Militärputsch in Thailand

Heute um 16:30 Uhr thailändischer Zeit hat das thailändische Militär geputscht.

Die Lage ist noch unübersichtlich. Als erste Reaktion darauf lädt PWT alle noch einmal ein, den Abschiedsbrief des damals 60-jährigen Taxi-Fahrers Nuamthong Phaiwan (นวมทอง ไพรวัลย์) zu lesen, worüber wir bereits erst vor einigen Tagen gebloggt haben:

Einige Wochen nach dem letzten, als friedlich angesehenen Putsch im September 2006 fuhr der damals 60-jährige Taxi-Fahrer Nuamthong Phaiwan (นวมทอง ไพรวัลย์) als Protest gegen den Putsch mit seinem Taxi in einen in Bangkok stationierten Panzer. Ein Selbstmord als symbolischer Akt, ein Zeichen des zivilen Widerstands gegen die von vielen als erdrückend wahrgenommene Macht des Militärs. Der wohl kalkulierte Selbstmord ging jedoch nicht auf. Nuamthong kam mit schweren Verletzungen nicht ums Leben und wurde knapp zwei Wochen im Krankenhaus behandelt. Zwei Wochen nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus wurde er auf einer Fußgängerbrücke in Bangkok aufgehängt aufgefunden. Er hinterließ den folgenden Abschiedsbrief:

Bild

[Deutsche Übersetzung von PWT:]

“Zu Ehren der Nation, der Religion, des Königs. Soldatenstaat und Polizeistaat (darf es nicht geben.)

Liebe verehrte Schwestern und Brüder,

mein 2. Selbstmordversuch zielt darauf ab, nur mich zugrunde zu richten, damit durch meine Handlung keine Sachschäden wie bei meinem 1. Versuch entstehen. Ich will damit die in zahlreichen Zeitungen zitierte Aussage des stellvertretenden Sprechers der Putschisten widerlegen: “Kein Mensch ist so idealistisch, dass er sein Leben opfert.”

Ich gebe zu, dass mein 1. Selbstmordversuch daneben ging, weil ich die Geschwindigkeit meines Taxis falsch eingeschätzt hatte. Als ich am Hauptquartier des Heeres bis zum Straßenende vorbeifuhr und mein Taxi über den Fahrbahnteiler und es deshalb in einer S-Form lenken musste, um es in eine frontale Stellung gegen den Panzer zu bringen, verlor sich die Geschwindigkeit meines Taxis.

Deshalb erlitt ich lediglich schwere Verletzungen mit 5 gebrochenen Rippen, einem geschwollenen linken Auge und einem schweren Kieferbruch. Ich wurde im Vajiraphayaban Hospital behandelt. Ich wurde von vielen Menschen, u.a. von Prateep Hata (ประทีป ฮาตะ), besucht, und auch von Medienvertretern. Man hat mich gefragt, ob ich nicht mit den Reformen zufrieden sei, die dafür gesorgt hätten, dass das Land wieder im Frieden sei und dass der Putsch unblutig verlaufen sei. Ich habe gesagt, alle, die das Gesetz verletzt haben, müssen strafrechtlich verfolgt werden. Vorher gab es viele Geheimnisse und Tuscheleien. Jetzt haben sich alle Beteiligten offen gezeigt. Es ist eine schamlose Ohrfeige gegen das Volk. Aber meine Aussagen fanden sich nicht in den Berichterstattungen. Auch dass ich mit meinem Taxi in einen Panzer fuhr, wurde nur an einem einzigen Tag in der Presse erwähnt und danach nicht mehr. Ich hielt mich insgesamt 13 Tage im Krankenhaus auf. Dann haben die Ärzte mich nach Hause entlassen. Ich habe die Berichterstattungen in der Presse über meine Aktion gegen die Putschisten studiert und die oben erwähnte Aussage des stellvertretenden Sprechers der Putschisten gefunden. Dieser hat u.a. gesagt, ich hätte aus Affekt gehandelt. Dass ich vorher Sprüche gegen den Putsch an mein Taxi mit Farbdosen besprüht hatte, wäre meiner Ansicht nach ein Hinweis dafür genug gewesen, dass ich nicht aus Affekt gehandelt habe. Eine solche Person verdient eine so hohe, mit Steuergeldern des Volkes vergütete Stelle offensichtlich nicht.

Zunächst wollte ich nach meiner Wiedergenesung unbehelligt meinen Lebensunterhalt mit dem Taxifahren ohne weitere Heldentaten wie vorher bestreiten. Aber als ich die Aussage des stellvertretenden Sprechers der Putschisten las, wollte ich das Gegenteil beweisen. Es ist nun mal einer der thailändischen Charakterzüge, dass man uns töten kann, jedoch unsere Ehre nicht verletzen darf. Ich habe mich entschieden, mich am letzten Tag des Monats Oktober umzubringen, weil Oktober der Monat demokratischer Helden ist. Viele Seelen dieser Helden, die für die Demokratie in diesem Land gekämpft haben, weilen noch an diesem Denkmal, an dem ich mich umbringen will. Auch ich werde bei ihnen sein, für immer. Ich will betonen, dass meine beiden Selbstmordversuche freiwillig waren. Ich bin von niemandem angeheuert worden, mich umzubringen.

Zum Schluss will ich meinen Kindern und meiner Frau sagen, dass sie auf ihren Vater und ihren Mann stolz sein sollen. Seid nicht traurig! Ich hoffe, wir werden in unserem nächsten Leben keinen Putsch mehr erleben müssen.

Lebt wohl. Wir sehen uns in einem nächsten Leben.

P.S. Das Medikament, das in meinem Taxi nach meinem ersten Selbstmordversuch gefunden wurde, war kein Psychopharmaka, wie in manchen Berichterstattungen behauptet wurde, sondern lediglich eine pflanzliche Nahrungsmittelergänzung. Ich habe keine Depression. Ich protestiere nur gegen Diktatoren.

Sawaddi Khrab.

29. Oktober 2006

[gez.]

(Nuamthong Phraiwan)”

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