Ein zersplittertes Land?

von Rüdiger Korff*

Hintergründe der aktuellen Proteste

Ein Grund für die lange Phase der unklaren politischen Verhältnisse in Thailand seit 2005, die mehrmals zu offenen und sehr weitreichenden Konflikten führten (2006 Militärputsch, 2008 Besetzung der Flughäfen, 2009 und 2010 Demonstrationen mit vielen Getöteten, 2013/14 Besetzung Bangkoks), wird in der Zersplitterung des Landes gesehen. Spätestens mit den Protesten 2005 in Bangkok gegen den mit großer Mehrheit im Amt bestätigten Premierminister Thaksin, wurde, so wird argumentiert, die vormals so offensichtliche Einheit und der starke nationale Konsens aufgelöst. Worin bestand nun dieser Konsens, bzw. bestand er wirklich? Ist es tatsächlich eine Zersplitterung, oder nicht sehr viel mehr die Forderung nach stärkerer Integration des Landes, d.h. nach wirklicher Einheit?

Hier bietet Michael Nelson ein wichtiges Argument: „The old top-down paternalist model that featured the monarchy, military, and the bureaucracy as top-layers within the ideological framework of “Nation, Religion, Monarchy” (NRM) aiming for a totalistic control of the people, who were not seen as citizens but as obedient and conformist subjects, has come under increasing pressure by a more recent competing model. This model is bottom-up, featuring equal citizens, politicians, and political parties, who act within the framework of the constitution, based on the sovereignty of the people, and acted out in a democratic and pluralist order that depends on an independently thinking and diverse citizenry.” (http://www.e-ir.info/2014/03/04/protesters-in-thailand-try-a-civilian-coup-detat/#_edn9).

In den fünfziger und sechziger Jahren entstand das autoritäre Legitimationsmodell aus einer Allianz zwischen Militär, Bürokratie und Royalisten. Es war immer durch Spannungen zwischen diesen Gruppen, die wiederum in Fraktionen aufgeteilt waren gekennzeichnet. Tatsächlich gab es bis zur Regierungsübernahme von Sarit (1957/58) starke Spannungen zwischen Militär und Royalisten, die dann erst allmählich reduziert wurden, da eine Allianz eine Grundlage bot für die nahezu vollständige Dominanz der Politik, Wirtschaft und moralisch/kultureller Herrschaft. Erst später wurde diese Elite durch ein Tycoon-Big Business, das wiederum eng mit der Elite verknüpft war, ergänzt. Erst nach den Unruhen 1973 konnte das Big Business die Dominanz durch die Generäle reduzieren. Externe Unterstützung fand diese Elite im Kalten Krieg und dem heißen Krieg in Vietnam durch die USA.

Mit dem Ausbau des Bildungssystems in den siebziger und vor allem achtziger Jahren und der ökonomischen Entwicklung bildete sich eine gebildete, wirtschaftlich mehr oder weniger erfolgreiche Mittelschicht in Bangkok und später auch den anderen städtischen Zentren. Diese neue Schicht wurde in den achtziger und vor allem neunziger Jahren eng in die Ökonomie als Produzenten, Manager und Konsumenten (Konsumerismus) eingebunden. Ebenso bildete sich, verbundenen mit der Ideologie der Einheit, ein Bewusstsein der Verantwortung gegenüber relativ ausgeschlossenen Gruppen vor allem den Bauern, die sich in den vielen NGO zeigte, die in den achtziger Jahren entstanden. Auf diesem Hintergrund wurde die Mittelschicht vor allem im Zusammenhang mit dem Putsch von 1991 und den Wahlen 1992 als Träger der Demokratisierung angesehen. Die Phalang Dharma-Partei von Chamlong, zu der später auch Thaksin gehörte, galt als politischer Ausdruck der Aspirationen der Mittelschicht. Allerdings zeigte die weitere politische Entwicklung der neunziger Jahre, dass Demokratisierung zunehmend dem Wirtschaftsboom untergeordnet wurde. Mit anderen Worten, Demokratie und politische Partizipation wurde durch Partizipation am Wirtschaftsboom und Konsumerismus ersetzt. Damit war das autoritäre Legitimationsmodell der Kritik entzogen.

