Hate Speech / Hassrede. Verliert das Land des Lächelns seine Moral?

„Alle, die ihr uns zuhört, erhebt euch, so dass wir alle für unser Ruanda kämpfen können. Wir müssen den Tutsi ein Ende bereiten, sie auslöschen, aus dem Land herausfegen.“[1]

So klang es 1994 aus den ruandischen Radios. Damals wurden mehr als 800 000 Angehörige der Tutsi-Minderheit ermordet. Heute weiß man, dass die Medien in Ruanda während der Zeit des Völkermords eine tödliche Rolle spielten. Vor allem der Radiosender RTLMC (Radio-Télévision Libre des Mille Collines) nutzte das Massenmedium, um extremistisches Gedankengut zu verbreiten und rief dazu auf, die Bevölkerungsgruppe der Tutsi ausnahmslos auszumerzen. Die Verantwortlichen sind heute zu Gefängnisstrafen verurteilt.[2]

Was hat das mit Thailand zu tun?

Natürlich ist die Ausgangssituation in Ruanda 1994 in keinster Weise mit Thailand zu vergleichen, jedoch lassen sich Parallelen im Einsatz von Hassreden erkennen. In Ruanda wurden Hassreden über gängige Medien publiziert, um bei einer Gruppe Hass zu erzeugen und Gewalt gegenüber einer Minderheit zu fördern. Ähnliche Methoden kennen wir auch aus der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland, als propagandistische Mittel gezielt eingesetzt wurden, um die Massen zu mobilisieren, gegen eine als minderwertig betrachtete „Rasse“ vorzugehen.

Auch in Thailand nehmen Hassreden einen immer größeren Teil der öffentlichen Diskussion ein. In der zunehmend polarisierten Debatte über die politische Lage im Land werden die Äußerungen dramatisch aggressiver und heftiger. Beschimpfungen, Sexismus und entartete Darstellungen von Politikern sind zum Alltag geworden.

Was versteht man eigentlich unter Hate Speech?

Hate Speech oder auch Hassrede wird primär als der sprachliche Ausdruck von Hass gegen eine Person oder Gruppe definiert. Sie kann aber auch in Form von Bildern, Filmen oder Videoclips zum Ausdruck kommen. Durch das Internet, Web TVs oder Web Radios ist die Verbreitung von individuellen Meinungen, aber auch extremistischem Gedankengut, einfacher geworden. Hierbei haben sich besonders die sozialen Medien zu einem bedeutenden Träger von Hassreden entwickelt. Diese neuen Möglichkeiten sind einerseits positiv zu begrüßen, da sie zur Vielfältigkeit des Gedankenguts beitragen. Anders als 1994 in Ruanda, wo RTLMC das einzige Massenmedium darstellte, haben die Menschen heute Zugang zu unterschiedlichen Meinungen. Allerdings erfolgt die Verbreitung von Hassreden nun sowohl über gängige Medien, als auch über private Kanäle. So durchdringen Hassreden auch mehr und mehr das Privatleben vieler Menschen.

Hassreden dienen zur Herabsetzung, Verunglimpfung oder sogar Ausgrenzung von Bevölkerungsgruppen, wobei sie oftmals begleitet von Gewaltanwendung auftritt. Abwertende Aussagen werden offen oder auch getarnt, z.B. in Verbindung mit ethnischen Witzen, geäußert. Dabei werden Personengruppen anhand von entweder unabänderlichen Eigenschaften, wie z.B. Hautfarbe, Geschlecht oder Herkunft, oder abänderbaren Eigenschaften, wie z.B. Beruf, sexueller Orientierung, politischer Ideologie oder Religion etc., stigmatisiert.[3] Die Auswahl solcher Eigenschaften erfolgt meist willkürlich.

Ziel der Hassrede ist es folglich, 1) ähnlichen Hass bei potenziell Gleichgesinnten zu erzeugen und 2) damit eine Bekämpfung der Gegner zu forcieren. Hassreden dienen dabei vorwiegend als Mittel zur Legitimierung der gewaltsamen Vorgehensweise gegen die Gegner.

