Regionale Unterschiede der politischen Kultur in Thailand

Im November 2013, genau vor einem Jahr, bildete sich die sogenannte PDRC-Bewegung unter Führung des Oppositionspolitikers Suthep Thuagsuban (สุเทพ เทือกสุบรรณ). Die Bewegung protestierte ursprünglich gegen ein geplantes Amnestiegesetz, von dem u.a. der umstrittene, im September 2006 aus dem Premierministeramt geputschte und seit vielen Jahren im Exil lebende Politiker und Milliardär Thaksin Shinawatra profitiert hätte. Nach der Zurücknahme des umstrittenen Gesetzentwurfs, der Parlamentsauflösung und schließlich der Ausrufung von Neuwahlen für Februar 2014 löste sich das PDRC nicht auf. Statt dessen formulierte es „eine endgültige Ausrottung des Thaksin-Regimes“ als seine neue Hauptforderung, lehnte Neuwahlen ab und forderte statt dessen „Reformen vor Wahlen“. All die mehrmonatigen Protestaktionen des PDRC wie das Bangkok Shutdown oder die Wahlblockade waren eine wesentliche Bedingung für den Militärputsch vom 22.05.2014.

Wie PWT bereits gebloggt hat, stammten laut Umfragen der Asia Foundation die PDRC-Demonstranten zum Höhepunkt der Bewegung im November 2014 mehrheitlich aus Bangkok und dem Süden des Landes, der als Hochburg der Demokratischen Partei gilt, also jener Partei, die den Kern des PDRC bildete.

Zum 1-jährigen Jubiläum der PDRC-Bewegung präsentiert PWT einen Text des thailändischen Historikers Nithi Eawsiwong (นิธิ เอียวศรีวงศ์ / * 8.05.1940) in deutscher Übersetzung. In diesem Text geht der Historiker, dessen Meinungen PWT mehrfach – wie hier und hier – gebloggt hat, der Frage nach, ob es regionale Unterschiede der politischen Kultur in Thailand gibt und wenn ja, warum. Eine Frage also, die rückblickend einen Erklärungsansatz anbieten könnte, warum außer Bangkokern vor allem Demonstranten aus dem Süden Thailands den Kern der PDRC-Bewegung bildeten.

 

Regionale Unterschiede der politischen Kultur in Thailand[1]

Nithi Eawsiwong

Gemessen an der Anzahl von Transparenten zu Ehren der Monarchie scheint der Royalismus unter den Menschen im Süden Thailands größer zu sein als in den anderen Regionen des Landes. Schließlich sind derartige Transparente entlang der Highways in Süd-Thailand öfter zu sehen als in allen anderen Regionen des Landes.

 zezetet&%$$$$(Das Foto zeigt ein solches Transparent in der süd-thailändischen Provinz Surat Thani. Quelle: http://surat.drr.go.th/frontpage?page=2)

Ich habe diese Beobachtung einmal gegenüber einem Bekannten aus der südlichen Provinz Songkhla geäußert. Er vermutete, dass die Einführung der Transparente wohl auf die Zeit zurückzuführen sei, als die Phumchai Thai Party das Innenministerium innegehabt hat. Die Partei habe entweder Mittel aus dem zentralen Haushalt dafür zur Verfügung gestellt oder die Verwendung von Mitteln aus lokalen Haushalten dafür angeregt. Gleichzeitig entspreche eine solche Aktion der Politik der Demokratischen Partei, die verbreiteten Einfluss auf lokale Verwaltungsorganisationen im Süden Thailands habe.

Die Feststellung meines Bekannten ist offenkundig, denn schließlich sind die Bilder und die Sprüche auf den Transparenten von Chumphorn bis nach Songkhla identisch. Man kann also davon ausgehen, dass die Aktion von einer „Zentrale“ im Hintergrund organisiert wird, auch wenn die Transparente den Namen der jeweiligen lokalen Verwaltungsorganisation tragen.

Was ich noch interessanter finde, ist, dass die Menschen im Süden Thailands mit diesen Transparenten bzw. damit einverstanden sein müssen, dass ihre lokalen Verwaltungsorganisationen diese Art der „Politik spielen“[2]. Zumindest stellt diese Politik, [also die Einführung solcher die Monarchie verehrenden Transparente], keine Gefahr für politische Gruppierungen z.B. die Demokratische Partei dar.

Ich möchte hier erklären, warum das so ist und warum derartige Verehrungstransparente in den anderen Regionen des Landes nicht in der gleichen Dichte wie im Süden zu sehen sind, auch wenn deren lokale Verwaltungsorganisationen ebenfalls Mittel vom Innenministerium unter Führung der Phumchai Thai Party erhalten haben müssten.

