Beschäftigungslose Generäle

von Kanda Naknoi[1]

Vor kurzem habe ich eine Nachricht über zwei thailändische Generäle gelesen, die einen thailändischen Mitbürger wegen angeblicher Beleidigung von König Naresuan (1555-1605) angezeigt hatten. Dabei beriefen sich die beiden Angehörigen des Militärs auf § 112 des thailändischen Strafgesetzbuches, den sogenannten Majestätsbeleidigungsartikel.[2] Nach der Lektüre dieser Meldung fragte ich mich, warum thailändische Generäle die Zeit übrig haben, Anzeigen gegen Bürger aufgrund solcher Vergehen erstatten können. Ich fragte mich, ob Thailand vielleicht zu viele Generäle und gleichzeitig zu wenig Arbeit für diese habe. Ich habe angefangen, darüber zu recherchieren, und bin über die Ergebnisse recht erstaunt.

Thailand hat mehr Generäle als die USA

Gegenwärtig hat Thailand 1.400 Generäle[3]. Bei einer Weltmacht wie den USA, die Militärstützpunkte rund um den Globus unterhält, liegt die Zahl der Generäle aller Streitkräfte insgesamt bei 1.000.[4] D.h. im Vergleich verfügt die USA über nur Zweidrittel der Anzahl von Generälen die Thailand hat, während die thailändischen Streitkräfte aber dreimal so klein wie die der Amerikaner sind. Was die Bevölkerungszahl anbelangt, so haben die USA fünfmal so viele Einwohner wie Thailand. D.h. gemessen an der Bevölkerungszahl sind die thailändischen Streitkräfte deutlich größer als die der USA. In dieser Hinsicht stellt sich die Frage, welchen Krieg die thailändischen Streitkräfte seit der Gründung der für die Ausbildung der überschüssigen Generäle in Thailand zuständigen Chulachomklao-Militärakademie vor 127 Jahren gewinnen konnten und welche Waffen und Kriegstechnik die thailändischen Streitkräfte bislang erfolgreich erforscht und entwickelt haben.

Thailands Forschungs- und Entwicklungsetat ist sehr gering

Thailands Etat für Forschung und Entwicklung beträgt [gemäß dem bereits verabschiedeten Haushaltsplan für 2015] lediglich 20 Milliarden Baht, was einem Anteil von 0,8 % am gesamten Jahreshaushalt entspricht.[5] In den USA hat der Forschungs- und Entwicklungsetat einen Anteil von 3,46% am gesamten Haushalt. Die Hälfte des US-amerikanischen Forschungs- und Entwicklungsetats ist für verteidigungstechnische Forschungs- und Entwicklungsvorhaben bestimmt.[6] Dies bedeutet, dass alleine der Etat für verteidigungstechnische Forschungs- und Entwicklungsvorhaben in den USA bereits doppelt so hoch ausfällt, wie Thailands gesamte staatliche Ausgaben für Forschung und Entwicklung in allen Bereichen.

Im internationalen Vergleich bewegen sich Thailands Ausgaben für Forschung und Entwicklung (sowohl im staatlichen wie auch im privaten Sektor) auf einem besorgniserregend niedrigen Niveau. Thailand gibt nämlich lediglich 0,25 % des Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung aus, während in Japan und Südkorea jährlich mehr als 3% des Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung ausgegeben werden. In Singapur sind es 2% und in Malaysia 1 %.[7]

Thailand hat weniger Professoren als Generäle

Da Thailands Etat für Forschung und Entwicklung sehr klein ist, ist nicht verwunderlich, dass thailändische Wissenschaftler nur geringfügige Forschungserfolge vorzuweisen haben. Außerdem ist die Zahl der Professoren in Thailand kleiner als die Zahl der Generäle.[8] In den USA sieht es ganz anders aus: Alleine die staatlichen Universitäten in einem Bundesstaat wie Kalifornien haben zusammen mehr Professoren, als die amerikanischen Streitkräfte Generäle. Eine einzige private Universität wie Standford hat mehr Professoren vorzuweisen, als die USA Generäle.[9] Egal, ob an der Bevölkerungszahl oder an hoch qualifizierten Arbeitskräften gemessen, kann eindeutig festgestellt werden, dass Generäle in den USA einen weitaus geringeren Anteil am Arbeitsmarkt haben, als ihre thailändischen Kollegen. Ferner haben die USA bereits vor 40 Jahren die Wehrpflicht abgeschafft, so dass US-amerikanische Generäle nicht über kostenlose Arbeitskräfte in Form von Wehrdienstleistenden verfügen, wie ihre thailändischen Kollegen.

