Rezension: Vice News – Driving Ferrari with Thai Royalists

„Driving around a city like Bangkok in your precious little pony, that’s about as good as it gets. And that’s exactly what we fight for”. Thanat Thanakitamnuay (ธนัตถ์ ธนากิจอำนวย), auch “Nat” genannt, und Victor Kritsanaseranee (วิคเตอร์ กฤษณะเศรณี), beide höherrangige Mitglieder des People Democratic Reform Comitees (PDRC), geben Vice-Korrespondent Tim Pool während einer kleinen Spritztour mit ihrem Ferrari einen Einblick in die Hintergründe des politischen Konfliktes und wir sind als Zuschauer live dabei.Driving Ferrari with Thai Royalists“ soll neben den Ferrari-Fahrten aber vor allem die Beweggründe der Bewegung eröffnen, wie also die Proteste stattfinden konnten und warum die Thailänder auf die Straße gegangen sind. Die Verteidigung des geschätzten Königshauses und das Verhindern des Machtverlusts, welcher der alten Elite Thailands, den Reichen und Mächtigen, bereits seit einigen Jahren droht, werden dabei als mögliche Antworten aufgezeigt.

Wie Journalist Tim Pool richtig bemerkt, hat der vor dem Putsch ausgetragene politische Streit zwischen Royalisten und Anhängern Thaksins seine Wurzeln bereits mit der Ernennung Thaksins zum Premierminister seinen Lauf genommen. Dieser bot in seinem Amt zum ersten Mal eine ernstzunehmende Alternative gegenüber der alteingesessenen Elite Bangkoks. Der 25-minütige Dokumentarversuch porträtiert zwei der jungen Anführer aus dieser Schicht und versucht die Hintergründe der PDRC-Protestbewegung zu beschreiben. Dabei ist es egal, ob Nat uns durch seine Garage voller Luxuswagen führt oder Victor uns in einen intimen Club mit Mädchen und Champagner mitnimmt, es wird schnell klar, dass eine große Differenz zwischen dem alltäglichen Leben der beiden und dem des Großteils der Demonstranten existiert; ein Unterschied, der sich letztendlich auch auf unterschiedliche Motive für die Teilnahme an den Protesten auswirkte.

Die Dokumentation beleuchtet eine Seite der politischen Krise von 2014, die nicht oft behandelt wurde. Denn was veranlasste die royalistische Elite Thailands eigentlich, das PDRC zu unterstützen? Was waren die Motivation und der Hintergrund für die aktive Teilnahme von wohlhabenden und jungen Männern wie Victor und Nat an der Führungsriege des PDRC? Dies ist die grundlegende Frage, die sich die Dokumentation stellt. Dafür wurden die beiden Anführer des PDRC in ihrem Alltag und in ihrer Arbeit für den PDRC begleitet, sodass man einen Eindruck der Funktionsweise der Bewegung, aber auch der Beweggründe von Nat und Victor bekommt. Wir sind dank Journalist Tim Pool beispielsweise „live“ dabei, als ein Regierungsgebäude übernommen wurde, begleiten Victor bei einer seiner Ansprachen und fahren auf dem „Propaganda-Truck“ der beiden durch die Straßen Bangkoks. Weiterhin – und hier liegt die Besonderheit der Dokumentation – begleiten wir Victor und Nat bei der Spritztour in dem Ferrari, beim Stechen eines Tattoos[*] oder in einen exklusiven Edelclub. Wir erlangen anhand von Einzelinterviews Einblicke in die Psychologie der Jungmillionäre, die politisch innerhalb der Führungsstruktur der Protestbewegung abertausenden Thailändern als Vorbildfunktion und Anhaltspunkt für ihre politische Richtung dienen sollten.

