem Chaos führt). Manche von Ihnen haben vielleicht schon mitbekommen, dass manche Menschen in den USA oder England fordern, dass sie an öffentlichen Orten nackt herumlaufen dürfen sollen. (Ungefähr so, als ob man nichts Besseres als das zu tun hätte.)

Demokratie nach dem Verständnis der Fraktion mit der weißen Brille ist eine ungefilterte Übernahme westlicher Ideen. Dabei wird außer Acht gelassen, dass die gesellschaftliche und kulturelle Basis eine ‚wesentliche Rolle‘ für den Erfolg einer Demokratie spielt.

Daher führen ‚die Wahlen‘, welche die Grundlage einer Demokratie darstellen, zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Bei den Farangs, die als Urheber der Demokratie gelten, herrscht eine Gesellschaft von Individuen vor. Entscheidungen (z.B. bei den Wahlen) sind bei ihnen eher frei, als bestimmt von Gemeinschaftsanführern.

Aber in Thailand herrschen noch Patron-Client-Strukturen (สังคมอุปถัมภ์) vor. Menschen in den meisten Gebieten sind Menschen, die so handeln, wie die anderen handeln. Sie kennen keine persönlichen Entscheidungen. Wichtig ist der Einfluss von Gemeinschaftsanführern auf Dorfbewohner. Und die meisten Gemeinschaftsanführer sind Stimmenanwerber für Politiker und stehen in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihnen.

Der Zustand dieser Patron-Client-Strukturen, die eher zu- als abnehmen, ist nicht von den Establishments (อำมาตย์ / Ammat) herbeigeführt worden, wie manche es so gerne behaupten und es den Establishments vorwerfen. Er ist eher von den Patron-Client-Strukturen herbeigeführt worden, die von Politikern und Wahlprofis in effektiver Art und Weise gebildet worden sind, und zwar mit Hilfe des effizienten Mittels Geld.

Aus diesem Grunde spiegeln die Wahlen in einer Gesellschaft mit diesen modernen Patron-Client-Strukturen nicht immer die wahre Demokratie wider.“

Anmerkungen von PWT:

  1. Keiner würde Nongnut widersprechen, dass die Demokratie nicht nur aus Wahlen besteht. Gegenfrage: Gibt es eine Demokratie ohne freie Wahlen? Sind in diesem Sinne Menschen, die sich freie Wahlen wünschen tatsächlich Idealisten? 2. Wo war es in Thailand z.B. während der Demonstrationen der Rothemden in den Jahren 2009 und 2010 und während der PDRC-Bewegung unsicher? Herrschte im ganzen Land ein bürgerkriegsähnlicher Zustand? (Und nebenbei: Warum hat sich das Militär bei den beiden vorgenannten Bewegungen unterschiedlich verhalten, nämlich einmal ganz konsequent gegen die Rothemden und einmal zurückhaltend gegen das PDRC?) Herrschte in Thailand während der politischen Auseinandersetzungen in den letzten Jahren wirklich weniger Sicherheit, weil es zu viel Freiheit gab? Sind alle, die für die Sicherheit der Menschen in dieser Gesellschaft zuständig sind, ihren Aufgaben nachgegangen? Und müssen Freiheit und Sicherheit einander ausschließen?
  2. Was ist das für eine Art von Freiheit, sich für ein Essen oder für eine Hose oder für einen Kinofilm entscheiden zu dürfen? Nennt man es nicht persönliche Freiheit? Kann man die persönliche Freiheit jener Freiheit, etwa politische Vertreter selbst zu bestimmen oder sich über Angelegenheiten, die nicht nur mit einem direkt zu tun haben, also über gesellschaftliche und überpersönliche Belange äußern zu dürfen, gleichsetzen? Was würde Nongnut jetzt zu solchen impliziten oder offenen Einschränkungen der persönlichen Freiheit in Thailand wie dem Verbot des Verzehrs bestimmter Speisen wie Sandwiches an öffentlichen Orten, der Absage von Vorführungen des Hollywood-Spielfilms „The Hunger Games: Mockingjay Part 1“, dem Verbot symbolträchtiger T-Shirts oder dem Verbot des Grußes mit drei gestreckten Fingern sagen?
  3. Wie sollen die Patron-Client-Strukturen, die Nongnut anprangert und als eigentliche Ursache des Übels sieht, beseitigt werden, wenn das Land von einer Diktatur bzw. einer nicht gewählten Regierung regiert wird? Zementieren sich die Patron-Client-Strukturen durch eine Diktatur oder eine nicht gewählte Regierung nicht noch mehr, weil sich eine Diktatur oder eine nicht gewählte Regierung nicht um die Unterstützung der Wähler zu scheren braucht? Kommen unter einer Diktatur Prinzipien der Hierarchie, der Autoritarismus, patrimoniale Beziehungen des Respekts nicht noch stärker zum Tragen? Und kann die Korruption unter einer Diktatur aufgrund ihrer autoritären Natur und fehlender Kontrollmöglichkeiten nicht noch besser gedeihen, als unter einer gewählten Regierung? (Siehe hierzu etwa die Einschätzungen von Victor T. King: The sociology of southeast Asia : transformations in a developing region. NIAS Press: 2008. Dort vor allem Kap. 7: Patronage and Corruption, S. 155ff.)
  4. Träumt die Demokratie wirklich von einer grenzenlosen Freiheit? Hat Nongnut solche demokratieimmanenten Sätze noch nie gehört?: „Die Freiheit des einen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt.“ oder “ Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden, sich zu äußern.“
  5. Entscheiden sich Wähler in einem funktionierenden demokratischen System wirklich frei? Wägt jeder Wähler wirklich selbst ab, welches Wahlprogramm ihm am meisten zugute kommt? Hört er dabei gar nicht auf fremde Meinungen wie aus den Medien, von Berufsverbänden, denen er eventuell angehört, von Freunden und Familie oder von seiner Glaubensgemeinschaft? Wenn es so ist, stellt sich die Frage, inwieweit sich Wähler in einem solchen funktionierenden demokratischen System von thailändischen Wählern unterscheiden, die Nongnut anprangert?

