Fragen über Fragen zu den 12 Werten nach General Prayuth

Es ist also so weit: Der Wunsch des alleinigen Militärmachthabers General Prayuth Chan-ocha (ประยุทธ์ จันทร์โอชา), dass alle Menschen in Thailand – vor allem Kinder und Jugendliche – die von ihm propagierten 12 Grundwerte (ค่านิยม 12 ประการ) verinnerlichen, wird nun in Form von 12 Kurzfilmen mit Top-Besetzungen realisiert. Der Film soll am 06.12.2014 zu Ehren Seiner Majestät König Bhumibol anlässlich seines 87-jährigen Geburtstags am 05.12.2014 in Kinos in ganz Thailand anlaufen. Dem Minister des Premierministeramts Panadda Diskul (ปนัดดา ดิศกุล) zufolge ist der Eintritt für den Film kostenfrei. Derweil kann man sich die Vorschau dieser Filmreihe u.a. hier ansehen.

Die Vorschau beginnt mit der folgenden Botschaft:

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„Wie Sie auch immer die Güte (ความดี) definieren mögen, aber die [hier gezeigte] Güte wird Ihre Sicht auf die thailändische Gesellschaft verändern.“

Dementsprechend betonte der Premierministeramtminister: „Die Darstellungsweise jedes dieser [12] Kurzfilme ist unterschiedlich. Aber alle Filme haben gemeinsam zum Ziel, Kinder und Jugendliche und alle Menschen in Thailand zu ermutigen, das moralisch Gute einzuhalten“.

Es ist deshalb Zeit für eine Reflexion über die 12 Werte nach General Prayuth:

1. Jeder Thailänder soll die Nation, die Religion und den König lieben, welche heute die Hauptinstitutionen der Nation darstellen.

Fragen: Was bedeutet „die Nation“? Welche Religion ist hier gemeint? Wie viele Religionen? Wie soll man mit konfessionslosen Menschen verfahren? Und wie sollen sie die Liebe zur Nation, der Religion und dem König äußern? Und was soll mit einem Bürger passieren, der die Nation, die Religion und den König nicht liebt? Haben alle Thailänder eine deckungsgleiche Vorstellung von Nation, Religion und König?

2. Jeder Thailänder soll ehrlich, aufopferungsvoll und unnachgiebig sein und das Ideal anstreben, Gutes im Interesse der Gemeinschaft zu tun.

Fragen: Soll jeder Thailänder genauso ehrlich wie die Militärmachthaber und deren Unterstützer sein? Wie wird Ehrlichkeit von den Machthabern definiert, die das Hinterfragen ihrer Vermögensoffenbarungen für eine Anmaßung halten? Und was genau bedeutet die Formulierung „das Ideal anstreben, Gutes im Interesse der Gemeinschaft zu tun“? Gibt es Beispiele hierfür? Und werden die Militärmachthaber es gutheißen, wenn manche junge Menschen in diesem Land eine beteiligungszentrierte Demokratie als ihr Ideal ansehen?

3. Jeder Thailänder soll seinen Eltern, seinen Erziehungsberechtigten und seinen Lehrern dankbar sein.

Fragen: Was genau heißt „dankbar“? Welches Verhalten ist so definiert? Und was soll mit einem Thailänder passieren, der seinen Eltern, seinen Erziehungsberechtigten und seinen Lehrern gegenüber nicht dankbar ist?

4. Jeder Thailänder soll wissbegierig sein und sich direkt oder indirekt immer weiterbilden.

Fragen: Ist es nicht eine grundlegende Aufgabe des Staates, jungen Menschen ausreichende Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten zu gewährleisten? Wie wollen die Militärmachthaber jungen Menschen helfen, die zwar wissbegierig sind und sich immer weiterbilden (wollen), doch über keine finanziellen Mittel dafür verfügen? Ist die Drohung der Militärmachthaber, Berufsschulen, deren Schüler aufgrund von häufigen Prügeleien und gewaltsamer Auseinandersetzungen mit Schülern anderer Berufsschulen verhaltensauffällig sind, zu schließen, mit dieser idealen Wertvorstellung vereinbar?

5. Jeder Thailänder soll die gute thailändische Kultur und Tradition pflegen.

Fragen: Was ist die „gute thailändische Kultur und Tradition“? Muss ein jedes thailändisches Kind traditionelle Tänze beherrschen oder traditionelle Lieder singen können?

6. Jeder Thailänder soll tugendhaft sein, die Ehrlichkeit ehren, anderen Menschen gut gesinnt sein und bereit sein, anderen Menschen zu helfen und mit ihnen zu teilen.

Fragen: Was bedeutet Ehrlichkeit? Was bedeutet „gut gesinnt sein“? Wem, welcher Institution, welcher Instanz oder was gegenüber? Und kann man allen Menschen im gleichen Umfang helfen und mit ihnen teilen? Wie soll ein gerechtes Helfen und Teilen auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene aussehen?

