Reihe: Konträre Meinungen – Das Kriegsrecht

Es ist auch ein Anliegen von PWT, thailändische Stimmen in deutscher Übersetzung zu bloggen, weil wir glauben, dass sie mit zu einem umfassenden Verständnis politischer Geschehnisse und Entwicklungen in Thailand beitragen können, vor allem wenn es sich um konträre Meinungen handelt. Dabei sei betont, dass diese authentischen Stimmen nicht unbedingt die Meinung der PWT-Redaktion wiedergeben müssen. Heute geht es um zwei Journalisten, nämlich Pongpet Mekloy (พงศ์เพชร เมฆลอย) und Pravit Rojanaphruk (ประวิตร โรจนพฤกษ์). Beide haben einen ähnlichen Hintergrund: Sie arbeiten als Redakteure bei den zwei wichtigsten englischsprachigen Blättern, Pongpet für Bangkok Post und Pravit für The Nation. Unmittelbar vor dem Militärputsch haben sie jeweils in ihrem Blatt über die vorangegangene Verhängung des Kriegsrechts reflektiert und sind zu gegensätzlichen Schlüssen gekommen

Die Gegenwart gibt es nur ein Mal

von Pongpet Mekloy

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber seitdem am Dienstag das Kriegsrecht ausgerufen wurde, finde ich, dass die Gesellschaft plötzlich sicherer geworden ist. Die seit Monaten andauernden Granatenangriffe und Schüsse auf Demonstrationsgelände, bei Gerichten und unabhängigen Stellen wie der Anti- Korruptions-Kommission, sowie bei Menschen zuhause, sind vielleicht endlich zu Ende.

Und ich bin eindeutig nicht der Einzige, der so empfindet: Viele waren derart glücklich darüber, dass das Militär endlich eingegriffen hatte, um die zunehmende Gewalt zu stoppen, dass sie mit den Soldaten auf Fotos posierten, ihnen Blumen gaben und sie mit Getränken und anderem versorgten.

Ich hoffe sehr, dass auch die Senatoren sich sicher genug fühlen, um ihrer Pflicht nachzukommen, einen Übergangsminister zu ernennen, und diese wichtige Aufgabe so bald wie möglich erfüllen.

Solange wir noch auf gute Neuigkeiten vom Oberhaus warten, lassen Sie uns einen Blick auf die Liste der Leute werfen, die das Amt des Premierministers in den letzten 25 Jahren bekleideten, seitdem General Prem Tinasulanonda das Amt nach acht Jahren niederlegte:

  • General Chatichai Choonhavan
  • Anand Panyarachun
  • General Suchinda Kraprayoon
  • Chuan Leekpai
  • Banharn Silpa-archa
  • General Chavalit Yongchaiyudh
  • Thaksin Shinawatra
  • General Surayud Chulanont
  • Samak Sundaravej
  • Somchai Wongsawat
  • Abhisit Vejjajiva
  • Yingluck Shinawatra

Manche dieser ehemaligen Premiers hatten das Amt mehr als einmal inne und einige sind bereits verstorben, während Sie vielleicht wünschten, andere würden dasselbe tun. Wie dem auch sei – bitte werfen Sie nochmals einen gründlichen Blick auf diese Namen und überlegen Sie sich eine Antwort auf diese einfache Frage:

Auf wie viele von ihnen sind Sie als thailändischer Steuerzahler stolz, und wie viele möchten Sie am liebsten anspucken?

Ich bezweifle, dass irgendjemand bei Verstand für für alle Leute auf dieser Liste den „Daumen hoch“ oder auch das Gegenteil machen würde. Viele dieser Namen rufen politische Korruption, zahlreiche Skandale und unfähiges Regieren in Erinnerung.

Ein Viertel der Liste ist Kandidat von du-weißt-schon-welchem Mafia Chef. Und raten Sie mal, wer mit Hashtags wie „#dumm“ und „#Idiot“ versehen wird? Behalten Sie Ihre Antworten ruhig für sich. Ich werde meine auch geheim halten.

Das politische Chaos, das Thailand gerade erleidet, kann in verschiedenen Ausprägungen bis zu den Regierungen dieser ehemaligen Regierungschefs zurückverfolgt werden. Ich hoffe, die Senatoren werden die Erfahrungen, die die Thais über die letzten 25 Jahre auf die harte Tour gesammelt haben, klug anwenden und eine solide Lösung für unser Land finden.

Liebe Senatoren, da das Militär die Bevölkerung schützt, ist nichts zu befürchten. Anders als vor ein paar Tagen ist euer Zuhause und eure Familie nicht in Gefahr. Es gibt keinen besseren Zeitpunkt als jetzt, damit ihr eure Arbeit gründlich macht.

Bitte behaltet im Gedächtnis, dass das, was Thailand am meisten braucht, kein neutraler Premierminister ist, sondern einer mit Integrität und mit der Entschlossenheit, diesem Land ohne versteckte Agenda zu dienen. Einer, der kapiert, dass Thailand Reformen benötigt und der das Zeug hat, dies durchzusetzen, um schlussendlich freie und faire Wahlen zu ermöglichen.

