Thailand: Eine „sanfte Revolution“ in einem glücklichen Land

VON

MITRASAHAI TANNEUNG

In der Türkei heißt es: “Wenn Du schlechte Ereignisse nicht stoppen kannst, kannst Du zumindest die schlechten Nachrichten darüber verhindern”. Dies wurde in Thailand wieder unter Beweis gestellt, als die momentane Militärjunta die schlechten Nachrichten so früh stoppte, dass sie keine schlechten Ereignisse mehr stoppen mussten. Dank ihrer 14. und 15. Anordnung, die allen Medien die Veröffentlichung kritischer Nachrichten und Ansichten über den Coup untersagte, haben nur wenige den Mut es dennoch zu tun.

Die Miltärjunta nannte sich zuerst National Peace and Order Maintaining Council (NPOMC), änderte den Namen jedoch bald wegen der positiveren internationalen Wahrnehmung in National Council for Peace and Order (NCPO) um. Nur fünf Tage nach dem aktuellen Coup d’État lud sie etwa 250 Politiker, Regierungsmitglieder, Unternehmer, Aktivisten und Akademiker vor oder verhaftete sie. Außerdem brachen weitere Proteste gegen den Coup aus und streuten sich über viele Teile des Landes. Dennoch wurde nichts davon in den Massenmedien berichtet.

Die Putschisten behaupteten, ihre Absicht sei es, Frieden, Ordnung und paradoxerweise auch die Demokratie im Land wiederherzustellen. Die Präsenz der Putschisten wurde durch die Anti-Shinawatra Gruppen ausdrücklich begrüßt, obwohl einige Analysten argumentieren, dass der Militärputsch nicht über eine angemessene oder legitimierte Rechtfertigung verfüge. Vor allem das People’s Democratic Reform Committee (PDRC), eine Protestbewegung, die sich seit November 2013 formiert, sprach ihr Wohlwollen gegenüber den Putschisten aus. Darüber hinaus begrüßte ein bekannter, politisch in Schieflage geratener „Hipster“, der 2013 für die Bangkoker Gouverneurswahl kandidierte, den Coup als eine Art „sanfte Revolution“[1].

Auch wenn es wie eine lächerliche Idee erscheint für diejenigen, die die Demokratie befürworten, fand der Anspruch einer “sanften und friedlichen” Ergreifung der Macht in den sozialen Medien diffuse Unterstützung von den Pro-Coup Befürwortern. Sie betrachteten den Coup selbst als eine Möglichkeit, den politischen Konflikt zu beenden, die Gewalt zu stoppen und Frieden und Liebe nach Thailand zurückzubringen.

“Jetzt kam das Militär, um die Demokratie vor Gewalt und Blutvergießen zu beschützen”, sagte ein thailändischer Netzbürger.

Wie sanft der Coup tatsächlich war, kann anhand seiner kontroversen Anordnungen und Regulierungen betrachtet werden. Zweifelsfrei können sie als Bestrebung gewertet werden, die demokratischen Prinzipien zu erschüttern und die Rechte der Menschen einzuschränken. Anzeichen dafür sind die Ausgangssperre, die Beeinflussung und Zensierung der Medien, das Verbot sich politisch zu vereinen oder auszudrücken und so weiter und so fort.

Noch interessanter ist der bekannte Spruch “Wir kämpfen im Namen des Volkes, denn das Land gehört uns”. Dieser Slogan wird von den Anti-Shinawatra-Demonstranten propagiert, die zu einem großen Teil den Coup unterstützen, während der Militärcoup genau die gegenteiligen Konsequenzen inszenierte.

Auf der einen Seite gehört tatsächlich auch denjenigen das Land, die tief beeindruckt sind von dem aktuellen Militärzug, ihnen als thailändisches Volk. Auf der anderen Seite haben die konstitutionellen Regeln, entstanden aus der Rivalität zwischen denjenigen, die von den traditionellen, und denjenigen, die von den modernen Institutionen abhängig sind, bereits ein Ultimatum gestellt: Dieses Land hat niemals den Menschen gehört, die in den Augen des Establishments die falsche Wahl trafen.

Das wurde bereits bewiesen durch die „öffentliche Warnung“ der NCPO. Sie geht soweit, dass diejenigen, die gegen den Coup protestieren oder ihn kritisieren nach dem Kriegsrecht und den Regeln der NCPO streng bestraft würden und sie (für Verletzte oder sogar Tote) „keine Forderung geltend machen (werden können)“. Niemand möchte sich die Rückkehr der „alten Tage“ der Straßengewalt wieder vor Augen führen.

