„Ein Militärputsch ist nichts Verwerfliches.“ Eine Rede des früheren PAD-Anführers Sondhi Limthongkul

Sondhi Limthongkul (สนธิ ลิ้มทองกุล), früherer Anführer der People’s Alliance for Democracy (PAD), der ersten Organisation der Gelbhemden, hatte sich sonst vom PDRC ferngehalten. Nun trat er am vergangenen Freitag, dem 09.05.2014, auf einer der PDRC-Bühnen im Rahmen der Aktion „Allerletzte Schlacht“ auf.[1] Seine bemerkenswerte Rede bringt eindeutig zum Ausdruck, was ein Teil anti-demokratischer Kräfte in Thailand will.

„Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass das, was ich früher gesagt habe, seine Richtigkeit hat. Ich sage heute noch dasselbe. Denn es ist die Wahrheit. Dass Ihr [die Demonstranten], meine lieben Schwestern und Brüder, zusammengekommen seid, ist eine Demonstration unseres Willens, unsere Nation in die richtige Richtung zu lenken. Aber dies kann erst ein Ende haben, wenn das Militär eingreift und seinen Pflichten nachgeht. Welchen Weg soll unsere Nation unserer Vorstellung nach gehen? Ich möchte ein Beispiel aus der Zeit während der Herrschaft von König Rama V nehmen. Damals haben Thailänder noch mit der Hand gegessen. Bei seinen Europa-Besuchen hat der König gesehen, dass Europäer mit Besteck essen, welches aus Messer, Gabel und Löffel besteht. Nach seiner Rückkehr hatte er den Wunsch, dass auch Thailänder mit Besteck essen. Er hat vorgeschlagen, dass Thailänder mit Löffel essen sollen, jedoch nicht mit Messer und Gabel. Denn nur Farangs [=Westliche] essen Messer und Gabel. Dies war ein Beispiel der Anpassung [fremder Elemente] an die thailändischen Art.

Ähnlich ist es mit Demokratie. Demokratie bedeutet nicht „1 man, 1 vote“. Denn Demokratie bedeutet einen ausgewogenen Interessenausgleich. Alle sollen davon profitieren, nicht nur Politiker.

Dass die Menschen auf die Straßen gekommen sind, um zu kämpfen, bedeutet nicht, dass sie politische Reformen haben wollen. Man soll sich nicht beirren lassen. Wir reformieren nicht die Politik. Aber wir reformieren unser Land für 65 Millionen Menschen.

Wir führen Reformen durch, nicht weil wir ehrliche und transparente Wahlen haben wollen. Das ist unmöglich. Kämpft nicht länger für Politiker! Merkt Ihr Euch das, liebe Schwestern und Brüder! Heute sind wir hier, um von Politikern zu verlangen, dass sie sich opfern müssen. Sie sollen der Politik für 5 Jahre fernbleiben. Ob der Typ gut aussieht oder nicht, ist egal. Wir müssen für 65 Millionen Menschen kämpfen, nicht für irgendeine Partei. Merkt Euch das gut!

Unsere Nation ist heute beschädigter denn je. Es kann nicht mehr schlimmer als jetzt werden. Egal welche Indexe auch immer, der Wirtschafts-, der Sozial- oder der Moralindex, alle sind gleichermaßen total am Boden.

Deshalb müssen wir ein klares Ziel haben, wenn wir auf die Straßen gehen. Wir müssen für unsere Nachkommen kämpfen! Wir müssen dafür sorgen, dass sie später wissen, dass Thailand sich in dieser Zeit in einer Umbruchphase befindet. Es ist eine Zeit des Krieges zwischen zwei Lagern. Ein moralischer Krieg, ein Krieg gegen das Böse, wie den Shinawatra-Clan.

Wir dürfen uns von nichts verführen lassen! Wir dürfen uns nicht nach einem neutralen Premierminister sehnen! Was bedeutet denn schon „neutral“? Wir kämpfen heute, um das Thaksin-Regime, das bösartige Shinawatra-Regime, zu beseitigen, dass es zugrunde geht und nicht mehr zurückkehrt. Woher soll ein neutraler Premierminister kommen? Wir dürfen uns nicht beirren lassen! Wir dürfen keine Kompromisse im Tausch gegen einen neutralen Premierminister eingehen! Wir brauchen einen Premierminister, der bereit ist, das Böse zu vernichten. Und erst danach werden wir uns darum kümmern, wie wir aus eigener Kraft wieder stark werden können.

Wir dürfen uns nicht von dem Plan verführen lassen, die Politik für 1 Jahr einzufrieren, um Reformen durchzuführen. Wir brauchen keine politischen Reformen[2]. Wir wollen statt dessen Politiker verjagen. Wozu politische Reformen? Politische Reformen durchführen, damit diese Leute zurückkehren, um die Nation zu fressen, mit noch raffinierteren Methoden. Stimmt das, liebe Brüder und Schwestern? Wollt Ihr das?

Wir müssen uns einig sein! Wir brauchen eine Einheit! Wir müssen jeden Schritt mit Verstand machen! Wir dürfen uns nicht von irgendwelchen Worten und Reden verführen lassen! Wir dürfen nicht verzweifelt und nicht müde sein! Ich habe vor zwei Wochen bereits einmal gesagt, dass wir nicht verlieren, sondern gewinnen werden. Die Zeit gehört uns. Die Zeit der anderen Seite geht dagegen zu Ende. Stimmt das, liebe Schwestern und Brüder? Es ist wie beim Tauchen. Es kommt dabei darauf an, wer einen längeren Atemzug hat. Deshalb dürfen wir nicht verzweifelt sein. Wir müssen daran denken, wenn wir auf die Straßen gehen. Wir opfern alles, um alles für Thailand zurückzugewinnen. Möge unser gutes Thailand zu uns zurückkehren! Stimmt das, liebe Schwestern und Brüder?