Als einer der wichtigsten völkerrechtlichen Verträge zu diesem Thema ist der „UN-Zivilpakt“ oder auch „Internationaler Pakt über bürgerliche und politische Rechte“ (kurz: ICCPR) zu beachten. Er gehört zu den grundlegenden Menschenrechtsabkommen der Vereinten Nationen. Thailand ist dem Pakt am 29.Oktober 1996 beigetreten.[4]

Der Vertrag garantiert in Artikel 19 das Recht auf unbehinderte Meinungsfreiheit. Allerdings kann diese eingeschränkt werden, sobald die Einschränkungen dem Schutz der nationalen Sicherheit, der öffentlichen Ordnung, der Volksgesundheit oder der öffentlichen Sittlichkeit dienen (Art. 19 (3a)). Des Weiteren verbietet Artikel 20 (2) gesetzlich „jedes Eintreten für nationalen, rassischen oder religiösen Hass, durch das zu Diskriminierung, Feindseligkeit oder Gewalt aufgestachelt wird […]“.[5]

Oftmals begleiten Hassreden Konflikte zwischen Nationen, ethnischen oder sozialen Gruppen oder Individuen mit politischen Ämtern bzw. Personen mit öffentlichen Rollen. Diese Konflikte werden durch Hassreden vorbereitet und intensiviert. Häufig beruhen diese Hass-Verhältnisse auf historisch und kulturell bedingten Vorurteilen und Stereotypen, die über Jahre hinweg bewusst oder unbewusst weitergegeben werden. Sprachliche Äußerungen aktivieren und konstruieren in diesem Zusammenhang spezifische Vorstellungen über die Welt. Diese wiederum bewirken emotionale Einstellungen, die die öffentliche Meinung oder auch das kollektive Bewusstsein massiv nachhaltig beeinflussen können.[6] Durch das Benutzen bestimmter Begriffe in Hassreden können zudem Verschiebungen von Bedeutungen auftreten. Ein Beispiel hierfür ist das thailändische Wort „คนลาว“ (Laote), was bis heute ein Schimpfwort für Nordost-Thailänder nahe der laotischen Grenze darstellt. Diese bezeichneten sich selbst bis 1904, als die französischen Kolonialmächte Indochina besetzten und in diesem Zuge willkürlich Grenzen entlang des Mekong zogen, als Laoten. Es wurde festgelegt, dass alle im Staatsgebiet Thailand lebenden Menschen in Zentral-Thai unterrichtet werden sollten. So wurden die Laoten und Khmer in der Region quasi über Nacht zu Thais und mussten fortan ihre kulturellen Wurzeln verstecken. Das Wort Laote wurde zum Schimpfwort und jeder, der so bezeichnet wurde, galt als Bürger zweiter Klasse, immer den Bangkokern untergeordnet.[7] Durch derartige Ausgrenzung bestimmter Volksgruppen, wird den politischen Akteuren die gemeinsame nationale und kulturelle Identität genommen. Thais werden nicht mehr als „echte Thais“ wahrgenommen. An dieser Stelle lassen sich gefährliche Parallelen zum Nationalsozialismus in Deutschland erkennen, als die NS-Medien immer wieder die Unterscheidung zwischen „Deutschen und Juden“ propagierten. Sollte dieser Aspekt nicht zum Umdenken anregen?

