Meine Erfahrung in Gewahrsam des Big-Brother-Militärs im Jahr 2014

Der thailändische Journalist Pravit Rojanaphruk (ประวิตร โรจนพฤกษ์), der für die in Thailand erscheinende, englischsprachige Tageszeitung „The Nation“ arbeitet, gehörte zu den ersten Personengruppen, die das thailändische Militär gleich nach dem Putsch am 22.05.2014 einbestellt und dann gefangen genommen hat. Abgesehen von Thanapol Eawsakul (ธนาพล อิ๋วสกุล), Chefredakteur der Zeitschrift „Fa Diew Kan“ (ฟ้าเดียวกัน / “Unter dem gleichen Himmel”), der bei einer Anti-Putsch-Demonstration in Bangkok festgenommen wurde, war Pravit der erste Journalist, der interniert wurde, wie PWT bereits berichtete. Der Grund war offenkundig seine kritische Meinung über die Rolle des Militärs im anhaltenden politischen Konflikt in Thailand, wie sein unmittelbar vor dem Putsch veröffentlichter und ebenfalls von PWT übersetzter Kommentar zur Ausrufung des Kriegsrechts deutlich zeigt.

Pravit wurde am 30. Mai 02014 nach einer einwöchigen Internierung freigelassen und hier ist sein Bericht von der Haft:

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„sich melden“ = „in Gewahrsam nehmen“

Viele, die nach dem Militärputsch von den neun Machthabern einbestellt und dann in Gewahrsam genommen worden sind, haben sich die Frage gestellt, warum das Militär uns an einem Militärstützpunkt für länger als eine Woche gefangen genommen hat.

Um uns zu bedrohen?

Um uns zu bestrafen?

Um die Macht des Militärs zu demonstrieren und um zu zeigen, dass die Machtdemonstration keine Grenze kennt?

Um zu ermitteln und nach Information über den Widerstand gegen den Putsch zu fahnden?

Oder war es nur ein Psychokrieg gegen uns?

Oder war es alles zusammen und zugleich ein Versuch, uns zu einem Umdenken zu bewegen oder uns zu demoralisieren, uns gegen etwas zu wehren, was das Prinzip der Freiheit und der Demokratie so offenkundig verletzt?

Mehrere Tage lang wurde ich in Gewahrsam an einem Militärstützpunkt in der Provinz Ratchaburi gehalten, zusammen mit zwei ehemaligen Premierministern (ich hatte die Möglichkeit, längere Gespräche mit dem früheren Vize-Premierminister Pracha Phromnok (ประชา พรมนอก) sowie anderen Persönlichkeiten zu führen), einigen Großunternehmern, progressiven Akademikern, dem früheren Sicherheitsstabchef von Thaksin Shinawatra, Rechtsberatern der früheren Premierministerin Yingluck Shinawatra, Anführern der Rothemden und der PAD, Herrn Sondhi Limthongkul (สนธิ ลิ้มทองกุล) und dem ehemaligen Abgeordneten der Demokratischen Partei, der sich per Tweet gegen den Putsch geäußert hatte, etc.

Mir war  bewusst, dass wir uns in einem Big Brother-Camp befanden, eben wie in jener berühmten Reality Show, deren Name und Konzept auf den weltberühmten Roman „1984“ von George Orwell zurückgeht. Also ein Camp, an dem jeder und alles beobachtet wurde. Zuschauer und Jury waren jedoch die Militärmachthaber, die sich durch den Putsch mit Waffen und Panzern am 22.05.2014 den Status des Souveräns gegeben hatten. > Alles kann passieren.

Viele, die „einbestellt“ wurden, hatten Angst davor, mit einem vagen Vorwurf belastet zu werden, und mussten jeden Tag aufs Neue auf die Nachricht warten, ob sie an diesem Tag freigelassen werden würden. Manche standen so unter Druck, dass sie weinen mussten. Andere baten die Offiziere unaufhörlich, sie freizulassen, indem sie alle ihnen mögliche Connections ausschöpften. Es gab aber auch solche, die ihr Schicksal mit Würde ertrugen.

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„Mach Dir keinen Kopf. Man ist frei, wenn man freigelassen wird. Man darf ihnen eigene Schwäche nicht zeigen“, lauteten die tröstenden Worte eines älteren Mitgefangenen, gerichtet an die anderen Schicksalsgenossen.

