Ein Taxifahrer und ein Panzer oder ein erschüttertes Selbstverständnis des thailändischen Militärs

Der Militärputsch am 06.09.2006 gegen den damaligen Regierungschef Thaksin Shinawatra verlief weitgehend friedlich und wurde deshalb – nicht zuletzt auch von der internationalen Presse – als eine erneut belegte Besonderheit der thailändischen Politik bewundert, immer wieder große Veränderungen ohne Blutvergießen herbeiführen zu können. Drei Wochen nach dem Putsch, genauer gesagt am 30.09.2006, fuhr der damals 60-jährige Taxi-Fahrer Nuamthong Phaiwan´[1](นวมทอง ไพรวัลย์) als Protest gegen den Putsch mit seinem Taxi in einen in Bangkok stationierten Panzer. Ein Selbstmord als symbolischer Akt, ein Zeichen des zivilen Widerstands gegen die von vielen als erdrückend wahrgenommene Macht des Militärs. Der wohl kalkulierte Selbstmord ging jedoch nicht auf. Nuamthong kam mit schweren Verletzungen nicht ums Leben und wurde knapp zwei Wochen im Krankenhaus behandelt. Zwei Wochen nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus wurde er auf einer Fußgängerbrücke in Bangkok aufgehängt aufgefunden. Er hinterließ den folgenden Abschiedsbrief:

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(Quelle: http://bit.ly/1gcmuck)

[Deutsche Übersetzung von PWT:]

„Zu Ehren der Nation, der Religion, des Königs. Soldatenstaat und Polizeistaat (darf es nicht geben.)

Liebe verehrte Schwestern und Brüder,

mein 2. Selbstmordversuch zielt darauf ab, nur mich zugrunde zu richten, damit durch meine Handlung keine Sachschäden wie bei meinem 1. Versuch entstehen. Ich will damit die in zahlreichen Zeitungen zitierte Aussage des stellvertretenden Sprechers der Putschisten widerlegen: „Kein Mensch ist so idealistisch, dass er sein Leben opfert.“

Ich gebe zu, dass mein 1. Selbstmordversuch daneben ging, weil ich die Geschwindigkeit meines Taxis falsch eingeschätzt hatte. Als ich am Hauptquartier des Heeres bis zum Straßenende vorbeifuhr und mein Taxi über den Fahrbahnteiler und es deshalb in einer S-Form lenken musste, um es in eine frontale Stellung gegen den Panzer zu bringen, verlor sich die Geschwindigkeit meines Taxis.

Deshalb erlitt ich lediglich schwere Verletzungen mit 5 gebrochenen Rippen, einem geschwollenen linken Auge und einem schweren Kieferbruch. Ich wurde im Vajiraphayaban Hospital behandelt. Ich wurde von vielen Menschen, u.a. von Prateep Hata (ประทีป ฮาตะ)[2], besucht, und auch von Medienvertretern. Man hat mich gefragt, ob ich nicht mit den Reformen zufrieden sei, die dafür gesorgt hätten, dass das Land wieder im Frieden sei und dass der Putsch unblutig verlaufen sei. Ich habe gesagt, alle, die das Gesetz verletzt haben, müssen strafrechtlich verfolgt werden. Vorher gab es viele Geheimnisse und Tuscheleien. Jetzt haben sich alle Beteiligten offen gezeigt. Es ist eine schamlose Ohrfeige gegen das Volk. Aber meine Aussagen fanden sich nicht in den Berichterstattungen. Auch dass ich mit meinem Taxi in einen Panzer fuhr, wurde nur an einem einzigen Tag in der Presse erwähnt und danach nicht mehr. Ich hielt mich insgesamt 13 Tage im Krankenhaus auf. Dann haben die Ärzte mich nach Hause entlassen. Ich habe die Berichterstattungen in der Presse über meine Aktion gegen die Putschisten studiert und die oben erwähnte Aussage des stellvertretenden Sprechers der Putschisten gefunden. Dieser hat u.a. gesagt, ich hätte aus Affekt gehandelt. Dass ich vorher Sprüche gegen den Putsch an mein Taxi mit Farbdosen besprüht hatte, wäre meiner Ansicht nach ein Hinweis dafür genug gewesen, dass ich nicht aus Affekt gehandelt habe. Eine solche Person verdient eine so hohe, mit Steuergeldern des Volkes vergütete Stelle offensichtlich nicht.