In politischen Kampagnen werden Hassreden verwendet, um die Emotionen der Anhänger zu entfachen, den Gegner abzuwerten, langanhaltenden bzw. bleibenden Schaden anzurichten und am Ende an die Macht zu gelangen. Durch Hassreden gelingt es, die Aufmerksamkeit der Zuhörer länger aufrecht zu erhalten, als bei rational wissenschaftlichen Themen, weswegen sie gerade in Wahlkämpfen von Politikern eingesetzt werden. Da ein Großteil vieler Mainstream Massenmedien ihren Schwerpunkt zudem überwiegend auf Sensationen, und nicht auf wissenschaftlich korrekte Abhandlungen legen, ist den Hassrednern auch hier die Medienaufmerksamkeit garantiert. Es hat sich außerdem gezeigt, dass es sehr viel leichter ist, Menschen dazu zu bringen, jemanden nicht zu wählen, als sie von sich selbst zu überzeugen. Dies hat etwas mit der emotionalen Bindung der Anhänger an den Redner zu tun. Um Hassreden als politisches Kampfmittel zu verwenden und die Emotionen der Zuhörer zu entfachen, ist es notwendig, der Gruppe ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu geben, einerseits durch das Betonen gleicher Erfahrungen und Ängste und andererseits durch die klare Abgrenzung zu den politischen Gegnern. Der Redner zeigt Verständnis für die Probleme der Gruppe und honoriert ihren Ärger, wodurch sich die Zuhörer im Gegenzug verstanden fühlen.Als Individuen sind sie nun in ihren Positionen nicht mehr allein und isoliert. Zudem werden politische Gegner für das persönliche oder kollektive Unglück verantwortlich gemacht, wodurch ein Feindbild entsteht, auf das aller Hass projiziert wird.[8] Dadurch werden die politischen Gegner schleichend zu Feinden gemacht, sodass sie von der eigenen Anhängerschaft als Bedrohung ihrer Existenz wahrgenommen werden. In diesem Zuge werden Konzipierungen aufgebaut und Aussagen erweitert, sodass die ursprünglichen Differenzen immer weiter in den Hintergrund rücken. Der Gegner wird mehr und mehr dämonisiert. Rationalität spielt an diesem Punkt kaum noch eine Rolle.

Das hat fatale Folgen für die Opfer der Hassreden. Sie werden durch Einschüchterung und Furcht zum Verstummen gebracht und dadurch ihren Mitwirkungsrechten beraubt.[9] Der systematische Ausschluss aus der Bevölkerung geht, durch die ständige Negativ-Attribuierung, mit einer Herabsetzung der Opfer einher. Das kann so weit gehen, dass diese nicht mehr als Menschen geachtet werden.

Die Debatte in Thailand ist derzeit soweit angeheizt, dass der pure Hass die Gruppen gegeneinander aufhetzt. Durch das Abwerten der Gegner zu „Tieren“ (สัตว์/เดรัจฉาน), „teuflischen Monstern“ (อสูร/ปิศาจ) oder „Kakerlaken“ (แมงสาป) (übrigens die gleiche Bezeichnung, die auch für die Tutsi während des Völkermordes in Ruanda verwendet wurde[10]) besteht die Gefahr, diese soweit zu entmenschlichen, dass es nur noch ein kleiner Schritt zur gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen den Lagern ist. In den 1970ern waren es die Kommunisten, die in Thailand gnadenlos verfolgt und getötet wurden. Für Gräueltaten dieser Art gibt es auch in der jetzigen Situation zahlreiche Beispiele. So etwa die Aufstände Ende letzten Jahres nahe der Ramkhamhaeng Universität, bei denen Rothemden grundlos aus ihren Autos gezerrt, verletzt und dann um ihren damaligen Versammlungsort, das Rajamangala Stadium, regelrecht gejagt wurden, was zu einer kleinen Straßenschlacht mitten in Bangkok führte.[11] Das sind gefährliche Zeichen aggressiver Unterströmungen in beiden Lagern.

Das Hauptziel der Beleidigungen stellt unter anderem die aufgrund eines Gerichtsurteils ausgeschiedene Premierministerin Yingluck Shinawatra dar. Sie wird bei öffentlichen Veranstaltungen als „Hure“[12] (กะหรี่), „Schlampe“ (อีชั่ว) oder „teuflische Frau“ (ปีศาจ) beschimpft.[13] Das Traurige ist, dass dies von hohen Politikern, Universitätsprofessoren und Offizieren geäußert, und unter Jubel von der Menge gefeiert, wird.[14] In diesem Zusammenhang äußerte sich UN Women besorgt über die zunehmende Frauenfeindlichkeit in der thailändischen Gesellschaft.[15] Diese manifestiert sich vor allem in Beschimpfungen der Premierministerin, welche schon lange nicht mehr nur sachlicher, sondern überwiegend persönlicher Art sind.