Nachtrag: Am 05.12.2014, also weniger als zwei Wochen nach der Veröffentlichung des Beitrags von Nongnut, gab genau der gleiche Meinungsforcher, also das Center of Economics & Business Forecasting der University of the Thai Chamber of Commerce, der thailändischen Tageszeitung Thai Rath (ไทยรัฐ) zufolge bekannt, dass alle wichtigen Vertrauensindikatoren etwa das Vertrauen der Verbraucher zur allgemeinen Situation in der Gegenwart, zur Situation in der Zukunft und zum Einkommen in der Zukunft nach unten gesunken seien, nachdem das Office of the National Economic and Social Development Board (สำนักงานคณะกรรมการพัฒนาการเศรษฐกิจและสังคมแห่งชาติ (สศช.)) seine Konjunkturprognose bekannt gegeben hatte, dass die thailändische Wirtschaft [wahrscheinlich im Jahr 2014, Anmerkung von PWT] um nur 1 Prozent wachsen werde. Der Direktor des Center of Economics & Business Forecasting der University Herr Thanawat Phonwichai (ธนวรรธน์ พลวิชัย) sagte, „Der Vertrauensindex ist überraschend gesunken. Nach Gesprächen mit denn Handelskammern im ganzen Land konnten wir feststellen, dass sich die Konjunktur noch in einer Flaute befindet. Die Konjunkturflaute ist Folge davon, dass die Preise von fast allen landwirtschaftlichen Erzeugnissen auf ein noch nie da gewesenes Niveau gesunken sind. Selbst bei der sogenannten Tom Yam Kung Krise [=Asienkrise] im Jahr 1997, oder der Hamburger Krise [=die Finanzkrise] im Jahr 2009 oder der Flutkatastrophe im Jahr 2011 war Thailand von den sinkenden Preisen wichtiger landwirtschaftlicher Produkte wie Reis und Kautschuk nicht so schwer betroffen, wie im Moment.“ Er fügt hinzu, dass Finanzmittel im Rahmen des Konjunkturprogramms der Militärregierung etwa Geldgeschenke für Reisbauer noch keinen positiven Effekt erzeugen könnten, weil solche Maßnahmen nur schleppend umgesetzt würden.

Text und Redaktion: ████████████

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