Die Asienkrise 1997 war vor allem eine politische Krise. Zum einen erlaubte sie einen Sieg der Mittelschichten und progressiven Kräfte, dass politische System über die Verfassung von 1997 zu öffnen. Zum zweiten war es eine weitreichende Niederlage der Mittelschichten, denn die Politik von Chuan Leekpai und der Democrat Party galt der Restaurierung der Eliten sowohl in politischer als auch ökonomischer Hinsicht. Ökonomisch ging es um die Frage, wer bekommt die Ersparnisse des Landes, die auch mit dem IWF schnell beantwortet wurde. So geriet die Regierung unter zunehmenden Druck einerseits der ärmeren Bevölkerung (Forum of the Poor) und der Mittelschichten, die ihren wirtschaftlichen, sozialen und politischen Status verloren hatten. In dieser Situation bot sich Thaksin als Erneuerer an. Schon im Namen zeigte sich die TRT als streng nationalistisch. Das politische Programm versprach die Lösung der wirtschaftlichen Probleme ohne massive Einschnitte und über die Pläne der Förderung der ländlichen Bevölkerung, war eine allgemeine Popularität gesichert. Thaksin hatte die volle Unterstützung der Eliten und vieler NGO, deren Programmatik der ländlichen Entwicklung er weitgehend übernommen hatte.

Autoritäre Legitimation und politische Entscheidungen

Soweit die Bevölkerung als, wie Nelson schreibt „obedient and conformist subjects“ angesehen wird, ist eine politische Partizipation nicht vorgesehen. Damit ist eine „De-Politisierung“ der Politik der Politiker verbunden, denn die relevanten Entscheidungen werden nicht im Parlament getroffen sondern im Rahmen begrenzter elitärer Gruppen. Dafür ist eine besondere Konstruktion der Verfassung nötig. Zwar ist festgelegt, dass die Macht vom Volke ausgeht, doch wird der Wille des Volkes durch den König als Staatsoberhaupt über das Parlament, die Gerichte usw. exekutiert. (Artikel 3 der Verfassung von 2007, http://www.isaanlawyers.com/constitution%20¬thailand%-202007%20-%202550.pdf). Neben dieser in der Verfassung angelegten, Beschränkung der politischen Macht der Politiker, besteht die faktische Einschränkung politischer Entscheidungsmöglickeiten u.a. durch das Militär, denn es kann jederzeit einen Putsch veranstalten bzw. damit drohen. Das royalistische Establishment kann der Regierung die königliche und moralische Legitimation entziehen, bzw. einen Putsch legitimieren, ebenso wie die Wirtschaftselite ökonomischen Druck ausüben kann.

Diese De-Politisierung der Politik hat den durchaus positiven Effekt, dass in Thailand mehr als in allen anderen Ländern der Region Politiker massiv kritisiert werden können und Proteste möglich sind, die andernorts sofort aufgelöst würden. Der Grund ist, dass mit einer solchen Kritik und derartigen Protesten die tatsächliche politische Herrschaft ja gar nicht oder kaum berührt wird. Die Politiker sind eine Art von „Schutzschild“ der Eliten. Im Ergebnis ergibt sich eine Form von Herrschaft, die an die „galactic polity“ erinnert. Indirekte und versteckte Einflüsse (dark influence) in den Provinzen sind für die nationalen Wahlen ausschlaggebend und für den Erhalt der Ordnung. Indirekte und versteckte Einflüsse in Bangkok – also dem Zentrum – sind für nationale Herrschaft ausschlaggebend. Beides verbindet sich über Patronagebeziehungen, so dass Stabilität der Herrschaft auf der nationalen Ebene und den Provinzen gesichert ist. Genau dieses in den sechziger Jahren geformte Arrangement wurde später von Thaksin angegriffen.

Thaksin: Autoritärer Populismus?

Mit einem Parteiprogramm, dass dann auch implementiert wurde (was den NGO dann doch nicht gefiel, denn nun waren nicht mehr sie sondern Thaksin der Sprecher der Armen und Unterdrückten), der auf Effizienz abzielenden Reform der Verwaltung (CEO-style governance), durch die etablierte Patronagenetze gefährdet wurden, dem Kampf gegen Drogen und „dark influence“, der die Provinzeliten herausforderte (und die Parteien die durch diese Eliten ihre Stimmen bekamen), sowie einer erfolgreichen, an J. M. Keynes angelehnten Wirtschaftspolitik, die auch die Mittelschichten förderte, wurde Thaksin populär. Mega-projekte wurden nun auch danach evaluiert, welche wirtschaftlichen Effekte sich für alle ergaben, nicht nur diejenigen, die Kick-backs bekamen. Vor allem aber wurden diese Mega-Projekte realisiert! Der seit Anfang der siebziger Jahre geplante Flughafen, an dem schon Generationen viel Geld verdienen konnten, wurde plötzlich fertig gestellt. Auch die Planungen des BTS gehen bis in die siebziger Jahre zurück. Noch Anfang der neunziger Jahre konnten einige an den gescheiterten Projekten (Don Muang Stonehenge) verdienen. Nun wurden die Ende 1999 eröffneten Strecken ausgebaut.