Seit einiger Zeit veröffentlicht die Anti-Korruptions-Organisation (องค์กรต่อต้านคอร์รัปชัน), eine private Initiative aus Unternehmen und Persönlichkeiten mit angeblicher Nähe zur Demokratischen Partei, zudem eine Werbefilm-Reihe gegen Korruption mit dem Titel „Gewähre korrupten Menschen keinen Platz in der Gesellschaft“ („อย่าให้คนโกงมีที่ยืนในสังคม“). Eine der jüngsten Folgen ist höchst umstritten. Gezeigt wird eine Mutterfigur, die verblüffende Ähnlichkeit mit der Premierministerin Yingluck Shinawatra hat. Auf ihrer Stirn steht „รวยเพราะโกง“ (Reich durch Korruption). In dem Werbefilm spielt außerdem ein Junge mit, der ungefähr im Alter von Yinglucks Sohn ist.[16]

Doch nicht nur die Premierministerin steht im Feuer der Beleidigungen, sondern auch die „Rothemden“ als Gruppe. Unter den Protestanhängern werden sie als „Rote Büffel“ (ควายแดง) und „Sklaven Thaksins“ (ขี้ข้าทักษิณ) bezeichnet, häufig im Zusammenhang mit den Worten „unpatriotisch“ (ไม่รักชาติ), „ungebildet“ (ไร้การศึกษา) und „dumm“ (โง่).[17] Hier ein Ausschnitt aus der Rede des ehemaligen Senators KaewsanAtibodhi (แก้วสรร อติโพธิ); ehemaliger Vizepräsident und Dozent der Thammasat Universität, einer der höchstangesehenen Universitäten Thailands:

“…หนึ่งเมื่อไหร่พวกแดงไม่ว่าในพรรคหรือกองกำลังหรือมวลชนกล้าเข้ามาเอามีดจ่อคอปปชหรือศาลหรือคนกรุงเทพ (แล้ว)บอกมึงอย่าขยับขอกูข่มขืนต่อไปเมื่อไหร่มันมาถึงจุดนั้นเมื่อไหร่ไม่ต้องเลือกตั้งประกาศกฏอัยการศึกปราบมันเลยปราบมันเลยพอแล้วพอแล้วซ้ำซากพอแล้วปฏิเสธอำนาจตุลาการปฏิเสธกฎหมายหยามเหยียดคอร์รัปชั่นออกกฎหมายเพื่อตัวเองซ้ำๆซากๆเป็นบ้านอื่นเมืองอื่นเค้าไล่ยิ่งแม่งตายไปหมดแล้วมีพวกเรานี่แหละยังยืนอยู่นี่แหละแต่ถ้าถึงจุดนั้นเมื่อไหร่ที่ว่า5 เมษายนจะมานี่นะครับผมว่าไม่มีทางออกทางอื่นถ้ามะเร็งมันกำเริบขนาดนี้นะครับต้องผ่าประกาศกฏอัยการศึกจัดการมันเลยข้อที่1 ที่ผมพูดไปนี่ไม่ใช่ความเห็นคุณสุเทพหรือกปปสแต่เป็นความเห็นในทางกฎหมายว่าว่าเหตุถึงขนาดนี้แล้วต้องทำอะไรบ้างข้อที่2 หลังจากใช้กำลังจัดการให้อยู่ในที่ในทาง…”

“… Firstly, whenever the Redshirts, whether as a force within their party, an armed group, or a mass [rally], dare to come and put a knife at the neck of the NACC, the Court or Bangkokians, and say ‘Don’t move while we continue to rape you!’, whenever it comes to that point, there’s no need for any election. Declare martial law and quash/suppress them. Quash/suppress them! Enough, enough. Enough of this repeated [aggression?]. [They] reject the power of the Court, reject the law, insult and abuse, make corruption, issue laws for themselves. Again and again. In other countries, they would have all been shot f**king dead. That leaves just us, standing right here. Whenever it comes to that point, they say they’ll come on April 5, I say there’s no other way out. If the cancer is this aggressive, it calls for surgery. Declare martial law. Take care of them. Point 1, what I have just said is not Khun Suthep’s or PDRC’s opinion, but a legal opinion as to what course of action is needed for the cause. Point 2, after the force has been used to maintain order…” (Englische Übersetzung der BloggerinKaewmala.)[18]

Wörtlich übersetzt verteidigt Kaewsan, die Ausmerzung und Unterdrückung der „Rothemden“ und legitimiert so gewalttätige und gesetzeswidrige Vorgehensweisen. Vor allem durch das Wort „rape“, also „vergewaltigen“ im Deutschen, wird an die Moral des Hörers appelliert. Der Hörer sieht sich automatisch in der Rolle des Opfers, wodurch eine nötigenfalls gewaltvolle Verteidigung, im Sinne von Notwehr, einfach legitimiert werden kann. Eine höchstfragliche, gewaltverherrlichende Äußerung weit ab von sachlicher Kritik!

