Nachruf: Kamol Duangphasuk alias Mainueng K. Kunthee

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(Foto: นิตยสาร Way)[1]

ชีวิตดับยังระยับปณิธาน

ทอดฉายฉานใดไม่อาจบดบังได้

คมกระสุนสามารถตัดขั้วหัวใจ

แต่ไม่อาจตัดฝันใฝ่สู่เสรี

Leben verloren, Vorhaben aber leuchtend bleibt,

Nichts kann es verdecken, nicht, was grell scheint.

Das Herz kann ein Schuß zerschneiden;

Den Traum von Freiheit jedoch nicht zerstören.

Mainueng K. Kunthee[2] (ไม้หนึ่ง ก. กุนที) ist das Pseudonym von Kamol Duangphasuk (กมล ดวงผาสุข), einem berühmten Rothemden-Dichter und Aktivisten. Er trug die obigen Zeile aus seinem berühmten Gedicht mit der programmatischen Überschrift „ประชาทิพย์“ („Volksschutzgeist“) erstmalig am 25. April 2009 auf einer Demo-Bühne der UDD auf dem Sanam Luang, dem Königsplatz in der Altstadt von Bagngkok, vor, als hätte er geahnt, dass auch er eines Tages so sterben und zu einem der Volksschutzgeister werden sollte. Am 23. April 2014 wurde er am hellichten Tag von unbekannten Attentätern am Rande von Bangkok erschossen. Er wurde 45 Jahre alt.

Herkunft

Kamol stammt aus dem Amphawa Distrikt der Samut Songkhram Provinz und studierte an der pädagogischen Fakultät der Silpakorn Universität. Er verfasste leidenschaftlich gerne Gedichte, die in den 1990er Jahren in der Matichon Weekly und einigen anderen Magazinen veröffentlicht wurden. Seinen Lebensunterhalt verdiente er in einem kleinen Restaurant, dem „Duck Poet Society“, wo er Entengerichte servierte.

In einem im Jahr 2009 veröffentlichten Interview mit der thailändischen Net-Zeitung Prachatai (ประชาไท) sagte er:

Meine Familie war eine Reisbauernfamilie. In meiner Jugend ist sie zu einer Obstbauernfamilie geworden. Der Unterschied zwischen Reisbauern und Obstbauern war: Ein Reisbauer baut nur für den eigenen Bedarf an, während ein Obstbauer seine Erzeugnisse auch verkauft. Als ich aus dem Haus war, wurde ich Händler. Ich bin sozial immer weiter aufgestiegen. Ich habe den gleichen Bildungsstand wie Sie [=die interviewenden Journalisten]. Ich habe Vieles gesehen. Ich habe gesehen, wie sich das Leben von Menschen durch Ressourcen, Macht und Chancen verändert. Manchmal sind Macht und Chancen eine und dieselbe Sache. Ein Beispiel wäre der sogenannte 20 000- Baht-Dorffonds. […] Ein Betrag von 20 000 Baht kann dazu beitragen, dass ein Reisbauer gleich zu einem Besitzer eines Nudelstands wird, ohne vorher ein Obstbauer gewesen sein zu müssen. Sie werden mich jetzt wahrscheinlich fragen: „Und wie ist das mit der Selbstgenügsamkeit?“ … Selbstgenügsamkeit ist eine Illusion. Während die reale Welt vom wild strömenden Kapitalismus diktiert ist, müssen Sie zeitgleich zwei Dinge tun: Sie müssen einerseits selbstgenügsam sein, was Ihre Bedürfnisse angeht. Sie brauchen als Reisbauer beispielsweise kein internetfähiges Handy. Also, für einen Reisbauer ist ein solches Handy normalerweise unnötig. Andererseits muss man sich an die tatsächlichen Gegebenheiten anpassen, wenn es darum geht, seinen Lebensunterhalt zu verdienen.[3]

Literarisches Leben

2003 war er unter der Regierung von Thaksin Shinawatra Mitglied im Komitee zur Verleihung des Pan Wanfah Preises. Dieser Preis wurde vom thailändischen Parlament für politische Literatur vergeben. Das Komitee setzte sich hauptsächlich aus Rothemd-Dichtern zusammen und der Preis wurde für seine Nähe zu dieser politischen Gruppierung kritisiert. Sein Einsatz für das auch in Thailand für überwunden gehaltene littérature engagée war darauf zurückzuführen, dass er Thailand in einem historischen Stadium wähnte, in dem so etwas wie L’art pour l’art nicht realisierbar sei:

Objektiv gesehen ist [in Thailand] kein Nährboden für L’art pour l’art. Vor allem angesichts der momentanen politischen Situation sehe ich keine Möglichkeit für die Kunst um der Kunst Willen.[4]