Sicherlich hatte Thaksin keine Politisierung der Politik intendiert, sondern war eher daran interessiert, seine eigene Machtposition zu stärken. Vielleicht war Politisierung nötig, denn nachdem er wirtschaftliche und politische Stabilität hergestellt hatte, hatte er seine Aufgabe für die Eliten erfüllt. „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen“? Das überwältigende Wahlergebnis 2005 zeigte nun allen, dass der Mohr keineswegs gehen würde! Politisierung ergab sich als nicht-intendierter Effekt, um seine Position durch Populismus abzusichern. Die Bauern merkten, dass sie eine Rolle als politische Subjekte spielen konnten, d.h. Programme fordern konnten. Die Mittelschichten merkten, dass Thaksin als Politiker Projekte realisierte, die auch für sie sinnvoll waren. Die Wahl 2005 zeigt diese umfassende Unterstützung. Thaksin und die TRT erhielten mehr 60% der Stimmen oder hatten 375 Abgeordnete. Die Democrat Party erhielt demgegenüber nur 18% und 96 Abgeordnete. (http://www.nationmultimedia.com/Election2005/)

Hier setzte nun das zentrale, bis heute politisch bestimmende Problem an: Die Politisierung der Politik der Politiker und die Entwicklung der Wähler zu politischen Subjekten, führt dazu, dass Wahlen politische Bedeutung haben und damit auch einen potentiell großen Einfluss auf die Zukunft des Landes betreffende Entscheidungen. Implizit wird damit die Herrschaft der Eliten eingeschränkt und das autoritäre Legitimationsmodell in Frage gestellt.

The empire strikes back

Die zentrale Frage der Eliten war und ist: Wie kann die Politisierung zurück genommen werden, um Herrschaft zu erhalten? Dafür müssen zwei Bedingungen erfüllt sein:

  1. Es muss der Eindruck einer populären Ablehnung der Politiker geschaffen werden. In diesem Sinne gelten Politiker als korrupt, ungebildet und ihre Entscheidungen sind von ihrem eigenen Interesse geprägt, nicht der Sorge um die Zukunft des Landes. Dieses gilt natürlich besonders für Thaksin bzw. Politiker „seiner“ Partei(en). Leider werden in Wahlen diese bösen Menschen gewählt, da die Mehrheit der Wähler nicht informiert ist bzw. besonders die Bauern sich über Stimmenkauf manipulieren lassen. Demgegenüber wird eine moralisch basierte Politik beschrieben, die von ordentlichen (riap roy) und moralisch ausgewiesenen Personen getragen ist.
  2. Über Organisationen außerhalb der Politik und vor allem der Parteien wird en Regierungswechsel vorangetrieben, durch den dann genau diese „guten Menschen“ zu den wichtigen Politikern werden.

Konkret zeigt sich dieses in der Kombination von Massenprotesten einerseits und interessanten Formen der Aufhebung der nicht passenden Regierung. Ein Zurückdrängen von Thaksin und der Parteien etwa durch eine alternative Partei mit einem überzeugenden Programm ist nicht möglich, denn genau das hätte ja die Politisierung verstärkt! Die Democrat Party basiert auf der Unterstützung der „indirekten Einflüsse“ im Süden um Stimmen zu erhalten und der Bestätigung durch indirekte Einflüsse in Bangkok um als Opposition agieren bzw. regieren zu können. Durch eine Reform zu einer modernen Partei würden genau diese Unterstützungen wegfallen. So steht die Partei vor dem Dilemma, entweder sich zu modernisieren, was aber den Verlust der Unterstützung durch die Eliten in Bangkok und den Provinzen führt, oder weiter zu machen wie bisher und damit keine politische Rolle zu spielen, es sei denn, durch legalistische oder administrative Maßnahmen, denn wenn alle anderen Parteien verboten und konkurrierende Politiker ausgeschlossen werden, könnte die Partei eine Mehrheit bekommen! Das war ja die Lösung nach der Flughafenbesetzung 2008.