Aber auch vom Gegenlager wird scharf geschossen. Auf der Bühne einer Veranstaltung der Rothemden in Nakhon Ratchasima, verkündete eine der Führungspersonen, später identifiziert als Dab Deang (ดาบแดง), er habe „gute Neuigkeiten“, da fünf PDRC-Anhänger getötet und 30 weitere verletzt wurden. Viele der Zuhörer fingen daraufhin an, zu jubeln, zu applaudieren und rissen ihre Fäuste in die Luft.[19] Und auch Suthep und Abhisit, maßgeblich treibende Persönlichkeiten der Protestbewegung, bleiben nicht verschont. Gerade in sozialen Netzwerken sind Bilder, die die beiden Politiker verstümmelt oder mit Schlingen um den Hals zeigen, weit verbreitet.

Erschreckend ist auch die Tatsache, dass vor allem auf Seiten des PDRC zunehmend Kinder als populistisches Mittel benutzt werden. Es kursieren Hunderte von Bildern mit Kindern in PDRC-Outfits im Internet, die gutgläubig Kampflieder singen. Dabei stehen sie inmitten des Protestgeländes, auf dem Tränengasangriffe keine Seltenheit sind. Am 25. Februar plädierte das Kinderhilfswerk UNICEF heftig dafür, Auftritte von Kindern auf PDRC-Bühnen zu verbieten.[20]

Eine Entwicklung, die ebenfalls sehr kritisch zu betrachten ist, ist die Gründung der sogenannten „Rubbish Collection Organisation“ (RCO) (องค์กรเก็บขยะแผ่นดิน). Ins Leben gerufen wurde sie Mitte/Ende April von dem bekannten Direktor und Doktor des Mongkut Wattana Krankenhauses in Bangkok General Rienthong Nanna (เหรียญทอง แน่นหนา). Er gilt als Sympathisant der Protestbewegung. Die Organisation hat sich zum Ziel gemacht, all diejenigen, die die Monarchie beleidigen, zu vernichten (wörtlich: „exterminate“), also diese eben wie „Müll“ (ขยะ) zu behandeln. Die Facebook-Seite der inoffiziellen Organisation, über die die Kommunikation größtenteils laufen soll, hat inzwischen mehr als 110.000 „Likes“.[21] Auf den ersten Blick hat die Majestätsbeleidigung nicht sehr viel mit der Auseinandersetzung zwischen Regierung und Suthep´s Protestbewegung zu tun, jedoch lässt sich nachweisen, dass § 112 des thailändischen Strafgesetzbuchs[22] in der Vergangenheit vermehrt als politisches Kampfmittel der rechts-orientierten Parteien gegen politisch Andersdenkende missbraucht wurde. Es scheint also kein Zufall zu sein, dass genau jetzt die Majestätsbeleidigung wieder zu einem brandaktuellen Thema wird[23]. Auch in der thailändischen Presse gibt es viele Kritiker, die in der Organisation eine Gefahr der Wiederholung der Studentenmassaker in den 1970er Jahren sehen. Damals gründete man, ebenso mit dem Vorwand, die Monarchie schützen zu wollen und alle Feinde des Palastes, allen voran die „Kommunisten“, zu bekämpfen, solche rechtsorientierten Organisationen wie ลูกเสือชาวบ้าน („Dorfpfadfinder“ / “village scouts“), นวพล („Nawaphon“)und กระทิงแดง („Krathing Daeng“, engl.: Red Gaur). 1975 stürmte die Organisation Red Gaur / กระทิงแดง die Thammasat Universität.