Erstveröffentlichung in Bangkok Post am 22.05.2014
http://m.bangkokpost.com/opinion/411088


Die jüngsten Maßnahmen werden uns nicht beibringen, politische Konflikte zu lösen

von Pravit Rojanaphruk

Wenn man auf einer Reise an akutem Durchfall erkrankt, kann man auf eine Tablette zurückgreifen, die die Symptome schnell lindert – auch wenn die kranken Fäkalien immer noch im Körper sind und die Tablette die Probleme nicht langfristig löst. Die Medizin kontrolliert den Durchfall nur und verhindert, dass man alle 10 Minuten auf die Toilette rennen muss – aber sie kuriert die Infektion im Bauch nicht.

Wenn man sich Thailand als menschlichen Körper vorstellt, dann hat der Chef des Militärs, General Prayuth Chan-ocha, genau das getan, als er das Kriegsrecht gestern Morgen (20.05.2014), zu der eigenartigen Zeit von drei Uhr, verhängte.

Als Mittel, um politischen Durchfall zu unterdrücken, wird das Kriegsrecht langfristig jedenfalls nichts lösen. Beim Schreiben dieses Artikels ist nicht einmal klar, wie lange dieses drakonische Gesetz, das die bürgerlichen Freiheiten maßgeblich einschränkt – inklusive einwöchiger Verhaftungen ohne Gerichtsbeschluss – andauern wird.

Ich kann mich weder daran erinnern, bei Wahlen für Prayuth gestimmt zu haben, noch, dass ich ihm meine Einwilligung gab, über mich und den Rest von uns wie ein Diktator zu herrschen. Und anders als in den Vereinigten Staaten, wo nur der gewählte Präsident und gewählte Gouverneure das Kriegsrecht verhängen können, ist es in Thailand der Oberste der Armee, der Hauptnutznießer des Gesetzes,  der entscheidet. Das führt Thailand in die Liga „demokratischer“ Nationen wie Pakistan, in denen der Armeechef das Sagen hat.

Bisher wurde 11 Fernsehkanälen, von denen die meisten eindeutig als politische Partisanen eingestuft werden, befohlen, nicht mehr auszustrahlen, und alle öffentlichen Radiosender wurden angewiesen, nicht mehr zu übertragen. Sechs Buchtitel auf Englisch sind laut Menschenrechtsforscher Benjamin Zawacki bereits aus den Regalen einer lokalen Buchhandlung entfernt worden. Stattdessen werden uns Anweisungen vom Armeechef gegeben, der der selbsternannte Vorsitzende des neugegründeten Peace and Order Maintaining Command (POMC) ist.

Zeitungen sowie alle anderen Print-Medien wurden instruiert, davon abzusehen irgendetwas zu drucken, was „Frieden und Ordnung“ gefährden könnte. Solche Beiträge könnten interpretiert werden als etwas, das Prayuth als unpassend empfindet.

Lassen Sie uns tief einatmen und überlegen, was ein Thailand unter Kriegsrecht für uns bedeutet. Der Baht ist bereits eingebrochen, der Börsenmarkt ist im Sturzflug und ein Mann übt auf unbegrenzte Zeit umfassende Macht aus.

Das Kriegsrecht zeigt uns, dass wir zu unreif sind, mit wirklichen politischen Differenzen fertig zu werden, daher ist Zensur nötig. Das Kriegsrecht erinnert uns daran, dass wir unfähig sind, das Schicksal der thailändischen Politik selbst zu bestimmen und dass wir auf bewaffnete Soldaten angewiesen sind, deren Macht auf der brachialen Kraft ihrer Maschinengewehre und gepanzerten Fahrzeuge beruht.

Was uns Kriegsrecht nicht beibringen kann, ist, wie man politische Konflikte langfristig und nachhaltig löst.

Weder Demokratie noch anhaltender Frieden und Ordnung können erzwungen werden. Um zu versuchen, Frieden und Ordnung für immer aufrechtzuerhalten, muss Prayuth sich für immer auf das Kriegsrecht berufen. Aber beim Versuch, das Kriegsrecht für immer beizubehalten, wird Thailand zu einer Diktatur werden.

Lassen Sie uns über diese Möglichkeit erhaben sein, und General Prayuth daran erinnern, dass wir Thailand nicht noch einmal auf den Weg zu einer Militärdiktatur bringen wollen.

Der Kreislauf militärischer Intervention mit 18 Putschen in acht Jahrzenten muss enden, damit Thais heranwachsen können und lernen für sich selbst Verantwortung zu übernehmen.

Sie mögen es gut meinen, General Prayuth. Und ich hoffe, das ist der Fall. Aber was Sie jetzt gerade tun, ist ein schlechter Dienst für Thailand.

Erstveröffentlichung in The Nation, 21.05.2014
http://www.nationmultimedia.com/politics/Latest-measure-wont-teach-us-to-solve-political-co-30234154.html

 

Übersetzung und Redaktion: ████████████

Advertisements