Ich glaube nicht, dass die Menschen in den anderen Teilen des Landes die Monarchie weniger lieben als die Menschen im Süden. Aber die Monarchie hat für Menschen mit unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Interessen und unterschiedlicher politischer Einstellung jeweils eine andere Bedeutung.

Was ich hier erklären möchte, ist, wie sich die Menschen der anderen Regionen und die des Südens in politischer Hinsicht unterscheiden. Dieser Unterschied ist das Ergebnis wirtschaftlicher, kultureller und politischer Interessen.

Auch wenn ich mit meiner Erklärung noch nicht ganz zufrieden bin, möchte ich so erklären, dass dieser Unterschied historisch begründbar ist bzw. dass die Menschen im Süden und im Norden und Nordosten eine unterschiedliche sozio-ökonomische Entwicklung durchlebt haben.

Die süd-thailändische Gesellschaft hat sich als Erstes von der Reisbaukultur emanzipiert. Die Menschen in Süd-Thailand waren die erste Bevölkerungsgruppe, die sich vom Anbau eines Agrarprodukts, nämlich des Kautschuks, ernährte.

Die Kautschukkultur ist ganz anders als die Reiskultur. Man kann Kautschuk beispielsweise nicht essen. Deshalb ist es von existenzieller Bedeutung, dass die Erzeugnisse verkauft werden können. Dies gilt auch, wenn man nur eine kleine Kautschukplantage hat, die die eigenen Familienmitglieder selbst bearbeiten können. Familiäre Arbeitskräfte aber bleiben nie stabil. Bei einem Mangel an Arbeitskräften, aus welchen Gründen auch immer, müssen neue Arbeitskräfte angeheuert werden. Deshalb sind die Menschen im Süden des Landes an die Arbeitskraftbeschaffung gewohnt. Entweder man war selbst angeheuerte Arbeitskraft, oder man musste Arbeitskräfte anheuern. Auch andere Geschäftsbereiche im Süden (wie Bergbau und Transport) haben seit jeher Arbeitskräfte gebraucht.

Der Kautschukmarkt liegt nicht im Inland, sondern in Singapur. Daher sind die Menschen im Süden vor ihren anderen Mitbürgern ins globale Wirtschaftssystem integriert worden. Professor Akhom Phatthiya hat mir einmal erzählt, dass er sich erinnern kann, wie sein Vater Radiomeldungen aus Singapur verfolgen musste, um die Einkaufspreise richtig bestimmen zu können.

Die Menschen im Süden Thailands waren also früh im modernen Wirtschaftssystem zuhause und somit anderen Risiken als Reisbauern ausgesetzt. Aus diesem Grunde mussten sie einen neuen Mechanismus zur Risikominimierung entwickeln, weil der alte Mechanismus dafür nicht mehr geeignet war. Das alles ohne staatliche Unterstützung.

Die Menschen im Norden und Nordosten sind erst in den letzten 30 Jahren ins moderne Wirtschaftssystem integriert worden. Dabei hat der Staat tatkräftig mitgewirkt. Der Reisanbau für den eigenen Bedarf nimmt stetig an Bedeutung ab. Die Reisproduktion wird immer kostenintensiver. Immer mehr Arbeitskräfte verlassen den Reisanbau und arbeiten als Tagelöhner entweder in näheren Gebieten oder ganz weit weg, wie etwa in Saudi Arabien. Selbständige Berufe werden für die Mehrheit der Menschen zur Hauptverdienstmöglichkeit.

Wer genug Kapital hat, treibt dann Handel oder baut ein Dienstleistungsgeschäft auf. Für die Nachkommen wird eine gute Bildung zu einem bedeutenderen Erbe als Reisfelder. Ein großer Anteil am gesamten Einkommen wird in die Bildung und Ausbildung investiert.

Und in den letzten 30 Jahren hat sich der thailändische Staat allmählich zu einem wichtigen Schutzpatron der Wirtschaftsstruktur in den ländlichen Gebieten entwickelt. Staatliche Projekte sorgen für neue Arbeitsplätze. Und wenn ein Projekt Baumaßnahmen vorsieht, dann profitieren davon kleinere Auftragsnehmer in den Dörfern, die wiederum Arbeitskräfte aus den Dörfern rekrutieren. Die Politik wird somit wirtschaftlich wichtig, weil sie Projekte in die Dörfer bringt.

In den 1990er Jahren, als die Dezentralisierung von Verwaltungsaufgaben Gestalt anzunehmen begann, wurden Aufträge lokaler Behörden zunehmend wichtig. In manchen Dörfern im Norden Thailands war die Hälfte der Menschen im erwerbsfähigen Alter beim Staat beschäftigt, entweder bei einer zentralen oder einer lokalen Behörde.

