Chronik: Vorgeschichte der momentanen politischen Krise in Thailand

3 Lesarten der Chronik: Ein Versuch

Für die Vorgeschichte, der seit 1997 andauernden politischen Krise in Thailand, kann es bis zu 3 unterschiedliche Lesarten geben, je nach politischem Standpunkt:

1. Die gelbe Lesart

Gelb ist die Farbe des Königs und wurde von der PAD (People’s Alliance for Democracy) als Farbe ihrer Bewegung verwendet, was zur Bezeichnung „Gelbhemden“ geführt hat.

2. Die rote Lesart

Rot ist die Farbe der Revolution (etwa kommunistischer bzw. sozialistischer Art) und Rot ist auch bis heute die Farbe der UDD (United Front of Democracy against Dictatorship), des organisierten Teils der „Rothemden“.

3. Eine dritte Lesart

Man kann die Vorgeschichte der momentanen Krise jedoch auch anders lesen, und zwar als Geschichte eines vielschichtigen, politischen Machtkampfs.

Hier unser Versuch:

Vorgeschichte der Krise-graphische Anpassung-1_02

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3 Gedanken zu “Chronik: Vorgeschichte der momentanen politischen Krise in Thailand

  1. Klaus Thiel 28. März 2014 / 11:25

    Habe bisher als Interessierter nichts besseres bzw fundierteres in dieser Richtung über Thailand gelesen.
    Danke!!
    Klaus

  2. R.M.Scheer 30. März 2014 / 16:30

    Thailands Proteste:

    Es steckt schon etwas mehr dahinter, als nur die Entwicklung seit 1997. Dazu ein wenig Geschichte: der Staat Thailand entstand durch die Vereinigung verschiedener Königreiche, Fürstentümer und Emirate im frühen Mittelalter (teils durch Verträge, teils durch Verheiraten, teils durch Kriege) und führte seinerzeit den Namen Königreich Ayuthada. Daraus wurde nach dem Fall der gleichnamigen Hauptstadt (um 1700) durch die Invasion Burmas (Hierbei entstanden die Helden-Epen um „Suriyothai“ und etwas später um die „Armee der Heldinnen“) , dem heutigen Myanmar, das Königreich Siam mit der neu gegründeten Hauptstadt Bangkok (auf Thai: „Krung Tip“, also „das Dorf im Mandelhain“, heute übersetzt als „die Stadt der Engel“) . Bis zum Ende der Kolonialzeit wurde der Name Siam beibehalten. Nach dem freiwilligen Rückzug der Briten aus der Kolonie Siam übernahmen die alten Eliten wieder das Zepter und der König die Macht. Seit den 40er Jahre regiert nun der Rama 9, also der jetzige König Boomibhol, welcher früher in Heidelberg Teile seiner schulischen Ausbildung durchlief. Rama 9 gilt als reichster König der Welt mit einem geschätzten Vermögen von über USD 30 Mrd. Es handelt sich hier um die Regierungsform der konstitutionellen Monarchie. Das ist im Unterschied zur parlamentarischen Monarchie, also wie z.B. in England, den Niederlanden oder Schweden, eine absolute Monarchie, in der der König auch gleichzeitig Oberbefehlshaber des Militärs, oberster Dienstherr der Behörden und auch die höchste Form der Rechtsprechung darstellt. Seit vielen Jahren ist Thailand aber im demokratischen Wandel, der -im Prinzip- von seinem Bruder und Vorgänger, König Ananda (Rama 8), eingeleitet wurde. Seit Ananda jedoch unerwartet an einer Kugel cal. 45 verstarb, sind mit Rama 9 wieder die konservativen Werte, vertreten durch die alten Eliten und derer Günstlinge, angesagt. In diesem Zusammenhang möchte ich hier einmal auf das Buch „Des Teufels Diskus“ vom langjährigen Autor und Thailand-Experten Mark Teufel hinweisen (http://www.epubli.de/shop/autor/Mark-Teufel/714). Alle demokratischen Bemühungen seit den ´40-ern sind daher meist im Blutbad von den Militärs unterbunden worden (18 Militär-Putsche seit dem gegen alle gewählten demokratischen Regierungen), die mündeten letztmals in der Schlacht von Bangkok im April 2010 mit fast hundert Toten und bald 2.000 verletzten echten Demokratieanhängern. Bereits in den ´70er Jahren sind bei ähnlichen Aktionen reihenweise echte Demokraten (hauptsächlich Studenten) ermordet worden. Ironischer Weise -oder aus Sarkassmus- gründete die Gruppe der Täter (eben die alte Eliten, Militärs und deren Günstlinge) eine politische Partei mit dem Namen „Peoples Alliance for Demokratie“ (PAD (heute „PdRC“)- die sogenannten „Gelbhemden“). Diese übernahm nach dem Putsch gegen die gewählte „Thaksin Chinnawat“-Regierung die Macht und unterstellte dem damaligen Primie-Minister Thaksin Chinnawat diverse Straftaten wie z.B. Steuerhinterziehung (es gab etwa 1.000 Anklagepunkte die mittlerweile ALLE widerlegt sind) und machten dann Jagd auf diesen, sodass der sich ins Exil nach Dubai begab. Nachdem der vertrieben war übernahm die „Peoples-Alliance for Demokratie“ das Ruder unter der Führung des überführten Hochstaplers, Betrügers und Urkundenfälschers Abisith. Darauf hin gab es die Proteste 2010 in Bangkok, die in dem schrecklichen Blutbad endeten. Wegen des Nationalen und Internationalen Druckes auf die Regierung Abisith erfolgten wieder freie Wahlen und prompt gelang den Chinnawat´s durch die Wahl der Schwester Thaksins das Comeback mit einem wahren Erdrutsch-Sieg. Yingluk Chinnawat gewann die Wahlen mit mehr als 2/3 aller Stimmen und übernahm damit auch den Posten der Primier-Ministerin. Seit dem versuchen die alten Eliten und Militärs alles, um sie zu stürzen. Ins Besondere sollten hier einmal die Richter des Verfassungsgerichtes, die Verfassung selbst und natürlich die 40 Senatoren Erwähnung finden, welche unter der Diktatur des Militärs ernannt/eingesetzt worden sind (ohne Wahl oder demokratischer Abstimmung) und nun alles daran setzen, einen Putsch der gewählten Regierung zu inszenieren. Da fast alle Richter diesen alten Cliquen angehören, werden reale Demokraten Reihenweise verhaftet und wegen angeblicher „Majestätsbeleidigung“ (LM § 112) mit schier unglaublich drakonischen Strafen belegt, um diese auszuschalten, b.z.w. Mundtot zu machen und fast alle demokratischen Bemühungen behindert und sabotiert. Der Regierung um Yingluk werden alle möglichen und unmöglichen Dinge unterstellt, sie wird durch das Militär mit Putsch bedroht, wenn sie auf die Sabotage und den Hochverrat durch die alten Cliquen reagieren sollte und auch der Armee-Chef droht ganz unverhohlen mit Putsch. Zitat General-Commander Prayuth Chan Ocha:“Ich werde dem Volk schon einbläuen, was es unter Demokratie zu verstehen hat!“ Leider haben die Amerikaner ein Interesse diesen Zustand der Unterdrückung aufrecht zu erhalten, weil diese hier seit dem Vietnam-Krieg diverse Militär-Basen unterhalten und Thailand als ihren Hauptstandort in Süd-Ost-Asien ansehen und Angst haben, hier an Einfluss zu verlieren. So unterhalten die USA hier immernoch Flughäfen und Marine-Stützpunkte. Auch kooperieren sie mit der Royal-Thai-Army und führen u.a. jährliche Truppen-Manöver durch (Cobra-Gold) und liefern Unmengen an Waffen aller Gattungen an die Thais, um beim Macht-Poker weiter mitmischen zu können. Das Ergebnis dieser Aufrüstung konnten wir beim Konflikt der Thais mit Kambodscha sehen, in der die Schlacht bereits nach einer Gefechts-zeit von nur vier Minuten entschieden war. Nun haben die Menschen jedoch seit geraumer Zeit die Nase voll von der Vetternwirtschaft und Korruption, die aus den alten Seilschaften und eben dieser Verbindung resultiert und wünschen sich eine friedliche Demokratie, zumindest im Norden des Landes. Dieses spiegelt sich in der sogenannten „Red-Shirt“-Bewegung wieder, welche die Chinnawat-Regierung unterstützt. Der Süden des Landes dagegen besteht zum Teil aus den ehemaligen Emiraten; hier wohnt auch der Großteil der muslimischen Bevölkerung und diese wollen lieber wieder ihr Emirats -dasein führen, als weiter dem mit den Amerikanern paktierendem Land des internationalem Sex-Tourismus anzugehören, was an den entsprechenden Reaktionen dieser Menschen zu sehen ist: Bombenanschläge und Attentate sind da an der Tagesordnung, auch touristische Ziele geraten dabei immer wieder ins Visier. Da die alten Eliten jedoch ihr Kapital hauptsächlich aus der Ausbeutung der Menschen eben genau dieser Landesteile schlagen, wollen die nun unbedingt ein Zerfall des Landes vermeiden, um ihre Einkommensgrundlagen nicht zu verlieren. Das es dabei -wie immer- nur ums Geld geht sieht man daran, dass bei den aktuellen Protesten der Regierungsgegner in Bangkok das Polizeirevier gestürmt worden ist, welches mit den Ermittlungen gegen diese alten Eliten beschäftigt ist. Hier sind von den Protestführern die Computer und Festplatten gestohlen worden, auf denen die Ermittlungsergebnisse und Beweise gespeichert sind, die den Nachweis über die verschobenen Gelder und die beteiligten Akteure nebst ihrer Netzwerke, die Konten und Finanzflüsse sowie Verschleierungswege aufzeigen. Gerade kommt mir auch der Gedanke, dass es ziemlich wahrscheinlich ist, dass die NSA Hinweisgeber zum Standort der Server seien könnte. Und das Interesse am Zusammenhalt des Landes ist ganz klar, würde der Staat zerfallen, so würde damit auch der U.S.-Standort Südostasien zerfallen. Da die NSA für solche Aktivitäten bekannt ist und auch über die Technik verfügt, ist es sehr Wahrscheinlich, dass die auch die Royal-Thai-Army darüber informiert haben und die Protestler bestehen zum großen Teil aus Militärs und ehemaligen Militärs, daher auch die vielen Waffen bei den Demonstranten (http://www.thailand-tip.com/nachrichten/news/pdrc-waechter-packt-aus/). Damit ist im Prinzip auch klar, dass das Militär die Computer und Festplatten von der Polizei gestohlen hat, um sich selbst genau so zu schützen, wie die anderen beteiligten Agitatoren.