Sie waren maßgeblich an den Studentenmassakern beteiligt und versuchten die Parlamentswahlen 1976 zu boykottieren, indem links-orientierte Wähler eingeschüchtert und bedroht wurden. Hauptziel der rechtsgerichteten Gruppierungen waren nach dem damals verbreiteten Motto „ขวาพิฆาตซ้าย“ (Rechts tötet Links) also weniger die Menschen, die die Monarchie beleidigten, sondern vorwiegend links-orientierte, progressiv denkende Politiker, Studenten und Persönlichkeiten.[24]

Sunai Phasuk von Human Rights Watch warnte, dass die Aktivitäten der RCO („Rubbish Collection Organisation“) möglicher Weise zu gewalttätigen Attacken führen könnten. Schon der Name der Organisation sei „entmenschlichend“, da man alle anders Denkenden als „Rubbish/Müll“ bezeichnet. Rienthong beteuerte zwar, dass seine Organisation keine Untergrundorganisation sei, sondern durchaus im Rahmen des Gesetzes handeln würde. Allerdings müssten gegen Feinde der Monarchie laut Rienthong eben spezielle Mittel eingesetzt werden. Was auch immer das heißen mag. [25]

Die Beispiele zeigen, dass Aufhetzung durch Hassreden und Anstachelung zu Gewalt derzeit in Thailand an der Tagesordnung sind und sich die Lage weiterhin zuspitzt. Was ist mit dem Volk passiert, dass in aller Welt für seine Freundlichkeit und sein Harmonieverständnis bekannt ist?

Es wäre zu vermuten, dass derart heftige Hetzreden während der momentanen Krise viel mit der thailändischen Kultur zu tun haben könnten. Vor allem das Konzept เกรงใจ („Kreng Jai“) ist in diesem Zusammenhang sehr wichtig. Wörtlich übersetzt bedeutet es „ehrfürchtiges Herz“ und bildet eines der wichtigsten Säulen/Verhaltensregeln in der thailändischen Gesellschaft. Gemeint ist damit der höfliche und zuvorkommende Umgang miteinander. Dies schließt vor allem den respektvollen Umgang mit älteren Menschen oder Autoritäten, wie zum Beispiel Lehrern oder Vorgesetzten, mit ein. Besteht die Gefahr, jemanden durch die geäußerte Kritik zu verletzen, so hält man sich verbal zurück. Es ist also nicht üblich, Meinungen und vor allem Kritik offen und sachlich zu äußern. Aus diesem Grunde hat sich in der thailändischen Kultur keine Kritikkultur etablieren können. In einer funktionierenden Demokratie wird aber eine sachliche Kritik verlangt. Es ist naheliegend, dass daher in politischen Debatten vorerst versucht wird, sich durch Hetzreden vom Gegenüber abzuheben. Oftmals verbleiben Politiker dann in dieser Phase – eventuell eben, weil sie (noch) nicht wissen, wie man mit sachlicher Kritik korrekt umgeht.

Auch viele Menschen in Thailand machen sich derzeit Gedanken darüber, ob man derartige Moralversagen noch länger akzeptieren sollte. In den aktuellen Debatten klingt immer öfter der Ruf nach mehr Menschlichkeit, gegenseitiger Wertschätzung und Mitgefühl durch. Nicht nur die Rolle und Position der Frau in der thailändischen Gesellschaft sei bedroht, sondern auch die Gleichstellung aller Thais. Hier ein Zitat der Bloggerin und Kommentatorin Kaewmala:

“With both sides already suffering losses, each is now condemning the other as traitors and non-humans. Unrestrained resentment and anger are driving out decency, empathy and reason. Thailand needs more moral courage, not only from political leaders but also from its citizens to stand up for principles, not personalities. Those who believe in decency, democracy, justice and peace must defend them.”[26]

Wenn politische Feinde soweit erniedrigt werden, dass man ihnen weder menschliche Bedürfnisse noch Würde und Respekt zugesteht, kommt die Frage auf, wie weit man noch von gewalttätigen Auseinandersetzungen entfernt ist.