In diesem Transformationsprozess brauchen die Menschen im Norden und Nordosten Thailands den Staat oder Hilfsmaßnahmen vom Staat. Vor allem der Zugang zu Kapital wird wichtig.

Dies bedeutet nicht, dass sie überhaupt keinen Zugang zu Kapital hätten. Denn viele Kapitalformen des privaten Sektors haben die ländlichen Gebiete erreicht. Dazu gehören die sogenannte Vertragslandwirtschaft („เกษตรพันธสัญญา“) oder Darlehen für den industriellen Reisanbau. Aber diese Kapitalquellen reichen für die Menschen nicht aus, und zwar in zweierlei Hinsicht: Erstens reichen sie quantitativ nicht aus, weil der Bedarf an Kapital so groß ist. Schließlich wollen viele Menschen ihre Verdienstmöglichkeiten ändern, sobald sich eine Möglichkeit für sie ergibt. Zweitens ist das Kapital nicht genug in Bezug auf nicht-landwirtschaftliche Berufe (z.B. erhält man kein Darlehen von der staatlichen Landwirtschaftsbank, wenn man kein Landwirt ist). Und falls man kein Grundstück als Sicherheit hinterlegen kann etc., [erhält man ebenfalls kein solches Darlehen.]

Ich kenne einen fachlich guten Klempner, der nur als Angestellter in einem kleinen Betrieb im Dorf arbeitet. Er kann sich nicht selbständig machen, weil er kein Kapital für berufsbezogene Ausrüstungen hat. Auch fehlt ihm Kapital für einen Wagen, den er als Selbständiger braucht, um Arbeitsgeräte und Angestellte zu transportieren. Aber sein jetziger Arbeitgeber hat nicht das ganze Jahr Arbeit für ihn, sodass er weiterhin arm bleibt.

Der Wechsel zu einem sichereren Beruf außerhalb der Landwirtschaft betrifft viele Menschen in den ländlichen Gebieten in Thailand. Es gibt sicherlich Menschen, die eine ordentliche Bildung bzw. Ausbildung erhalten haben und nun regelmäßige Gehälter beziehen. Jedoch gibt es ebenfalls noch viele Menschen ohne eine höhere Bildung. Zum Teil verfügen sie selbst über kein Ackerland mehr. In dieser Hinsicht betrifft der Mangel an Kapital viele Menschen.

Die Suche nach staatlicher Hilfe ist so gesehen keine Suche nach Almosen. Es geht dabei um die Fähigkeit, sich besser an die neuen Verhältnisse anzupassen.

Anders herum verhält sich dies bei den Menschen im Süden Thailands. Dort wollen die Menschen nichts vom Staat wissen, egal, ob es sich dabei um einen Wohlfahrtsstaat (รัฐอุปถัมภ์) handelt. Die Menschen im Norden und Nordosten wünschen sich dagegen einen Wohlfahrtsstaat. Selbst eine kostenlose Schule würde ihre Ausgaben für den Nachwuchs schon stark senken. Die Bereitstellung von Krediten mit flexiblen Vergabe- und Rückzahlungsregelungen trägt für sie zu einer bequemeren Anpassung bei.

Dass die Menschen im Süden Thailands den Staat von sich fernhalten wollen, ist darauf zurückzuführen, dass der Staat immer nur dann kam, wenn er Gebühren und Pachtgelder von ihnen haben wollte. Danach verschwand der Staat auch wieder. Für zahlreiche Kautschukplantagen gibt es zudem keine amtlichen Eigentumsnachweise. Schließlich gewährt der thailändische Staat Bürgern solche Dokumente nicht so gerne. Jedes Mal wenn der Staat kommt, um Ordnung in Bezug auf Land und Boden zu schaffen, finden die Menschen im Süden sich wieder als illegale Landbesitzer vor (, auch wenn keiner sagen kann, wessen Grundeigentum eigentlich verletzt wird). Damit sie Dokumente erhalten, die ihr Eigentumsrecht einigermaßen nachweisen, müssen sie Gebrauch von ihren Beziehungen machen, was wiederum Geld kostet.