Die Reaktivierung einer sozialkritischen, engagierten Literatur war für den Dichter nichts als eine Befreiung der Literatur von einem internen Code einer kleinen intellektuellen Elite hin zu einer Kunstform, die sich selbst als Artikulationsmöglichkeit für soziale und politische Belange auch außerhalb der intellektuellen Spähre begreift:

Die Frage ist doch die, wie viele Menschen hierzulande es sind, die Wert auf Kunst um der Kunst Willen legen. Intellektuelle der städtischen Mittelschicht wie ihr [die interviewenden Journalisten] gibt es nur eine Hand voll. Das sind doch wir. Wir lesen die gleichen Bücher, hatten die gleichen Professoren und Dozenten, tauschen uns über die gleichen Themen aus und sehen uns dieselben Filme an. Selbst wenn es ein Indi-Film ist, ist es eben derselbe Indi-Film. Ihr seid eigentlich nur eine kleine Gruppe. Aber ihr besitzt eben Mikrofone und Kameras. Deshalb könnt ihr euch was einbilden. […] Die eigentliche Welt ist größer als die fiktive Welt, in der wir uns bewegen. Wir verkehren innerhalb eines kleinen Kreises. Wir haben Auftritte im Fernsehen; unsere Fotos werden in Zeitungen und Zeitschriften abgedruckt. Und dann bilden wir uns ein, dass wir intelligent und weise sind, wie wir denken. Aber uns ist nicht bewusst, dass wir zwar eine kleine Gruppe sind, es aber eine noch kleinere Gruppe von Menschen gibt, die umfassend fähig ist, uns so zu formen, wie sie uns haben wollen. Wir sind von dieser anderen Menschengruppe erzogen worden, die eigentlichen Kräfte, die diese Gesellschaft aufgebaut haben, als Tiere zu sehen. Wir kennen alle den Darwinschen Begriff der Evolution. Aber wo bleibt dann diese Vorstellung, wenn ihr auf das Volk schaut. […] Solange Politik in allem steckt und solange es sich dabei um eine Politik handelt, die das Volk diskriminiert, gibt es in Thailand keine Kunst um der Kunst willen […].[5]

Politisches Leben

Mainueng engagierte sich vor allem seit dem Coup d’État 2006 nicht mehr nur literarisch, sondern mischte sich vermehrt auch politisch ein. Er nahm an den Treffen der Rothemden gegen die Umstürzler teil, wo er Reden hielt und seine Gedichte vortrug. Dabei griff er die Putschisten und Etablissments heftig an. Er sprach immer wieder offen von seiner Sympathie für die Rothemden, weil er ihren Kampf für eigene Interessen als eine historische Notwendigkeit betrachtete, wie er einst sagte:

Ich sehe das so: Eine Protestbewegung wie die PAD [die erste organisierte Protestbewegung der „Gelbhemden“] hat sich für ihre Kampfstrategie [mit undemokratischen Mitteln] entschieden, weil sie ungeduldig ist. Die PAD kann nicht warten, bis ihre Anhänger „vom Geldbeutel her reif“ sind. Mit „vom Geldbeutel her reif“ will ich die Beweggründe für politische Aktivitäten vieler Rothemden erklären. Ich habe z.B. einen Zeitungsbericht über eine Rothemden-Familie gelesen. Man hat das Familienoberhaupt befragt, warum er an der Seite der UDD kämpfe, obwohl er sich nicht als einen Thaksin-Anhänger sehe. Dieser Mann erklärt, dass er Demos der UDD unterstütze, weil er direkt von der allgemeinen Krankenversicherung, dem sogenannten 30-Baht-für-alle-Krankheiten-Programm [der Thaksin-Regierung], profitiert habe. Er erzählt von seinem jüngsten Kind, das einmal an Malaria erkrankt war. Unter den Umständen, die noch in seiner eigenen Kindheit in seiner Familie oder in der Verwandtschaft vorherrschten, wäre das Kind auch geheilt worden. Aber es hätte viel länger gebraucht, bis man sich sicher habe sein können, dass das Kind eine Überlebenschance habe. Seit es die allgemeine Krankenversicherung der Thai-Rak-Thai-Regierung gebe, habe man sein Kind binnen kurzer Zeit behandeln können. Das habe ihn zu dem Schluss gebracht, dass die nun vorherrschenden Umstände sich von den Umständen zu Zeiten seiner Vorfahren für ihn und seine Familie zum Positiven geändert hätten. Und das sei für ihn Beweggrund genug, die UDD zu unterstützen.[6]

Dabei entwickelte er interessante Gedanken etwa über Wahlen:

[…] Meiner Ansicht nach muss „die herkömmliche Politik“ ernsthaft und konsequent gefördert werden. Ein Problem in Thailand ist, dass keine echte Förderung der Demokratie stattfindet. Es ist meist nur ein Theater, das gespielt wird. Wir träumen davon, dass die Wahlbeteiligung bei 100% oder zumindest nahe daran liegt. Aber es gibt keine konkreten Fördermaßnahmen. Dafür gibt es unehrliche Maßnahmen, z.B. unendlich viele Mittel für PR-Maßnahmen der nationalen Wahlkommission in den Medien wie Fernsehen, Radio und Zeitungen. Für mich sind das verlogene Maßnahmen. Es wird damit eine sehr große Summe verbraten. Sie können selbst nachrecherchieren, was all diese sinnlosen PR-Maßnahmen bei jeder Wahl den Staat kosten. Meiner Ansicht nach wäre es viel sinnvoller, diese Mittel direkt an Wähler zu verteilen. Es ist auch nicht wichtig, wie sie verteilt werden. Ob jeder 200 oder 500 Baht für seinen Wahlgang bekommen soll. Es soll einfach in der Verfassung stehen, dass jeder Wähler, der wählen geht, Anspruch auf eine Fördersumme vom Staat als Aufwandsentschädigung hat. Es soll einfach so gemacht werden, damit dieses Gerede über die sogenannte stille Kraft endlich einmal ein Ende hat. Heute liegt die Wahlbeteiligung bei 60% bis 70%. Bei jeder Wahl wird deshalb nach den verbliebenen 30% bis 40% gefragt. Man könnte durch eine solche Maßnahme eine höhere Wahlbeteiligung erreichen, damit man endlich nachweisen kann, wie die Wähler wirklich denken, also wie die Kräfteverhältnisse im Lande in der Wirklichkeit aussehen.

Noch eine Sache, die ich im Zusammenhang mit den Wahlen für kontraproduktiv halte. Das ist das Alkoholverbot am Wahltag. Außer dem Vorschlag, dass jeder Wähler eine Aufwandsentschädigung vom Staat erhält, muss man den Wählern das Gefühl vermitteln, dass der Wahltag ein Fest ist. Alle haben an diesem Tag frei. Nach dem Wahlgang muss man feiern dürfen. Jeder hat Geld für den Wahlgang vom Staat erhalten, mit dem er essen und trinken gehen kann. Wozu? Das soll ein Zeichen sein, dass das Volk der Mächtigste im Staat ist. Das Volk kann sich berauschen und sich alles erlauben. Damit meine ich nicht, dass wir die Bürger zu einem Alkoholmissbrauch animieren sollen. Nein. Aber das Volk muss seine Mächtigkeit spüren. Es soll wissen, dass es die mächtigste Institution im Staat ist. Es soll nicht so sein, dass nur Privilegierte sich zu einer geschlossenen Feier treffen können, um sich mit Spitzenweinen zu berauschen.[7]

Mit seinem literarisch-politischen Engagement wurde er zu einem wichtigen Verbindungsglied zwischen den Demonstranten und dem intellektuellen Lager. Eine wichtige Funktion, zumal auf Demo-Bühnen der Rothemden sozialkritische Lieder des Genres „Musik fürs Leben“ (เพลงเพื่อชีวิต) selten gespielt wurden, obwohl sie bei den früheren Demokratiebewegungen unter Führung von Studenten und Intellektuellen eine zentrale Rolle einnahmen.[8] Und somit war die Bezeichnung eines Volksdichters für Mainueng nicht von ungefähr. Er war Volksdichter im doppelten Sinne: Einerseits handeln seine Gedichte vom Volk. Andererseits werden sie von der Masse rezipiert, und nicht nur von Intellektuellen. Dies scheint auch die Einschätzung von Wat Walayangoon (วัฒน์ วรรลยางกูร), einem weiteren bekannten Rothemden-Dichter und Autor zu sein, wenn er sagt, Mainueng sei für seinen direkten poetischen Stil und die markanten politischen Botschaften seiner Gedichte berühmt. Man habe ihn auf Hochzeiten oder Mönchweihen eingeladen, um mit seinen Gedichten die Stimmung aufzuheitern und er sei von den Anhängern der Rothemdenbewegung heißgeliebt worden.

2009 und 2010 war Mainueng während der Rothemden-Demonstrationen sehr aktiv und schloss sich 2010 nach Angaben von Anhängern einem gewalttätigen Flügel an. Als sich das Vorgehen gegen die Rothemden verschärfte, verschwand er wegen ernsthafter Sicherheitsbedenken von der Bildfläche und floh angeblich nach Kambodscha.

Politisch aktiv wurde er erst wieder, als dem Unterhaus das umstrittene Amnestiegesetz vorgelegt wurde. Im Gegensatz zu den meisten Rothemden befürwortete Mainueng an der Seite von Suda Rangkupan die pauschale Amnestie, da die Freilassung verhafteter Rothemden für ihn oberste Priorität hatte.

