Ein Krimineller namens Demokratie

Baitonghaeng (ใบตองแห้ง) bedeutet ein dürres Bananenblatt. Es ist das Pseudonym des thailändischen Journalisten Athuekkit Sawaengsuk (อธึกกิต แสวงสุข). Es gibt in Thailand ein Sprichwort “หมาเห่าใบตองแห้ง” (Mah hau baitong haeng / Ein Hund bellt ein dürres Bananenblatt). Es ist mit dem deutschen Sprichwort “Hunde, die bellen, beißen nicht” vergleichbar. Mit dem Pseudonym vergleicht der Journalist sich selbst wohl mit einem “dürren Bananenblatt”, das “Hunden” so viel Angst machen kann, dass diese es anbellen müssen. Er beschreibt in seinem am 07.06.2014 in der thailändischen Tageszeitung Khaosod (ข่าวสด) veröffentlichten Beitrag eine Diskussion über die Einmischung westlicher Demokratien in die innere Angelegenheit Thailands infolge des Militärputsches vom 22.05.2014.

Es sei darauf hingewiesen, dass in einem Gastbeitrag wie diesem geäußerte Meinungen nicht zwangsläufig von PWT vertreten werden.

 

Ein Krimineller namens Demokratie

Ein Gastbeitrag von Bai Tong Haeng (ใบตองแห้ง)

„Farangs“ scheinen nun im Auge wohlhabender und gut bzw. im Ausland gebildeter Menschen in Thailand „Kriminelle“ geworden sein. Der Vorwurf lautet: Die Farangs wollten uns die „Demokratie“ verkaufen. Und jetzt, wo ihnen dieses Vorhaben misslingt, verurteilen sie uns.

Das stimmt irgendwie immer, dass Angelegenheiten von Thailändern Farangs nichts angingen. Aber können wir es ihnen verbieten, ihre Meinungen zu äußern? Auch wir haben Aung San Suu Kyi angefeuert, über Ägypten geschimpft und während des Arabischen Frühlings mitgefiebert.

Wenn die Weltbürger an Demokratie glauben, ist es selbstverständlich, dass sie mit dem, was in Thailand passiert, nicht einverstanden sind. Das macht eigentlich auch nichts. Letztendlich trauen sich die Farangs nicht, unsere Produkte zu boykottieren oder ihre Investitionen in unserem Land einzustellen. Sie frieren militärische Unterstützungen und Kooperationen ein. Das sind Lappalien.

Auch ich habe mich mächtig über das „demokratische Gehabe“ der Amnesty International amüsiert, da diese fast routinemäßig den Putsch verurteilt hatte. Phi[*] Somchai Homla-o (สมชาย หอมลออ), Präsident des thailändischen Amnesty International, musste daraufhin im Thai PBS bestätigen, dass es seit dem Putsch noch nicht zu Menschenrechtsverletzungen gekommen sei. Es handle sich um eine Form der Gerechtigkeit in einer Übergangsphase.

Wenn wir den Farangs „eine Ohrfeige verpassen“ wollten, müssten wir beweisen, dass wir Recht haben. Zum Beispiel sollten wir ihnen zeigen, dass der Militärputsch „essbar“ sei, also dass er alle Thais, egal von welcher Farbe sie sind, so glücklich mache, dass sie alles in Form von Fotos als Beweise ihrer Glückseligkeit dokumentieren wollten. Noch besser wäre, wenn wir den Farangs zeigen könnten, dass alle Thais seit dem Militärputsch noch mehr Freiheit und Rechte genießen würden, als in einem System mit gewähltem Parlament.

Seien wir mal ehrlich! Konnten bisherige Militärputsche der Welt das glaubhaft machen? Nach dem Militärputsch im Jahr 1976 kam es zu einem Massaker mitten in der Hauptstadt. Auch nach dem Militärputsch im Jahr 1991 wurden Menschen getötet. Und nach dem Putsch von 2006 ist das Land in eine jahrelange politische Krise versunken.

Sollte Thailand diesmal als blühendes und glückliches Land aus dem jetzigen Putsch hervorgehen, könnten Politikwissenschaftler und all die dienerischen Juristen endlich einmal ein neues Lehrwerk verfassen, dass Thailand ein noch nie da gewesenes Fallbeispiel für die weltweite Staatswissenschaft darstelle.

Der diesmalige Militärputsch verläuft anders als der von 2006. Damals mussten Auslandsabsolventen und Wissenschaftler kleinlaut zugeben, dass ein Militärputsch zwar falsch, aber unumgänglich sei. Diesmal ist das Gegenteil der Fall. Über den Putsch scheint ein „Konsens“ zu herrschen. Selbst all die Celebrities vertreten unverblümt die Ansicht, der Putsch sei richtig, die Demokratie falsch.

Eine solche Ansicht erscheint seltsam. Denn wenn die derzeitige Lage tatsächlich so toll wäre, müsste man sich ernsthaft fragen, warum wir dann in einem Jahr zur Demokratie zurückkehren sollten. Wäre es nicht besser, im derzeitigen System dauerhaft zu bleiben bzw. es auszubauen?