Am 3. Mai 2014, dem „World Press Freedom Day“, äußerte sich nun auch die „Vereinigung thailändischer Journalisten“ (Thai Journalists Association (TJA)/ สมาคมนักข่าว นักหนังสือพิมพ์แห่งประเทศไทย) sehr besorgt über die Umgangsformen in den thailändischen Medien. Man wolle eine Kampagne starten, um das öffentliche Bewusstsein zu sensibilisieren und die Menschen auf Hassreden aufmerksam zu machen.[27]

[1] Deutschlandfunk: Ruanda – Hate Radio; http://www.deutschlandfunk.de/ruanda-hate-radio.1247.de.html?dram:article_id=272392, [zuletzt geprüft: 7. Mai 2014]
[2] Hildegard Schürings, „Noch keine Versoehnung: Vor zehn Jahren: Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Ruanda.“ Jahresbericht (2004). http://www.imbuto.net/jahresbericht2004/10%20Artikel-Rezension04/3%20Noch%20keine%20Versoehnung7-2004.pdf (letzter Zugriff: 12. April 2014).
[3] Jörg Meibauer, Hrsg., Hassrede: Interdisziplinäre Beiträge zu einer aktuellen Diskussion / Jörg Meibauer (Hg.), 2. Fassung mit Korrekturen. Linguistische Untersuchungen 6; 2., korr. Fassung (Gießen: Gießener Elektronische Bibliothek, 2013).
[4] United Nations Treaty Collection, „Chapter IV: Human Rights: 4 . International Covenant on Civil and Political Rights.“. https://treaties.un.org/pages/viewdetails.aspx?src=treaty&mtdsg_no=iv-4&chapter=4&lang=en [letzter Zugriff: 13. April 2014].
[5] Internationaler Pakt über bürgerliche und politische Rechte: ICCPR (23.03.1997). http://www.institut-fuer-menschenrechte.de/fileadmin/user_upload/PDF-Dateien/Pakte_Konventionen/ICCPR/iccpr_de.pdf [letzter Zugriff: 12. April 2014].
[6] Monika Schwarz-Friesel, „Dies ist kein Hassbrief – sondern meine eigene Meinung über Euch!“: Zur kognitiven und emotionalen Basis der aktuellen antisemitischen Hassrede.“ in Hassrede: Interdisziplinäre Beiträge zu einer aktuellen Diskussion / Jörg Meibauer (Hg.), hrsg. von Jörg Meibauer. 2. Fassung mit Korrekturen, 143–164, Linguistische Untersuchungen 6; (Gießen: Gießener Elektronische Bibliothek, 2013).
[7] Yongcharoenchai, Chaiyot: The fight tearing the country in two – Talk of establishing a separate red shirt state is only intensifying to the north of Bangkok as the political crisis lingers (Bangkok Post); http://www.bangkokpost.com/print/394024/ [zuletzt geprüft: 28. April 2014].
Ein weiteres Beispiel istdas Wort โจรใต้(Southern Bandits), welches oft im Zusammenhang mit gewalttätigen Vorfällen in den südlichen Grenzprovinzen Thailands verwendet worden ist. Siehe etwa diese Untersuchung: orca.cf.ac.uk/48958/1/2013kularbpphd.pdf ; Dort vor allem: S. 151ff., 7.2.2.1. The diverse understandings of the southern conflict and the “Bangkok-centric” mindset.
[8] Rita Kirk Whillock, „The Use of Hate as a Stratagem for Achieving Political and Social Goals.“ in Hate speech (s. Anm. 4).
[9] Jörg Meibauer, Hrsg., Hassrede: Interdisziplinäre Beiträge zu einer aktuellen Diskussion / Jörg Meibauer (Hg.), 2. Fassung mit Korrekturen. Linguistische Untersuchungen 6; 2., korr. Fassung (Gießen: Gießener Elektronische Bibliothek, 2013).
[10] Hildegard Schürings, „Noch keine Versoehnung: Vor zehn Jahren: Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Ruanda.“ Jahresbericht (2004). http://www.imbuto.net/jahresbericht2004/10%20Artikel-Rezension04/3%20Noch%20keine%20Versoehnung7-2004.pdf [letzter Zugriff: 12. April 2014].
[11] Siehe hierzu vor allem die Reportage von Nick Nostitz „Ramkhamhaeng: A view from inside the stadium“. http://asiapacific.anu.edu.au/newmandala/2013/12/10/ramkhamhaeng-a-view-from-inside-the-stadium/ [letzter Zugriff: 09. April 2014].