„Ich bin doch kein Hund, der dann heult, wenn er im Käfig festgehalten wird“ sagte ein Anderer, der mit mir am gleichen Militärstützpunkt gefangen genommen wurde.

Die Realität ließ manche von uns  bewusst werden, dass gut und mutig klingende Worte zwar leicht zu sagen, jedoch schwer umzusetzen sein können.

Die Soldaten, die sich wider Erwarten gut um uns „gekümmert“ haben, (ich möchte an dieser Stellen allen Soldaten des Stützpunktes dafür ehrlich danken), haben unmissverständlich erklärt, dass jeden Tag ein Bericht über uns und unsere Einstellungen verfasst und an die Zentrale verschickt werde. Die Berichte würden bei der Entscheidung mit herangezogen, wie  mit uns weiter zu verfahren sei und wann wir freigelassen würden.

Der General, der dem Stützpunkt vorsteht, sagte zu uns, dass wir unseren Aufenthalt als einen „Urlaub“ betrachten sollten. Dabei fügte der wohlbeleibte, mit  einer Rolex ausgestattete Kommandierende des Stützpunktes hinzu, dass nach  sieben Tagen noch einmal entschieden werde. Er betonte, wir, die wir der Einbestellung (gemeint ist damit, dass wir uns freiwillig in Gewahrsam begeben haben, ohne Schuld) Folge geleistet haben, als Personen, die „die Spielregeln“ akzeptieren, behandelt würden.

Einige Tage danach hat ein anderer Major betont, dass wir nur eine gelbe Karte, jedoch noch keine rote, erhalten hätten.

Ein Mitgefangener pflichtete mir bei, dass er über das Militär in Anwesenheit der Offiziere geschimpft habe, auch wenn diese Offiziere selbst damit begonnen hätten, den Putsch zu kritisieren. Der Mitgefangene meinte, er denke, dies sei eine Falle, weil die Soldaten wohl wollten, dass er sein wahres Selbst und seine wahre Einstellung zeige, was ihm wiederum nicht  zugutekommen dürfte.

Einige Mitgefangene und ich konnten uns mit der Kritik am Putsch jedoch nicht zurückhalten. Wir haben den Soldaten unsere Meinungen ehrlich gesagt.

Ich habe ranghohen Offizieren des Stützpunktes gesagt, ich sei gegen den Putsch, nicht weil ich Soldaten hasse. Meine Ablehnung sei auf meine Freiheits- und Demokratieliebe zurückzuführen. Dabei betonte ich, es gehe mir ums Prinzip, nicht um Hass. Ich hätte von keinem Geld für meine Äußerungen und Handlungen erhalten. Und ich wolle die Nation nicht verraten. Wir – also die Soldaten und ich – sähen die Dinge aus unterschiedlichen Standpunkten. Jeder von uns liebe die Nation und die Gesellschaft auf seine Art und Weise. (Ich bin noch beeindruckt, wenn ich an den zweiten Morgen am Stützpunkt denke. Wir saßen am Frühstückstisch mit einem Major. Auf einmal ertönte aus dem angeschalteten Fernseher die nationale Hymne. Von den Gefangenen stand kein einziger auf, um der Hymne Respekt zu zollen. Nur der Major stand auf. Wir Gefangene blickten einander hilfesuchend an. Der Major sagte zu uns knapp, doch mit einem ehrlichen Gesichtsausdruck: „Ich weiß, Ihr alle liebt auch die Nation.“ Das stimmt, denke ich, die Liebe zur Nation kann sich unterschiedlich, je nach Charakter und Einstellung, äußern.)

Ich warnte die ranghohen Offiziere davor, Straßen abzusperren, um Anti-Putsch-Demonstrationen zu verhindern. Dies sei keine zielführende Lösung und die Gefahr bestehe, dass sich eine neue Strategie daraus entwickle, etwa in Form von Flashmobs. Und es könnten immer mehr Demonstranten kommen. Nach dem Motto: Nehme man einen Demonstranten fest, kämen 100 weitere nach. Dies werde eine strukturlose Bewegung, die unmöglich unter Kontrolle gebracht werden könne.