2006 wurde noch im traditionellen Sinne vorgegangen. Nachdem über die Proteste seit Ende 2005 eine De-stabilisierung erreicht wurde, konnte der Militärputsch 2006 sich auf ein populäres Mandat und die Unterstützung durch den König beziehen, um wieder Ordnung herzustellen. Nun ging es darum, stärkere, scheinbar nicht politische Kontrollorganisationen in einer neuen Verfassung zu schaffen wie das Verfassungsgericht, die Wahlkommission, die Anti-Korruptionsbehörde, ein Senat usw. usw. Diese Organisationen sind insofern „nicht-politisch“ als die Mitglieder von einer Kommission eingesetzt werden, d.h. sich keiner Wahl stellen müssen. Interessant ist, dass die Kommissionen zu einem großen Teil von Personen besetzt sind, die zu den Organisationen gehören, d.h. also selbst von der Kommission ausgewählt wurden. So haben wir einen weitgehend geschlossenen Zirkel völlig außerhalb jeglicher politischer oder externer Kontrolle, der sich auch niemandem gegenüber legitimieren muss!

Nun gehören zu jeder Demokratie auch entsprechende Kontroll–Institutionen der Legislative, also der politischen Entscheidungsfindung. Auch in Deutschland gibt es ein Verfassungsgericht usw. In Thailand hat sich das Verhältnis jedoch umgekehrt: Die Kontrollinstitutionen der Legislative haben sich verselbständigt und unterliegen selbst keinerlei Kontrolle mehr, so dass sie weitreichende legislative Entscheidungen gegen die gewählten Parlamentarier treffen können. (siehe dazu die Entscheidungen der letzten Wochen). Das erlaubt dann den sogenannten „legal-coup“ als Alternative zum „military-coup“. Der Grad der Politisierung, die nicht einfach wieder zurückgenommen werden kann, wird daran deutlich, dass im Referendum nur 60% der Verfassung zustimmten und in vielen Gegenden eine Mehrheit gegen den Entwurf stimmte.

Offensichtlich reichten diese Vorgaben der Verfassung von 2007 nicht aus, denn bei den Wahlen 2007 erreichte die Nachfolgepartei der TRT, die nach dem Putsch verboten worden war, wieder eine klare Mehrheit. Nun war wieder populärer Protest gefordert, der 2008 mit der Besetzung von Regierungsgebäuden begann. Diese Proteste konnten sich ausweiten, da die „Kontrollinstitutionen“ eine Auflösung verboten. So entschied das Verfasungsgericht, dass der Protest nur von den Rechten auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit gebrauch machte! Deshalb war eine Intervention der Polizei nicht erlaubt. Außerdem unterstützen die Königin und die Prinzessinnen die Proteste. Über legale Maßnahmen wurde dann der Premierminister abgesetzt (Er hatte in einer Fernseh-Kochshow etwas Geld bekommen was verboten ist). Damit war das Problem aber noch nicht gelöst. Erst durch die Besetzung des Flughafens konnte dann wiederum die Mehrheitspartei verboten und die neue Regierung der Democrat Party installiert werden. Sie hatte das Manko nicht gewählt worden zu sein. Nun begannen die Proteste der Rothemden. 2009 musste der ASEAN-Gipfel wegen der Proteste abgebrochen werden. Bei Übergriffen der Polizei wurden Demonstranten getötet. Der eigentliche Protest der Rothemden fand 2010 statt. Nachdem über Verhandlungen die Proteste weitgehend aufgelöst worden waren, gab Suthep als stellvertretender Premierminister den Auftrag, die Proteste auch mit Waffengewalt aufzulösen. Es starben über 90 Personen.

Langfristig konnte sich die Regierung dem Druck, sich einer Wahl zu stellen, nicht entziehen und es passierte wieder: Bei den Wahlen 2011 erhielt die inzwischen dritte oder vierte Nachfolgepartei der TRT die Mehrheit und Yingluck bildete als Premierministerin die Regierung. Die Opposition verfolgte eine Politik der Sabotage und Herausforderung, die zu mancherlei lustigen youtube Aufnahmen führte. (http://www.youtube.com/watch?v=gqmdgQojeoE; http://www.youtube.com/watch?v=LJThuxrXCxg; http://www.youtube.com/watch?v=BmMlYfI9dLM, eine der besten Aufnahmen: http://www.youtube.com/watch?v=C3sSIkB_0Pw; aber auch Besetzung der Autobahn in Surat Thai, der Provinz von Suthep, usw.)