7. Jeder Thailänder soll verstehen und lernen, was die richtige Demokratie mit dem König als Staatsoberhaupt ausmacht.

Fragen: Was heißt „die richtige Demokratie“? Was bedeutet hier „richtig“? Und wer hat die Legitimation, zu urteilen, was „die richtige Demokratie“ ist und was nicht? Ist die Machtergreifung durch einen Militärputsch „richtig“? Ist die Berufung von Gesinnungsgenossen ins Parlament und sonstige Organe „richtig“? Ist die Festnahme anders denkender Menschen „richtig“? Kann es eine Demokratie geben, wenn eine Verfassung von einer Gruppe von Personen geschrieben wird, die für diese Aufgabe von den Militärmachthabern bestimmt worden sind, und gar nicht vom Volk? Kann eine solche Verfassung ein für alle in der Gesellschaft verbindliches Fundament darstellen, wenn sie ohne eine Mitsprache des Volkes in Form einer Volksabstimmung in Kraft gesetzt werden soll?

8. Jeder Thailänder soll auf Ordnung achten, Gesetze einhalten. Ein Rangniedriger bzw. Jüngerer soll ranghöhere bzw. ältere Personen respektieren.

Fragen: Können die Militärmachthaber, die mit ihrem Militärputsch das Grundgesetz auf das Schärfste verletzt haben, von anderen Bürgern verlangen, die Gesetze einzuhalten?

9. Jeder Thailänder soll besonnen sein. Er soll sich seines Denkens und seines Handelns bewusst sein, wie Seine Majestät der König es empfohlen hat.

Fragen: Es gibt hierzu keine Fragen aufgrund des Art. 112 des thailändischen Strafgesetzbuches.

10. Jeder Thailänder soll nach der von Seiner Majestät dem König propagierten Philosophie der Selbstgenügsamkeit leben. Jeder Thailänder soll sparsam sein, damit er sich in der Not helfen kann. Jeder soll selbstgenügsam sein. Wenn er etwas übrig hat, soll er es mit anderen Menschen teilen bzw. es verkaufen und seine Geschäfte erst erweitern, wenn alle Voraussetzungen erfüllt sind und seine Geschäfte sich gesund entwickeln.

Fragen: Was bedeutet „selbstgenügsam“? Von wessen Standpunkt aus gesehen? Soll ein Landwirt seine Felder weiterhin mit seinen bloßen Händen bearbeiten, wenn er kein Geld für die Beschaffung von Arbeitsgeräten hat? Sind solche Bedürfnisse wie bessere Bildung, bessere Gesundheitsversorgung, bessere Mobilität und bessere Kommunikations- und Telekommunikationsmöglichkeiten „selbstgenügsam“? Wenn ja, warum? Und wenn nein, warum nicht? Wie steht die Philosophie der Selbstgenügsamkeit zur Marktwirtschaft und zum Kapitalmarkt? Wenn Kredite eine Ursache des Übels sind, weil sie zum unnötigen, nicht selbstgenügsamen Konsum führen, stellt sich die Frage, warum die Militärmachthaber es nicht allen Kreditinstituten verbieten, Kredite zu vergeben oder Kreditkarten auszustellen. Trauen sich die Militärmachthaber, alle Arten riskanter Kapitaltransaktionen auf dem Finanzmarkt zu verbieten? etc. etc.

11. Jeder Thailänder soll körperlich und geistig stark sein. Er soll sich nicht von niederen Mächten verführen lassen. Er soll gemäß der Lehre der Religion Angst vor bösen Taten haben.

Fragen: Was soll mit Menschen passieren, die körperlich und geistig nicht stark sind? Was bedeutet der Ausdruck „niedere Mächte“? Ist eine Ergreifung der Macht, die andere auf legitime Art und Weise besaßen, mit Hilfe von Waffen eine Art Sich-von-niederen-Mächten-Verführen-Lassen? Gibt es eine Religion, die lehrt, dass man Waffen und Gewalt anwenden soll, um die politische Macht an sich zu reißen?

12. Jeder Thailänder soll mehr an die Gemeinschaft und die Nation als an eigene Interessen denken.

Fragen: Warum setzen die Militärmachthaber kein Zeichen, indem sie öffentlich und verbindlich erklären, dass sie auf alle Bezüge und Sonderzahlungen für all die Ämter, die sie durch den Putsch bekleiden, verzichten und dass alle von ihnen berufenen Mitglieder solcher Organe wie der Regierung, der gesetzgebenden Nationalversammlung, des Rates für Reformen und der Verfassungskommission ebenfalls auf ihre Bezüge und Sonderzahlungen verzichten, weil sie nicht im eigenen Interesse sondern im Interesse der Gemeinschaft und der Nation handeln?

Und zum Schluss noch eine Frage: Warum steht unter den 12 Werten nach General Prayuth kein Wort über die demokratie-immanente Wertvorstellung, nämlich die Menschenwürde? Also, dass alle Menschen unabhängig von all ihren Unterscheidungsmerkmalen wie Herkunft, Geschlecht, Alter oder Zustand denselben Wert haben, und dass dieser Wert über dem aller anderen Lebewesen und Dinge steht.

Text und Redaktion: ████████████

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