Trotz ihrer Eingliederung ins moderne Wirtschaftssystem sind die Menschen im Süden Thailands nach wie vor in der Landwirtschaft tätig, nämlich in der Kautschukproduktion. Anders verhält es sich bei den Menschen im Norden und Nordosten. Diese verlassen den Reisanbau ganz und arbeiten in völlig anderen Sektoren. Im Vergleich zum Reisanbau ist der Kautschukanbau viel gebundener an das jeweilige Ackerland. Wenn man einmal eine Kautschukplantage angelegt hat, muss man dort bleiben. Man kann nicht so leicht wie ein Reisbauer nach einer Erntezeit zu einem neuen Ackerland umziehen. Das in allen Regionen des Landes vorhandene Problem unsicheren Grundbesitzes trifft daher die Menschen im Süden des Landes härter.

 

Aus Sicht der Menschen im Süden ist es besser, wenn der Staat sich von ihnen fernhält und sie alles selbst organisieren lässt. Der Markt für ihre Erzeugnisse ist ohnehin im Ausland.

Ich vermute, dass dies mit ein Grund ist, warum die Menschen im Süden Thailands die Demokratische Partei lieben. Denn der Liberalismus ist seit jeher das Credo dieser Partei, also seit der Zeit unter der Führung des [ersten] Parteivorsitzenden Khuang Aphaiwong (ควง อภัยวงศ์). Aber der Liberalismus der Demokratischen Partei ist lediglich ein wirtschaftlicher Liberalismus. Er hat nichts mit dem politischen Liberalismus zu tun und verträgt sich daher gut mit Diktatoren – sowohl mit vollständigen wie auch mit partiellen Diktatoren.

Und der wirtschaftliche Liberalismus bedeutet: Der Staat soll sich nicht einmischen. Die Menschen sollen selbst regeln und es wird sich alles selbst regeln. Dies entspricht der politischen Haltung der Menschen im Süden des Landes.

Sollte meine Vermutung richtig sein (ich bin mir nicht wirklich sicher), dann sind die politischen Ansichten der Menschen im Nord- und Nordosten auf der einen Seite und der Menschen im Süden auf der anderen Seite sehr unterschiedlich. Das hat nichts mit Intelligenz zu tun. Für ihre unterschiedlichen Anschauungen gibt es sozio-ökonomische Erklärungen.

Dennoch möchte ich betonen, dass nichts statisch bleibt. Auch der thailändische Staat und die sozio-ökonomischen Bedingungen bleiben nicht statisch. So verlangen Menschen im Süden Thailands in letzter Zeit z.B., dass der Staat sich durch Preisgarantie für Palmenöl und Kautschuk und besseres Tourismusmanagement mehr einsetzt. Gleichzeitig nehmen die sozio-ökomischen Veränderungen für die Menschen im Norden und Nordosten Thailands solch rasantes Tempo an, dass sich diese Menschen eines Tages vielleicht gar keinen Wohlfahrtsstaat mehr wünschen werden. (Menschen, die eine Selbstverwaltung auf provinzieller Ebene verlangen, sind beispielsweise meistens aus der Mittelschicht in den Städten im Norden und Nordosten des Landes.) Es kann sein, dass Menschen in den Dörfern eines Tages genauso denken, wie Menschen aus der Mittelschicht in den Städten.

Dann wird die heute vorherrschende, politische Landkarte anders aussehen.

Aber bis es so weit ist, denke ich, dass die Menschen im Süden Thailands weiterhin die Monarchie als Symbol eines Idealstaates betrachten, also eines Staates, der „พระคุณ“ („Phra Khun“ = Milde (clementia)) demonstriert, doch ohne „พระเดช“ („Phra Det“ = Strenge (severitas)) ist bzw. keinen Gebrauch davon macht. Diese politische Haltung erweist sich [als eine subversive Haltung] vor allem dort, wo es offenkundig ist, dass der reale Staat, der von der Mehrheit der Bevölkerung unterstützt wird, ein solcher Staat ist, der bereit ist, sich in alle möglichen Belange der Bürger einzumischen und sowohl von „พระคุณ“ (Milde) als auch von พระเดช (Strenge) so Gebrauch macht, dass man die beiden Elemente kaum voneinander trennen kann.

Porträts des Königs und dazu gehörige Sprüche können die Menschen im Süden des Landes deshalb besonders gut trösten.

[1] Der Orignaltext in thailändischer Sprache „วัฒนธรรมการเมืองของคนต่างภาค“ wurde erstmalig am 19.02.2013 in der thailändischen Tageszeitung Matichon (มติชน)  veröffentlicht: http://www.matichon.co.th/news_detail.php?newsid=1361258575&grpid=03&catid&subcatid, zuletzt aufgerufen am 12.11.2014.

[2] Anmerkung von PWT: „เล่นการเมือง“, was wörtlich mit „Politik spielen“ zu übersetzen ist. Damit ist „Politik fahren“ gemeint.

Übersetzung und Redaktion: ████████████

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