Die Dokumentation wirkt teils gehetzt, ähnlich dem Treiben auf den Straßen, dem Leben der beiden Protagonisten und natürlich den politischen Geschehnissen, welche sich zu diesem Zeitpunkt überschlagen haben, wird gleichzeitig aber kontrastiert von ruhigen Interviews vor edlem Interieur oder den bereits genannten Freizeitvergnügungen der beiden, wie dem Ausfahren ihrer Ferraris. Dies lässt bereits bei der Erstrezeption unbewusst und ohne groß darüber nachdenken zu müssen eine Dichotomie aufkommen, welche sich in der Analyse in vielen weiteren Punkten auch inhaltlich bestätigt. Die Spannung zwischen schnell geschnittenen und mit fast kriegerischer Musik hinterlegten Szenen aus dem Alltag der Protestbewegung, sowie den ruhigeren, etwas statischen Interviews aus dem Privatleben der Hauptdarsteller schafft eine gesteigerte Aufmerksamkeit bezüglich der Inhalte der Interviews und der Aussagen der Protagonisten, welche oft beinah weltfremd und absurd wirken. Die Darstellung durch Vice News setzt bewusst Akzente auf das luxuriöse Leben abseits der Straßendemonstrationen, auf das eingebildete Geplänkel, wer nun den schöneren Luxus-Oldtimer besitzt, und auch auf die teils einfach nur als unpassend zu bezeichnenden Ansichten, welche die beiden unreflektiert mit uns teilen. Man kann gar nicht anders, als sie für Kinder zu halten, die aufgrund ihres sozialen Status die Erlaubnis bekommen haben, beim Spiel der Großen mitzumischen. Nur einmal wird Victor die ernste Situation bewusst, in der er sich befindet hat. Als in seiner Nähe eine Granate einschlägt, zeigt die Kamera ihn sichtbar durch den Wind. Darauf folgt jedoch die Überblende in die Privatgemächer, wo er wieder gefasster und eine dicke Zigarre rauchend vom bürgerkriegsähnlichen Zustand erzählt, in dem er sich befindet, und die Schuld für den Vorfall der Polizei zuschiebt – der Ernst ist schnell vergessen.

Der Informationsgehalt der Dokumentation ist ambivalent zu bewerten. Denn die wichtige und während der Dokumentation direkt gestellte Frage – was die Beweggründe der thailändischen Elite für die Unterstützung der Proteste sind – wird nur vom Journalisten selbst beantwortet. Er erzählt etwas von dem schwindenden Einfluss, den diese zu verkraften hat und der mit der Machtübernahme durch Thaksin Shinawatra begonnen hatte. Sozialer Wandel und eine demokratisch sensiblere Gesellschaft spielen eine weitere Rolle. Auf der anderen Seite geben Nat und Victor den Zuschauern je nach Gemütslage unterschiedliche Antworten, warum sie auf der Straße für den Erfolg der Protestbewegung kämpfen: einmal ist es König Bhumibol und der Erhalt der konstitutionellen Monarchie, die man gefährdet sieht, ein anderes Mal der wahrgenommene Abstieg Thailands im Weltgeschehen und dann wiederum kämpft man eben für die kleinen Dinge im Leben: Spritztouren mit dem Sportwagen über Bangkoks Highways. Das Konstrukt „für die Nation zu kämpfen“ und etwas Gutes zu leisten wird durch die Darstellung der Naivität der beiden als inhaltsleer und problematisch (da genau betrachtet auch undemokratisch) entlarvt. Was abseits der stimmungsmachenden Darstellungsweise unserer Ferrari-Fahrer seitens Vice News bleibt, ist dürftig und eher weniger aussagekräftig. Die Dokumentation weicht nicht von ihrer Eindimensionalität ab und zeigt dem Zuschauer keine weiteren Beispiele (affirmativ oder kontrastierend) zu der Argumentation des Journalisten. Natürlich bestätigt das Verhalten der beiden die von Pool geschaffene Erklärung des Machtverlustes, den es wiedergutzumachen gilt, und ist hervorragend gewählt und in Szene gesetzt. Inhaltliche Beweise liefert die Dokumentation jedoch nicht und lässt die PDRC-Bewegung so inhaltsleer erscheinen. Die emotionale Darstellung des Privaten wird genutzt, um eine journalistische These, formuliert im scheinbar neutralen Medium der Dokumentation, zu unterstützen. Ohne die Darstellung der beiden Multi-Milliardäre, welche die Dokumentation so unterhaltsam macht, würde der Zuschauer die Dokumentation kaum so angeregt verfolgen. Die Verwunderung (oder das Fremdschämen) über das Verhalten der beiden ist der Motor des Beitrags von Vice News.