Mainueng beteiligte sich 2012 auch an den Kampagnen gegen den Artikel 112 oder das Majestätsbeleidigungsgesetz und für die Freilassung Angeklagter dieses Strafbestandes gegen Kaution. Hierfür wurden Hungerstreiks organisiert und allwöchentliche Versammlungen vor dem Gerichtsgebäude abgehalten.

Unabhängig davon, was das Motiv der Ermordung war, hat Thailand mit dem Tod von Mainueng nicht nur eine imposante literarische Stimme verloren, sondern auch einen politischen Aktivisten und nicht zuletzt einen Journalisten[9].

Das folgende Gedicht verfasste Kamol 2010 kurz vor der gewaltsamen Niederschlagung der Rothemden-Demonstration im Zentrum von Bangkok durch das Militär.

ผู้ก่อการรัก

ก่อการรัก กับประชาธิปไตย
เป็นผู้ก่อการร้ายกลางเมืองหลวง
โอ้..มหานครอันเปล่ากลวง
สรวงสวรรค์ ของเทวาหรือซาตาน

ก่อการรัก กับประชาธิปไตย
เป็นผู้ก่อการร้าย รอสังหาร
เอาไว้มั้ย?..เมืองแมนแถนพิมาน
จบตำนานผู้กดขี่ที่สมบูรณ์!!!

ก่อการรัก กับประชาธิปไตย
เพียงมือเปล่ากำไม้ไผ่สู้กระสุน
ใต้ร่มโพธิ์กรุณาอธิคุณ
ทำไมถึง? มีแต่ทารุณกรรม

ก่อการรัก กับมหาประชาชน
อดทนต้านชะตาฟ้ากระหน่ำ
ตีนเรายืนอยู่บนความชอบธรรม
ชนชั้นต่ำใฝ่สันติ เต็มหัวใจ

ก่อการรัก เราคือผู้ก่อการรัก
หักโซ่ตรวนเพื่อเสรีภาพไพร่
นี่คือการต่อสู้ครั้งสุดท้าย
รบสุดใจและต้องได้ชัยชนะ !

(Aus : http://www.prachatai.com/english/node/3932)

Die Liebestäter

Mit Demokratie Liebe machend,
Werden wir als Terroristen inmitten der Hauptstadt beschuldigt.
Die großartige Hauptstadt, sie ist so leer, so dumpf.
Ist dies das Reich Devas [10] oder Satans?

Mit Demokratie Liebe machend,
Werden wir als Terroristen beschuldigt, gehängt, um getötet zu werden.
Wollen wir sie erhalten, die Stadt der Engel, des Himmels?
Lasst uns die Hinterlassenschaft des absoluten Unterdrückers zum Ende bringen!!!

Liebe mit Demokratie machend,
Ergreifen wir, ohne Gewehre, den Bambusstock gegen die Kugel.
Im Schatten des barmherzigen Bhodibaums,
warum? So grausam, so unmenschlich!

Mit dem Volk Liebe machend,
Überstehen wir die Angriffe der himmlischen Vorsehung.
Unsere Füße stehen auf Gerechtigkeit.
Die Menschen der Unterklasse streben ehrlich nach Frieden.

Liebe machend, wir sind die Liebestäter.
Wir brechen die Ketten für die Freiheit der Unfreien,
Das ist der letzte Kampf!
Wir wollen von ganzem Herzen kämpfen, und wir wollen gewinnen!

[1] http://goo.gl/fAsB4u, zuletzt aufgerufen am 04.05.2014.
[2] Es gibt mindestens 2 englische Schreibweisen des Pseudonyms. Neben der Schreibweise „Mainueng K. Kunthee“ wird das Pseudonym manchmal „Mainueng Kor Kuntee“ geschrieben.
[3] http://prachatai.com/journal/2009/08/25391, zuletzt aufgerufen am 04.05.2014.
[4] http://goo.gl/fAsB4u, zuletzt aufgerufen am 04.05.2014.
[5] Ebd.
[6] http://prachatai.com/journal/2009/08/25391, zuletzt aufgerufen am 04.05.2014.
[7] Ebd.
[8] Darauf hat z.B. Thongchai Winichakul in seinem Aufsatz „The ‚germs‘: the reds’ infection of the Thai political body“ verwiesen. Siehe: http://asiapacific.anu.edu.au/newmandala/2010/05/03/thongchai-winichakul-on-the-red-germs/, zuletzt aufgerufen am 04.05.2014.
[9] Mainueng hat bis zuletzt eine TV-Sendung moderiert, die sich mit dem Thema „Medienkompetenzen“ befasst.
[10] Deva (Gott), Begriff für indische Halbgätter und Gottheiten. Aus: Wikipedia, 02.05.2014.

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