Zunächst wollte ich nach meiner Wiedergenesung unbehelligt meinen Lebensunterhalt mit dem Taxifahren ohne weitere Heldentaten wie vorher bestreiten. Aber als ich die Aussage des stellvertretenden Sprechers der Putschisten las, wollte ich das Gegenteil beweisen. Es ist nun mal einer der thailändischen Charakterzüge, dass man uns töten kann, jedoch unsere Ehre nicht verletzen darf. Ich habe mich entschieden, mich am letzten Tag des Monats Oktober umzubringen, weil Oktober der Monat demokratischer Helden ist. Viele Seelen dieser Helden, die für die Demokratie in diesem Land gekämpft haben, weilen noch an diesem Denkmal, an dem ich mich umbringen will. Auch ich werde bei ihnen sein, für immer. Ich will betonen, dass meine beiden Selbstmordversuche freiwillig waren. Ich bin von niemandem angeheuert worden, mich umzubringen.

Zum Schluss will ich meinen Kindern und meiner Frau sagen, dass sie auf ihren Vater und ihren Mann stolz sein sollen. Seid nicht traurig! Ich hoffe, wir werden in unserem nächsten Leben keinen Putsch mehr erleben müssen.

Lebt wohl. Wir sehen uns in einem nächsten Leben.

P.S. Das Medikament, das in meinem Taxi nach meinem ersten Selbstmordversuch gefunden wurde, war kein Psychopharmaka, wie in manchen Berichterstattungen behauptet wurde, sondern lediglich eine pflanzliche Nahrungsmittelergänzung. Ich habe keine Depression. Ich protestiere nur gegen Diktatoren.

Sawaddi Khrab.

29. Oktober 2006

[gez.]

(Nuamthong Phraiwan)“

Auch wenn Nuamthongs Taxi beim anvisierten Panzer keine nennenswerten Schäden verursachte, dürfte der furchtlose frontale Angriff des Taxifahrers das Selbstverständnis des thailändischen Militärs nachhaltig erschüttert haben. Sein Widerstand mag die Bereitschaft vieler anderer Menschen in Thailand, sich gegen die Militärherrschaft zu wehren, mit gestärkt haben. Die wohl wichtigste Rothemdenorganisation United Front for Democracy Against Dictatorship (UDD) beispielsweise, die erst nach Nuamthongs Selbstmord gegründet wurde, hat sich von Anfang an zum Ziel gesetzt, gegen jeden weiteren Staatsstreich Widerstand zu leisten. Die Rothemden wurden bislang bei ihren Massenprotesten bereits dreimal vom Militär niedergeschlagen, nämlich im April 2009, im April 2010 und dann zuletzt im Mai 2010. Bei Betrachtung der politischen Situation seit dem Putsch im September 2006 muss das thailändische Militär feststellen, dass es diese Andersdenkenden noch nicht oder vielleicht auch nicht mehr zerschlagen kann. Dabei hat das Ansehen des thailändischen Militärs bis heute unter den zuvor genannten militärischen Aktionen national wie international gelitten.

Dass sich das Militär seit Beginn der PDRC-Protestbewegung äußerst zurückhaltend verhält, kann als Indiz dafür gesehen werden, dass unter den einflussreichsten Generälen Zweifel am Erfolg eines Eingreifens des Militärs vorherrschen, das vor allem von Regierungsgegnern wiederholt gefordert wird. Dennoch sind bisherige nicht-militärische Versuche und Maßnahmen der Regierungsgegner, wie Urteile und Entscheidungen von Verfassungsorganen oder Massendemonstrationen unter Führung des PDRC oder zuletzt die Bemühungen einer Gruppe ernannter Senatoren um die Installation eines nicht-gewählten, sogenannten „neutralen“ Premierministers, erfolglos geblieben, ein politisches Vakuum herbeizuführen und damit das erklärte Vorhaben „Reformen vor Wahlen“ umzusetzen. Aus diesem Grunde richten viele politische Beobachter ihre Blicke erneut auf das Militär. Es scheint sich bei ihnen die Erkenntnis durchgesetzt zu haben, dass dieser seit mehr als 6 Monaten andauernde Machtkampf ohne den entscheidenden Akteur, also das Militär, nicht entschieden werden kann.