„Demokratie beinhaltet nicht nur Wahlen.“ Auch dieser Satz stimmt immer, egal wie oft man ihn sagt. Und er wird momentan – wenn ich richtig überblicke – von vielen unermüdlich herbeizitiert. Aber was bedeutet Demokratie? „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Sind es Prinzipien zum Auswendiglernen? Was haben diese Prinzipien für einen Nutzen, wenn sie nicht umgesetzt werden, damit man zu der Erkenntnis kommt, dass Demokratie die Bereitschaft abverlangt, Differenzen zu tolerieren. Also, dass Demokratie „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ zum Anderssein bedeutet.

Viele Thais scheinen nicht akzeptieren zu können, dass die Demokratie mit der Marktwirtschaft zusammenkommt und dass eine demokratische Gesellschaft eine Gesellschaft ist, in der konkurriert wird. Es ist keine heile Welt, sondern eine Welt voller Ungleichheit. Eine Welt mit der Forbes-Milliardär-Rangliste. Es ist keine heile Welt nach dem Buddhismus. Um der Mehrheit in einer solchen Gesellschaft eine Verhandlungsmöglichkeit durch Abstimmungen einzuräumen, braucht man die Demokratie. Dabei müssen Rechte und Freiheit gewährleistet sein.

Behauptet man, dass ein solches System bislang versagt habe, dann stellt sich die Frage, wie der Bevölkerung eine bessere Verhandlungschance gewährleistet werden kann. Oder wollen wir weiterhin im Bett liegen bleiben, Bücher über Buddhas Lehren lesend, und dabei zusehen, wie die Milliardär-Rangliste sich bewegt.

Demokratie wird für eine moderne, komplexe Gesellschaft gebraucht. Für eine Gesellschaft, in der die Mitglieder unterschiedlichen Bildungsstand und unterschiedliche Standpunkte haben und die Freiheit zur Selbstbestimmung verlangen, ohne dabei Rechte anderer Mitmenschen zu verletzen. Die Demokratie ist deshalb vergleichbar mit einer 3- oder 4-spurigen Straße, auf der Verkehrsteilnehmer unterschiedlich schnell fahren dürfen. In einer demokratischen Gesellschaft muss es kein einheitliches Konzept von „richtig“ und „falsch“ geben.

Der Versuch, alle zu einer gleichen Denkweise, einem gleichen Glauben und einer gleichen Weltanschauung zu formen, missachtet nicht nur das demokratische Prinzip, sondern ist zugleich weltfremd.

Die Farangs haben nicht allein wegen Wahlen Erfolg mit der Demokratie, sondern weil sie eine demokratische Kultur geformt haben, sodass Mitglieder in ihren Gesellschaften sich trauen, anders und kreativ zu denken.

In den USA hat die Demokratie ein sicheres Fundament aufgrund des dortigen starken dezentralen Verwaltungssystems. Die Cowboys haben sich zuerst zu einem Dorf zusammengetan, um dann ihre Vertreter auf der Gemeinde-, Kreis-, Stadt-, Bundesstaats- und schließlich auf der nationalen Ebene zu wählen. Die Amerikaner sind nicht intelligenter als wir. Wenn es ums Auswendiglernen geht, sind sie vielleicht sogar schlechter. Aber aufgrund der dort ausgeprägten demokratischen Kultur trauen sie sich, selbstständig zu denken und zu diskutieren, während Kinder in Thailand heute genau das Gleiche lernen, wie ich vor 40 Jahren bereits getan habe.

Dies ist eher ihr Erfolgsrezept, auch in Bezug auf die Korruptionsbekämpfung. Aufgrund der demokratischen Kultur trauen sich die Farangs, die Obrigkeit herauszufordern, zu hinterfragen und eigene Interessen zu verteidigen.

Daher stellt sich die Frage, was wir aufbauen sollen, wenn wir von Reformen sprechen. Brauchen wir Einigkeit, Konformität und einheitliche Denkschablonen, damit alle Thais dann moralisch einwandfreie Vertreter wählen würden?

Wo gibt es das denn, dass Demokraten und Republikaner bzw. Liberale und Konservative genau gleich denken? In Europa ist heutzutage üblich, dass in einem Land 4-5 Parteien im Parlament vertreten sind.

Die thailändische Gesellschaft ist an Meinungsverschiedenheiten nicht gewohnt und hat Angst davor. Dass die Bevölkerung ihre Denkweise in zwei gegensätzliche Richtungen entwickelt hat, wird abgelehnt. Alle werden gezwungen, zu akzeptieren, dass es das eine „Richtige“ gibt. Das kann nicht realisiert werden. Um den Frieden ins Land zurückzubringen, kann es nicht darum gehen, die „Hemdfarben zu vermischen“. Es gilt vielmehr, anzuerkennen, dass jede Farbe eine andere Denkweise haben darf, und zwar unter jenen Spielregeln, die die internationale Staatengemeinschaft „Demokratie“ nennt.

Übersetzung und Redaktion: ████████████


[*] Anmerkung von PWT: „พี่“ (phi) ist ein thailändisches Wort und bedeutet „älteren Bruder“.

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