Außerdem erklärte ich den Offizieren, die sich mit uns den ganzen Tag unterhielten und mit uns oft aßen, dass je mehr Menschen als politische Gefangene in Gewahrsam genommen würden, der National Council for Peace and Order (NCPO) in desto größere Schwierigkeiten geraten könnte. Ich fragte die Offiziere, wie der NCPO das Land regieren könnte, wenn Zehntausende politische Gefangene im Gefängnis säßen.

Viele Mitgefangene – mich eingeschlossen – waren der Meinung, dass wir im Haus, in dem wir gefangen gehalten wurden, sowie in unseren Schlafräumen möglicherweise überwacht waren. Das hielt uns trotzdem nicht ab, den Putsch in Anwesenheit der Offiziere zu kritisieren, wie ein Schwein, das sich nicht vor kochendem Wasser fürchtet.

Diejenigen, die sich im Beisein der Soldaten keine Kritik zu äußern trauten, konnten hinter dem Rücken der Soldaten trotzdem nicht unterlassen, ihren Unmut darüber zu bekunden, dass die Putschisten unsere Gruppe von mehr als zehn Seelen in Gewahrsam hielten.

„Für eine solche Internierung fehlt es an jeder Legitimation.“

„Die Putschisten haben noch keine natürliche Autorität, sondern im Moment nur Waffengewalt.“

„Das ist nicht richtig, was sie machen. Statt Unterstützer zu bekommen, verlieren sie sie dadurch.“

„Vergessen Sie nicht, dass wir in Haft sind. Aber machen Sie sich keine Gedanken darüber.“

Wie dem auch sei, pflichteten zwei sehr prominente Mitgefangene mir bei, dass sie sich nicht auf eine Rückfahrt nach Bangkok in der Nacht einlassen würden, falls das Militär ihnen mitteilen sollte, sie seien nun frei. Sie hätten Bedenken, dass Unbekannte unterwegs ein Attentat auf sie ausüben könnten.

Einer der beiden fügte hinzu, dass das Militär gegenwärtig selbst Angst vor seinem eigenen Schatten zu haben scheine und es deshalb immer mehr Menschen einbestelle.
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Bedingte Freiheit

Alle Freigelassenen mussten eine Erklärung als Anhang zu den Deklarationen der Putschisten unterschreiben. Dabei ging es u.a. um eine Bestätigung darüber, dass die Betroffenen „gut behandelt, nicht verletzt, nicht gewaltsam gezwungen, bedroht oder  misshandelt worden sind“, und dass ihnen „nichts versprochen und gegen sie etwas Unrechtsmäßiges ausgeführt worden ist“ und dass sie schließlich „all ihr persönliches Eigentum, das beim Haftantritt vorhanden war, bei der Entlassung vollständig zurückerhalten haben“.

Ferner gab es eine Vereinbarung, dass jeder Freigelassene sich dazu verpflichte, „an keiner politischen Versammlung oder Demonstration“ teilzunehmen und dass er darüber informiert sei, dass ein Verstoß gegen die Vereinbarung oder eine von ihm geleistete Unterstützung für politische Aktivitäten rechtlich verfolgt werde und seine Finanztransaktionen eingefroren würden.

Dass ich diese Vereinbarung unterschreiben musste, weil es keine Alternative dazu gab, machte es für mich deutlich, dass der Begriff des Zwanges von den Putschisten und von mir ganz unterschiedlich interpretiert wird.

Ein Mitgefangener tat mir leid, weil er zu einem langen Verhör nach Bangkok gebracht wurde. Er sagte, die  Pheu Thai Partei habe jetzt wohl kein Vertrauen mehr zu ihm. Die Partei denke bestimmt, dass er nun für das Militär arbeite.

Nach einem siebentätigen Aufenthalt  im Big Brother Camp der Militärdiktatur  unterschrieb ich am Morgen des Samstags, des 31. Mai 2014, die besagte Vereinbarung, genauso alternativlos wie alle anderen Mitgefangenen. Dann erhielten wir unsere „Freiheit“ und wurden in die Gesellschaft unter Kriegsrecht zurückgebracht.

P.S. Nur 26 Stunden nach meiner Freilassung hat mich ein Mann, der sich als ein Major ausgab, angerufen und darum gebeten, obich meine Tweets gegen das Militär einstellen könne und ob ich dem Militär ein wenig „Zeit geben“ geben könne.