Ob es ein Zufall war, sei erst einmal dahin gestellt. Aber am 17.05.2014, nach einem erneuten Anschlag auf eine PDRC-Demonstrationsstätte am Democracy Monument in der Altstadt von Bangkok mit 3 Toten und Dutzenden Verletzten, ließ der Oberkommandierende des thailändischen Heeres General Prayuth Chan-ocha (ประยุทธ์ จันทร์โอชา) in einer Live-Übertragung des Armee-TV-Senders Kanal 5 die folgende 7-Punkte-Erklärung durch seinen Sprecher mitteilen:

„1. Wir wollen allen Kräften, die dabei sind, nationale Probleme zu lösen, meine moralische Unterstützung aussprechen, um dem Land den Frieden zurückzubringen – sei es durch juristische Maßnahmen oder durch Gespräche oder andere friedliche Mittel. Dennoch sieht es momentan danach aus, dass die Suche nach juristischen Auswegen oder die Gespräche zum jetzigen Zeitpunkt keine entscheidenden Erfolge erzielen können, da es so viele Meinungsverschiedenheiten gibt und die vorgenannten Bemühungen von der Aktualität der Krise stets überholt werden. Die Situation scheint gewaltsamer zu werden. Alle Beteiligten sollen sich an das Gebot friedlicher Handlungen halten. Keiner soll weitere Bedingungen und Probleme herbeiführen. Alle sollen dazu beitragen, dass Gewaltanwendung nicht weiter zunimmt und unser Land so schnell wie möglich in den Frieden zurückkehrt.

2. Beim Anschlag in der Nacht vom 17.05.2014 gab es zahlreiche Tote und Verletzte. Unabhängig davon, von welcher Seite Gewalt angewandt wurde, war dies ein illegaler Akt. Daher appelliere ich auch an die Bevölkerung, die nicht an der Demonstration teilnimmt, diese Gewaltanwendung sowie den Gebrauch von Kriegswaffen gegen unschuldige Menschen zu verurteilen. Falls jemand Hinweise auf die Täter hat, soll er sich an das Militär wenden.

3. Viele haben dem Oberkommandierenden des Heeres sowie den Leitern aller anderen Streitkräfte vorgeworfen, tatenlos den Entwicklungen zuzusehen. Ich will betonen, dass das Militär unaufhörlich alles in seiner Macht Stehende mit größter Sorgfalt unternommen hat. Die gegenwärtige Krise ist komplex und hat facettenreiche Auswirkungen.

4. Wir fordern diejenigen, die das Militär diffamiert haben oder noch diffamieren, dazu auf, ihre Diffamierungen einzustellen. Derartige Diffamierungen verletzen die Ehre des Militärs und alle Mitglieder des Militärs können sie nicht dulden.

5. Wir fordern alle Gruppierungen, insbesondere jene, die Kriegswaffen benutzen, dazu auf, ihre Handlungen sofort einzustellen. Sollte sich die Situation weiter mit vermehrter Gewalt zuspitzen, werden die Soldaten gezwungen sein, mit umfassenden Maßnahmen einzugreifen, um die Eskalation zu beenden und um die nationale und öffentliche Sicherheit und Ordnung wiederherzustellen.

6. Sollte es durch eine weitere Zuspitzung der Lage zu Unruhen kommen, sieht sich das Militär gezwungen, seine Soldaten aufzufordern, die Situation unter Kontrolle zu bringen. In einem solchen Stadium werden alle rechtlichen Mittel angewandt, um Personen, Personengruppen oder bewaffnete Gruppen zu zerschlagen, die das Militär bzw. unschuldige Menschen attackieren. Sollte es zu solchen militärischen Maßnahmen kommen, hätten alle, gegen die die Maßnahmen ergriffen würden, keine Ansprüche auf Entschädigungen. Auch Personen, die vorhaben, Militäreinheiten zu erstürmen bzw. zu besetzen, werden aufgefordert, ihre Pläne sofort einzustellen.

7. Das Militär gehört der Nation, der Religion, dem König und allen Thailändern. Es gehört keiner einzelnen Gruppe. Aber das Militär muss seine Ehre verteidigen und für Recht und Ordnung im Land und für die Sicherheit der Bevölkerung sorgen, wenn es notwendig ist. Und es wird mit allen Kräften diesen Aufgaben nachkommen.“

Die Presseerklärung des Armeechefs hört sich wie eine Selbstvergewisserung der eigenen Autorität an. Man kann nur hoffen, dass sich die Lage nicht zu einer Situation entwickelt, in der unkontrollierbare Gewalt alles diktiert. Dies könnte dem Militär ein Argument liefern, in die Krise einzugreifen. Denn diesmal wird ein solcher Militärputsch möglicherweise nicht mehr so ruhig wie im Jahr 2006 verlaufen, als der 60jährige Nuamthong Phaiwan noch normal sein Taxi fuhr, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

[1] Richtiger sollte sein Familienname eigentlich so transkribiert werden: Phraiwan.
[2] Prateep Ungsongtham Hata (* 9. August 1952) ist eine Sozialaktivistin und ehemalige Senatorin.

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