    Fazit: Thailand ist daher politisch mit einer „Bananen-Republik“, wie z.B. in Afrika oder Südamerika vergleichbar, weil eine politische Entwicklung von den Machthabern des Landes aus Gründen der Bereicherung und Machterhaltung mit Gewalt gegen das demokratisch orientierte Volk unterbunden wird. Die Folgen sind dramatisch: während sich die Günstlinge und Privilegierten eines unbeschreiblichen Reichtums erfreuen können, ist der Großteil des Volkes nahezu Mittellos und hat kaum genug zum Leben, wohnt in Baracken oder im Freien, bekommt kaum Bildung oder ärztliche Versorgung und muss sich teilweise von Abfällen, Hunden oder Insekten ernähren. Die gutgemeinten Versuche der Chinnawats, diesen Zustand der Ausbeutung und Unterdrückung zu ändern, endeten bislang jedes Mal nahezu im Bürgerkrieg wegen der bis an die Zähne bewaffneten Mafia der „Gelbhemden“, die mordend und plündernd gegen jeden Versuch der Demokratisierung vorgeht, wie die aktuellen Proteste in Bangkok auch wieder beweisen. Wahrscheinlich lässt sich dieser Zustand tatsächlich nur mit einem befreienden Bürgerkrieg und der vollständigen Zerschlagung der alten Machtstrukturen abändern, was sehr traurig wäre, weil Thailand so wahrscheinlich auch den Anspruch als Königreich einbüßen wird. Das ist so ziemlich die traurigste Erkenntnis meines Lebens, denn so wurde aus dem Land des Lächelns das Land der Tränen.

    Links: http://www.epubli.de/shop/autor/Mark-Teufel/714

    http://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_an_der_Thammasat-Universit%C3%A4t

    http://www.thailand-tip.com/nachrichten/news/pdrc-wachen-foltern-einen-passanten-und-werfen-ihn-in-einen-fluss/

    http://www.thailand-tip.com/nachrichten/news/pdrc-waechter-packt-aus/

    http://www.wochenblitz.com/nachrichten/bangkok/49111-usa-besorgt-ueber-politischen-stillstand-in-thailand.html#contenttxt

    http://www.thailand-tip.com/nachrichten/news/general-prayuth-schlaegt-blumen-und-rosa-vorhaenge-fuer-die-armeebunker-vor/

    Nachtrag: die Familie Chinnawat (Shinawatra) entstammt südchinesischen Einwanderern, die im Seidenhandel tätig waren. Einer der Söhne dieser Familie ist Thaksin. Er hat seinerzeit das Potential des Mobilfunk-Telefon-Business richtig erkannt und ist durch die Gründung des Telekommunikationsdienstleisters 1-2-Call Milliardär geworden. Der Wohlstand der Familie Chinnawat ist also auf Handel und Dienstleistung zurückzuführen und zeigt somit ganz klar auf, dass es sich bei dieser Familie nicht -wie durch deren Kritiker immer wieder behauptet- um Kommunisten oder Sozialisten handelt, sondern viel mehr um Kapitalisten, die im Gegensatz zu ihren politischen Gegnern nicht durch Ausbeutung und Unterdrückung anderer zum Wohlstand kamen, sondern durch viel harte Arbeit und den richtigen „Riecher“ fürs Geschäft.

    • R.M.Scheer 30. März 2014 / 21:03

      Mir fiel gerade ein Fehler in meiner Ausführung auf: der Epos um die Königin Suriyothai entstand schon während der ersten Invasion Burmas um 1550.

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