Ich sagte ihm, dass es viele Menschen aufregen werde, wenn ich meine Tweets einstellen würde. Diese Menschen würden denken, dass selbst die Sozialen Netzwerke, die vielen als letzter Raum der freien Meinungsäußerung gälten, nun auch zensiert würden.

Ich fragte den Major, ob er und ich uns auf dem halben Weg treffen könnten. Ich würde die Kritik in meinen Tweets weniger heftig gestalten. Schließlich müsse ich wie alle anderen Freigelassenen die unterschriebene Vereinbarung einhalten.

Der Major hörte mir zu und ließ sich auf meinen Vorschlag ein.

Einige Minuten später meldete sich ein anderer Major, der sich um mich und die anderen Mitgefangenen während unserer Zeit am Stützpunkt in Ratchaburi „gekümmert“ hatte, telefonisch bei mir. Er teilte mir mit, dass die Zentrale meine Akten und Berichte über mich geholt hätte und dass ich fortan überwacht würde. Er sagte noch, dass er der Zentrale auch mitgeteilt hätte, dass es wahrscheinlich unmöglich sei, dass ich mich gar nicht mehr äußern würde.

Am nächsten Morgen rief mich ein ehemaliger Mitgefangener* an, der mit mir interniert wurde. Dieser fragte mich nach meinem Wohlbefinden, um  mir am Ende mit einer reuigen Stimme mitzuteilen, dass er am Vortag dem Militär meine Mobilfunknummer gegeben habe.

Ich fühlte mich zuerst wie betrogen. Dann sagte ich mir, dass sowohl die Soldaten am Stützpunkt wie auch die an der Zentrale am Armeeclub ohnehin meine Nummer haben. Ich sagte dem ehemaligen Mitgefangenen, „mai pen rai“, also dass es egal wäre, betonte zugleich, dass das Prinzip trotz veränderter Umstände bestehen bleibe, und legte auf.


>>> Diesen Bericht widme ich allen, die Freiheit, Gleichheit und Demokratie lieben <<<<

Erstveröffentlichung auf Thailand: http://blogazine.in.th/blogs/pravit/post/4815

* Unterdessen hat sich der Buddhismusexperte und Publizist Suraphon Thawisak (สุรพศ ทวีศักดิ์) als diesen ehemaligen Mitgefangenen bekannt gegeben. Er hat in einer Stellungnahme auf Prachatai versucht, die Sachlage aus seiner Sicht klarzustellen. Dabei räumt er ein, dem Militär Pravits Telefonnummer gegeben zu haben. Er habe in der Annahme getan, dass das Militär ohnehin Pravits Telefonnummer sowie Kontaktdaten aller anderen Mitgefangenen habe. Nachdem er die erste veröffentlichte Version von Pravits Bericht gelesen hätte, dass Pravit bei diesem Vorfall von einem „Dozenten“ und vom „betrogen sein“ geschrieben hätte, habe er – so Suraphon – Pravit angerufen und ihn gefragt, warum Pravit die Bezeichnung „Dozent“ verwende, weil alle doch darauf schließen könnten, dass er (=Suraphon) diese Person gewesen sei. Schließlich sei er von den drei Mitgefangenen der einzige Dozent gewesen. Ferner habe er Pravit mitgeteilt, dass er die Formulierung „betrogen sein“ unglücklich finde. Pravit habe nur gesagt, er habe an dieser Stelle keine Person namentlich genannt, und aufgelegt. Später – so Suraphon – habe Pravit in seinem Bericht den Begriff „Dozent“ mit „einem Mitgefangenen“ ausgetauscht, die Stelle allerdings um die Formulierung „mit einer reuigen Stimme“ erweitert. Er habe deshalb noch einmal versucht, Pravit telefonisch zu erreichen, um mit ihm darüber zu reden. Pravit sei jedoch nicht mehr ans Telefon gegangen. Suraphon betont, er habe nicht die Absicht gehabt, Pravit zu betrügen. Er hätte sich bei Pravit entschuldigt, hätte er gewusst, dass Pravit es ihm übel genommen habe.

 

Deutsche Übersetzung und Redaktion: ████████████

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