Jeder Sektor muss an seine Arbeit zurückkehren. Das Militär gehört dem höchsten Oberkommandierenden der Streitkräfte. Das Militär gehört unserem König. Es ist nicht das Militär von Yingluck Shinawatra oder von Thaksin Shinawatra. Soldaten müssen ihre Ehre haben, während wir kämpfen und uns dabei an der Nation orientieren. Wir sollen uns nicht an irgendwelchen Reformen orientieren. Wozu Reformen? Wir müssen uns mit buddhistischen Gebeten sammeln und uns sagen, wir wollen keine Politiker haben. Politiker sollen alle in die Hölle gehen. Wir dürfen dies nicht vergessen.

Ich habe Euch nie verlassen. Ich unterstütze Euch. Meine moralische Unterstützung gebührt ebenfalls Suthep Thaugsuban, auch wenn ich in manchen Punkten über den Oberkommandierenden der Armee General Prayud Chanocha nicht seiner Meinung bin. Aber ich zolle Suthep meinen Respekt, dass er sich für die Nation aufopfert. Ich danke ihm in Eurer Gegenwart. Selbstverständlich hat jeder Krieger seine Strategie. Aber wir haben das gleiche Ziel, nämlich das Ziel, das Thaksin-Regime zu stürzen und Thailand den hier lebenden 65 Millionen Menschen zurückzubringen. Wir wollen das Land keinen Politikern zurückgeben.

Ein Militärputsch ist nichts Verwerfliches. Aber wenn man einen Militärputsch durchführt, um sich lediglich an die Macht zu befördern und das Land wie eigenes Eigentum zu behandeln, wie etwa General Sonthi Boonyaratglin (สนธิ บุญยรัตกลิน)[3] und General Surayud Chulanont (สุรยุทธ์ จุลานนท์)[4], ist das übel. Aber wenn das Militär sich nach einem Putsch zurückzieht und den Weg für fähige Personen freimacht, das Land im Interesse der 65 Millionen Menschen neu zu gestalten, ist es eine noble, gesegnete Sache. Ich lasse alle Soldaten schön grüßen, die dem Thron treu sind. Wir sollen weder von Art. 7 noch von Art. 3 der Verfassung Gebrauch machen, weil wir dadurch Seine Majestät, den König unter Druck setzen werden. Er muss sich in einem solchen Fall für eine Partei entscheiden. Aber der König darf nicht Partei ergreifen. Denn alle 65 Millionen Menschen sind sein Volk. Aber das Militär darf Partei ergreifen. Das Militär muss nun eingreifen und für Klarheit sorgen, dass wir den Thron nicht belästigen dürfen.

Deshalb müssen Soldaten zur Shinawatra-Familie gehen und ihr sagen, sie soll aus dem Land verschwinden. Hören wir mit Art. 3 und Art. 7 auf! Soldaten müssen kundtun, dass sie die Angelegenheit selbst erledigen werden. Wir dürfen Art. 3 und Art. 7 nicht anwenden, weil dies Seine Majestät, den König nur belästigen wird. Das Militär darf nicht zulassen, dass irgendjemand Seine Majestät, den König belästigt. Das Militär muss selbst handeln.“

[1] Aufzeichnung dieser Rede findet sich hier: https://www.youtube.com/watch?v=7DaQFQlH2p0, zuletzt aufgerufen am 10.05.2014; eine thailändische Transkription der Rede findet sich hier: http://www.prachatai.com/journal/2014/05/53127, zuletzt aufgerufen am 10.05.2014.
[2] Anmerkung von PWT: Sondhis Ablehnung politischer Reformen ist etwas Bemerkenswertes, weil Neues seit Beginn der PDRC-Protestbewegung und kann als Seitenhieb auf PDRC-Anführer Suthep Thaugsuban und vor allem den Voristzenden der oppositionellen Demokratischen Partei (Democrat Party) Abhisit Vejjajiva (อภิสิทธิ์ เวชชาชีวะ). Während Suthep vom Anfang an das Motto „Reformen vor Wahlen“ hochhält, hat Abhisit erst vor kurzem seinen Fahrplan zur Führung Thailands aus der Krise vorgestellt, in dem der Kurs „Reformen vor Wahlen“ ebenfalls eine zentrale Rolle spielen soll. Sondhi beansprucht mit seiner Ablehnung von Reformen für sich wohl einen radikaleren Kurs: Er will eine bedingungslose Beseitigung des sogenannten Thaksin-Regimes, und zwar mit Hilfe des Militärs, wie er es bereits vor dem Militärputsch von 2006 getan hatte, dies jedoch nicht, um einer anderen Gruppe von Politikern einen Machtwechsel zu ermöglichen. Seine Ablehnung ist ein Indiz dafür, dass anti-demokratische Kräfte in Thailand eine alles andere als homogene Gruppe sind.
[3] Anmerkung von PWT: Anführer des Militärputschs im September 2006 gegen den damaligen Premierminister Thaksin Shinawatra.
[4] Anmerkung von PWT: Mitglied des Thronrats und Chef der von den Putschisten von 2006 installierten Übergangsregierung.

 

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