Vice News überzeugt vor allem mit dem modernen und mediengetriebenen Onlineangebot, welches sich durch Live-Dokumentationen und Berichterstattungen aus Krisengebieten auszeichnet. Es ist durchaus zu begrüßen, dass sich das Medium der politischen Krise in Thailand gewidmet hat und diese bespricht. Die weitere Berichterstattung, zum Beispiel über die „gegnerische“ Protestbewegung der Rothemden, wie in dem Shortdoku „Thailand on the edge“, lässt zwar auch stimmungsmachende Elemente erkennen, ist in sich aber konsistenter als die hier analysierte Gegenüberstellung der Beweggründe der PDRC und des Privatlebens der beiden Protagonisten. Wie Kong Rithdee, Journalist der Bangkok Post, in seiner Rezension zu der Dokumentation bemerkte, gibt diese den Thailändern kaum neue Information: „The video, for all its strength as an emotional hot-button, hardly adds anything to our struggle to comprehend the conflict and check the radicalisation of thoughts “. Die Gefahr, dass die emotionale Verifizierung die neutrale Berichterstattung überlagert, scheint hier groß. Nun richtet sich Vice News aber nicht gesondert an die Thailänder, welche qua natura bereits diverses Hintergrundwissen über die Krise besitzen, sondern an Interessierte der ganzen Welt, sodass man das Urteil Rithdees etwas abschwächen muss. Es ist gerade in Anbetracht der Wichtigkeit des Beitrages für die Aufklärung über den Konflikt schade, dass die inhaltlich durchaus interessante Fragestellung in den Hintergrund gerät und scheinbar auf eine zweite (thematisch fast schon fremde) „unterstützende“ Dokumentation über das dekadente und von Selbstüberschätzung geprägte Leben von zwei Figuren des PDRC angewiesen ist. Eine objektive Antwort auf die Frage nach den Beweggründen der Bewegung bleibt aus.

[*] Es handelt sich um einen Vers aus einem Lied, das während der ersten Demokratiebewegung Thailands am 14.10.1973 vom damaligen Studentenanführer Seksan Prasertkul (เสกสรรค์ ประเสริฐกุล) der Legende nach innerhalb einer kurzen Zeit niedergeschrieben und von Seksan selbst auf der Bühne vorgetragen wurde. Der vollständige Liedtext lautet: „สู้เข้าไปอย่าได้ถอย มวลชนคอยเอาใจช่วยอยู่ / รวมพลังทำลายเหล่าศัตรู พวกเราสู้เพื่อความยุติธรรม / เราเดินเคียงบ่าเคียงไหล่ สู้ต่อไปด้วยใจมุ่งมั่น / เขาจะฟาดเขาจะฟัน เราไม่พรั่นพวกเราสู้ตาย / สู้เข้าไปอย่าได้หนี เพื่อเสรีภาพอันยิ่งใหญ่ /รวมพลังผองเราเหล่าชาวไทย / สู้เข้าไปพวกเราเสรีชน“ Das Lied wurde schnell zum Demo-Lied der damaligen Bewegung. Die Ironie liegt – sowohl für Nat als auch für den Journalisten selbst – wohl darin, dass beide nicht wussten, woher der tätowierte Spruch stammt.

Text und Redaktion: ████████████

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