Das Militär hat Waffen in den Händen und ist bereit, sie jedem an den Kopf zu halten. Ihre Entscheidung, die Kontrolle der öffentlichen Oberherrschaft in dieser politischen Sackgasse zu ergreifen, kann daher nicht als gewaltlos verstanden werden. Es gibt Kurzsichtige, die meinen, dass dieser militärische Zug mehr Lobeshymnen verdiene, da er ohne Blutvergießen von statten gegangen sei und die Möglichkeit eines Bürgerkriegs vereiteln würde. Sie müssen wieder und wieder und wieder darüber nachdenken, auch wenn die meisten von ihnen es nicht tun werden.

Was auch immer die Ergebnisse des Coups sein werden – seine kategorischen Befehle und Regeln lassen absolut keinen Raum für politische Differenzen. Viele Analysten erwarten daher, dass Thailand in mehr Widerstand und unkontrollierbare, anhaltende Gewalt, oder, im schlimmsten Fall, in einen Bürgerkrieg hineintreiben werde.

Wenn einzig Macht und Zwang den verschleppten Konflikt lösen können, was ist dann wirklich im südlichen Teil des Landes passiert, in dem bereits seit vielen Jahren das Kriegsrecht und militärische Operationen herrschen?

Eine der seltsamen kulturellen Eigenschaften dieses Landes wurde außerdem vor einigen Tagen von der NCPO durch Anordnungen im Fernsehen wieder auf die Agenda gesetzt.

In dieser langanhaltenden Liebesgeschichte des Nationalismus glauben viele Thais an die blühende Ära voll Liebe und Frieden, die Jahrzehnte vor den politischen Unruhen existiert haben soll. Sie glauben auch, dass dieser langgezogene Konflikt das Land entzweie. Aus diesem Grund war es der einzige und unvermeidbare Weg des Militärs, das als Beschützer der Nation handelte, „sich zu entscheiden, die Macht zu ergreifen“ – für eine unbestimmte Zeit.

Streng genommen war es – ohne allgemeine Zustimmung – Ziel des Coups, einen politischen Kompromiss zu erzielen. Wie die NCPO selbst behauptete, sollte das thailändische Volk gezwungen werden „in Liebe und Frieden zu sein“.

Aber dieses Vorhaben kann nicht erfüllt werden, ohne sich der Oppositionellen zu entledigen und das Volk zu harmlosen Bürgern zu zähmen. Zudem müssen den Thais die Möglichkeiten genommen werden, anders zu denken, aufmerksam zu hinterfragen, radikal zu zweifeln und gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen, vor allem gegen diejenigen, die an der Macht sind.

Um das Land zu Liebe und Frieden und seiner “Normalität” zurückzubringen, ließ die Militärjunta implizit verlauten, jegliche direkten Eingriffe des Staates zu erlauben.

Leider wurden all diese Dinge von vielen Anti-Shinawatra-Gruppen komplett ignoriert. Sie behaupteten, für die Herrschaft des Volkes zu kämpfen.

In Thailand wurden die Rechte des Volkes überwältigt von der Sehnsucht nach Liebe und Frieden um jeden Preis, auch mit Gewalt.

Aus diesem Grund und wegen des Schweigens der Massenmedien auf Geheiß der Junta bediene ich mich eines Zitates aus dem Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Márquez, einem der größten lateinamerikanischen Schriftsteller. Es lautet:

„Muss ein Traum gewesen sein“, betonten die Offiziere beharrlich. „In Macondo ist nichts passiert, passiert nichts, und wird auch nichts passieren. Es ist ein glückliches Dorf.“[2]

Für viele Menschen ist Thailand nun ohne Zweifel gleichzusetzen mit der lateinamerikanischen Stadt „Macondo“ in den 1960er Jahren. „Muss ein Traum gewesen sein“, sagen sie zu sich selbst. „In Thailand ist nichts passiert, passiert nichts , und wird auch nichts passieren. Es ist ein glückliches Land“ – oder sie müssen, zu ihrer eigenen Sicherheit, vorgeben, in einem glücklichen Land zu sein.

Mitrasahai Tanneung (มิตรสหายท่านหนึ่ง) ist ein mehrfach genutzter Name, der von einer Gruppe thailändischer Schriftsteller und Journalisten verwendet wird.

Der Text wurde erstmalig am 28.05.2014 auf Englisch auf der Website New Mandala veröffentlicht. Deutsche Übersetzung und Redaktion von ████████████



[1] Anmerkung von PWT: Gemeint ist damit der Unternehmer, Musiker und DJ Suharit Siamwalla (สุหฤท สยามวาลา). Dieser postete am 20.05.2014 um 07:03 Uhr (Bangkoker Zeit), also einige Stunden nach der Ausrufung des Kriegsrechts: „นี่คือการปฏิวัติที่อ่อนละมุนสุหฤท สยามอัยการศึก“ = „Dies ist eine sanfte Revolution. Suharit Siam-Kriegsrecht“. Siehe: https://www.facebook.com/suharit.surprise.

[2] Anmerkung von PWT: Gabriel García Márquez: Hundert Jahre Einsamkeit. Aus dem Spanischen von Curt Meyer-Clason. KiWi: 2002, hier S. 350.

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