[12] Einer der bekanntesten Fälle in diesem Zusammenhang war ein Facebook-Posting des thailändischen Cartoonisten Chai Rachawat (ชัยราชวัตร). Er hat sich auf seiner Facebook-Page PM Yinglucks Rede über Demokratie mokiert, die sie auf einer Konferenz in der Mongolei gehalten und darin den Putsch von 2006 sowie die gewaltsame Niederschlagung der Rothemden im Jahr 2010 kritisiert und die Existenz anti-demokratischer Kräfte in Thailand diagnostiziert hatte. Der Cartoonist hat in jenem Facebook-Posting einige, auf der besagten Konferenz gemachten Fotos von PM Yingluck (meists mit männlichen Politikern aus anderen Ländern) mit dem Satz kommentiert: „โปรดเข้าใจกะหรี่ไม่ใช่หญิงชั่วกะหรี่แค่เร่ขายตัวแต่หญิงคนชั่ว…เที่ยวเร่ขายชาติ“ („Bitte verstehen Sie dies: Eine Hure ist keine Schlampe. Eine Hure verkauft nur ihren Körper, aber eine Schlampe verkauft die Nation.“). Der Fall, der nun vor dem Gericht behandelt wird, wird hier ausführlich dokumentiert: http://freedom.ilaw.or.th/en/case/475#detail [letzter Zugriff: 30. April 2014].
[13] Bangkok Post – Comments: In a storm of hate we lose our humanity; http://m.bangkokpost.com/opinion/394762 [letzter Zugriff: 27. April 2014].
[14] Bangkok Post- Comments: War of Words; http://m.bangkokpost.com/life/391644 [zuletzt geprüft: 28. April 2014]
[15] Bangkok Post – Comments: In a storm of hate we lose our humanity; http://m.bangkokpost.com/opinion/394762 [letzter Zugriff: 27. April 2014].
[16] Video zu sehen unter: http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=U2IlCGSS1Uo; [zuletzt geprüft: 28. April 2014].
[17] Bangkok Post – Comments: In a storm of hate we lose our humanity; http://m.bangkokpost.com/opinion/394762 [letzter Zugriff: 27. April 2014].
[18] Bangkok Pundit: PDRC intellectual Kaewsan: We will quash the reds if they protest in Bangkok; http://asiancorrespondent.com/120894/pdrc-intellectual-kaewsan-we-will-quash-the-reds-if-they-protest/ [zuletzt geprüft: 27.April 2014].
[19] Bangkok Post – Comment: Sickening, disgusting celebration of violence. http://m.bangkokpost.com/opinion/396721. [Zuletzt geprüft: 13.04.2014].
[20] Asiaprovocateur: Terror, Human Shields, Lies and BBC. http://asiaprovocateur.blogspot.de/2014/02/terror-human-shields-lies-and-bbc.html. [Zuletzt geprüft: 13.April.2014].
[21] The Nation: Royalist alleges lese majeste, vows to fight opponents,http://www.nationmultimedia.com/webmobile/politics/Royalist-alleges-lese-majeste-vows-to-fight-oppone-30231878.html, [zuletzt geprüft: 30.April 2014].
[22] http://www.thailandlawonline.com/laws-in-thailand/thailand-criminal-law-text-translation#chapter-1;
Section 112: “Whoever, defames, insults or threatens the King, the Queen, the Heir-apparent or the Regent, shall be punished with imprisonment of three to fifteen years.”
[23] Vgl. Bericht über eine Panel-Diskussion zum Thema „Political Expression in Thailand: New Media and Political Mobilization“. Online-Quelle: https://www.boell.de/assets/boell.de/images/download_de/democracy/20111124_New_Media_Pol_Mobi_Eng_Final_2.pdf , [zuletzt geprüft: 30.April 2014].
[24] Vgl. Chris Baker and Pasuk Phongpaichit, “A History of Thailand.“. (Cambridge: Cambridge University Press, 1. Auflage 2005), S. 191ff.“
[25] Political Prisoners Thailand: Updated: Lese majeste fascism; https://politicalprisonersofthailand.wordpress.com/2014/04/21/lese-majeste-fascism/, [zuletzt geprüft: 30.April 2014].
[26] Bangkok Post – Comments: In a storm of hate we lose our humanity; http://m.bangkokpost.com/opinion/394762 [letzter Zugriff: 27. April 2014].
[27] Bangkok Post: Experts issue hate speech warning; http://www.bangkokpost.com/news/politics/407870/experts-issue-hate-speech-warning. [zuletzt geprüft: 7. Mai 2014].

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