Sonderleistungen für Generäle

Ich habe vergeblich versucht, herauszufinden, wie viel das thailändische Militär jährlich für Transportkosten aller Generäle ausgibt. Mich würden die Daten darüber interessieren, wie viel für Dienstwagen, Kraftstoff und Auslandsreisen der Generäle ausgegeben wird und welchen prozentualen Anteil diese Ausgaben am gesamten, 200 Milliarden Baht schweren Verteidigungsetat haben. Ob diese Ausgaben höher als der gesamte Etat für Forschung und Entwicklung in allen Bereichen in Thailand ausfallen? Aber ich finde hierzu keine Daten.

Reform des Militärs

Wenn sich manche Generäle nun für die Reform des Landes anbieten, sollten sie ihren eigenen Laden auch reformieren. Es muss für mehr Transparenz gesorgt werden, wie der Verteidigungsetat ausgegeben wird. Ferner müssen die Zahl von Generälen und die Kapazität der Streitkräfte an die Bevölkerungszahl angepasst werden. Die ASEAN-Integration ist kein Eintritt in einen Krieg. Sie hat lediglich eine Konkurrenz im Bereich der Ökonomie und des Humankapitals zur Folge. Es ist an der Zeit, dass beschäftigungslose Generäle entlassen werden, damit die Allgemeinheit die für diese Generäle zur Verfügung stehenden Ressourcen zurück erhält; seien es kostenlose Dienstwagen, kostenloser Kraftstoff oder kostenlose Flugtickets. Das dadurch gesparte Geld könnte dann in Forschung und Entwicklung investiert werden, damit Thailand mit den anderen ASEAN-Ländern Schritt halten kann.

 

2 Nachträge:

Kanda Naknoi hat nach der Veröffentlichung des obigen Textes zwei kleinere Nachträge auf ihrer Facebook-Seite geliefert:

„Sowohl China als auch die USA haben weniger Generäle als Thailand:

China hat 191 Generäle (Daten von vor 3 Jahren)[10];

Die USA haben 1.000 Generäle.

Thailand hat 1.400 Generäle.“

„Einige Leser meines obigen Beitrags haben gefragt, wie es bei thailändischen Polizeigenerälen aussieht:

a) Beim jüngsten, vom König unterzeichneten Beförderungsturnus [im September 2014] gab es ca. 200 Polizeigeneräle, während ca. 1.000 Angehörige des Militärs zu Generälen befördert wurden;

b) Der Etat der Polizei macht nur ein Drittel des Verteidigungsetats aus;

c) Die Polizei hält keine Aktien an einer Bank und keine Aktien an einem Fernsehsender. Sie besitzt kein Land in Berg- und Küstengebieten, während das Militär Hunderttausende von Hektar Land in solchen Gebieten besitzt.

d) Bei der Polizei gibt es keine legalisierte Zwangsarbeit. Denn es gibt keine Rekruten bei der Polizei. Wenn jemand gesehen hat, dass rangniedrigere Polizeibeamte als Diener im Haus eines Polizeigenerals eingesetzt werden, kann der-/diejenige mir das einmal erzählen.“

 

[1] Anmerkung von PWT: Frau Kanda Naknoi (กานดา นาคน้อย) ist Dozentin an dem Department of Economics der University of Connecticut. Ihr Lebenslauf findet sich hier: http://econ.uconn.edu/naknoi/. Der Text „นายพลว่างงาน“ wurde erstmalig in der thailändischen Net-Zeitung Prachatai (ประชาไท) veröffentlicht: http://www.prachatai.com/journal/2014/10/56086, zuletzt aufgerufen am 20.10.2014. Endnoten, die nicht ausdrücklich als Anmerkungen von PWT angegeben sind, sind Originalendnoten des Textes von Kanda Naknoi.

[2] Anmerkung von PWT: Siehe http://www.bangkokpost.com/news/general/438139/sulak-faces-lm-complaint, zuletzt aufgerufen am 20.10.2014.

[3] http://www.freedomhouse.org/report/countries-crossroads/2011/thailand#.VEIKUPldWQw

[4] http://truth-out.org/index.php?option=com_k2&view=item&id=5920%3Athe-pentagons-biggest-overrun-way-too-many-generals

[5] http://www.moe.go.th/websm/2014/aug/183.html

[6] http://www.whitehouse.gov/sites/default/files/microsites/ostp/fy2015rdtables.pdf

[7] http://data.worldbank.org/indicator/GB.XPD.RSDV.GD.ZS

[8] http://www.nap.mua.go.th/

[9] http://facts.stanford.edu/academics/faculty-profile

[10] http://news.xinhuanet.com/english2010/china/2011-07/23/c_131004552.htm

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