Über die Proteste gegen das Amnestiegesetz im Sommer 2013 bildete sich dann wieder eine populäre Front mit Massenprotesten, durch die dann im Januar 2014 Bangkok paralysiert werden sollte. Teilweise wiederholte sich das 2008 ausprobierte Verfahren, über die Proteste in Bangkok Destabilisierung der Regierung zu erreichen, um dann durch „nicht-politische“ Maßnahmen die Regierung zu stürzen und durch eine nicht-gewählte Regierung zu ersetzen. Letzteres steht zur Zeit noch aus. Da ein Militärputsch nicht stattfand, müssen nun in einer vereinten Aktion, deren Koordination durch die engen Beziehungen der Personen nicht sehr schwer ist, die „Kontrollinstitutionen“ den Sturz vorantreiben.

Zersplitterung des Landes oder Herrschaftserhalt?

Auch wenn inzwischen eine „Lanna Republik“ im Norden angeregt wurde, ist eine geo-politische Zersplitterung kaum anzunehmen. Zersplitterung besteht nur als Differenz zwischen der Elite und ihren Dienern auf der einen Seite und der Forderung nach politischer Mitbestimmung auf der anderen. Verblüffend ist dabei, wie stark die alte Ideologie noch für die Mittelschichten in Bangkok ist. Hier wäre eine Analyse des „Kleinbürgertums“, das Angst hat, seinen scheinbar höheren Status zu verlieren und versucht, dieses durch Anbiederung an die Elite zu kompensieren, angebracht. Ich sehe die Entwicklungen sehr viel mehr als Versuch eine tatsächlich Integration des Landes zu schaffen, um die Zersplitterung in „Bangkok und der Rest“, bzw. Bangkoker Elite und der Rest zu überwinden. Durch die Ausweitung des Bildungssystems, den Aufbau einer landesweiten Infrastruktur sowohl in technischer als auch administrativer Hinsicht, die wirtschaftliche Integration oftmals verbunden mit Migration, ergab sich eine zunehmende soziale und räumliche Mobilität, die die alten Differenzen zwischen Bangkok und den Provinzen relativiert. Allerdings wird diese Differenz als „zivilisiertes Zentrum“ gegenüber dem armen, barbarischen Land ideologisch perpetuiert, um so Herrschaft und politische Exklusion zu legitimieren. Nun geht es darum, den politisch, kulturellen Überbau inzwischen weitgehend obsoleter Ideologien und Eliten neu zu gestalten. Kurz, Zersplitterung wurde durch die alten Eliten geschaffen und perpetuiert, nun geht e um Integration, was aber die Eliten herausfordert. Sie greifen wieder zu den alten Instrumenten der Kombination populärer Protest und extra-politischer Sturz der Regierung. Für die Zukunft sehe ich drei Möglichkeiten:

  1. Die alte Elite gewinnt und kann ihre Herrschaft wieder etablieren. Da das mit massiver Unterdrückung verbunden ist, wird Unterentwicklung (siehe Myanmar) einsetzen.
  2. Die alte Elite wird durch eine neue Elite (Thaksin und andere „Emporkömmlinge“) ersetzt. Auch hier wird massive Unterdrückung auftreten, die zu Unterentwicklung führen wird.
  3. Die Elite weitet sich aus und lässt Partizipation zu.

Da die thailändische Kultur sich vor allem durch Pragmatismus auszeichnet, gibt es begründete Annahmen, dass sich die dritte Möglichkeit realisieren wird.

*Rüdiger Korff ist Professor für Südostasienstudien an der Universität Passau.

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5 Gedanken zu “Ein zersplittertes Land?

  1. Pongnaeng 26. März 2014 / 15:01

    Sehr guter Artikel.

    Es ist eine Freude ihn zu lesen.

    Ausser das darin wieder einmal der althergebrachte Pessimismus gegen Thaksin vertreten wird.

    Ich meine das hier :

    …….2.Die alte Elite wird durch eine neue Elite (Thaksin und andere „Emporkömmlinge“) ersetzt. Auch hier wird massive Unterdrückung auftreten, die zu Unterentwicklung führen wird.

    Ich sehe die Probleme die ein Thaksin hatte und in welche Richtung er sich hätte entwickeln „können“, durchaus. Und ich würde ein demokratisches System das dem der Schweiz ähnelt und den Machtzuwachs der Politiker generell im Zaum hält, sehr begrüssen.

    Trotzdem bin ich der Meinung, das es in Thailand eines starken Politikers bedarf um diese Änderungen gegen die Etablierten Eliten zu erzwingen.
    Das ist gefährlich, aber trotzdem, bei Thaksin gab es nie einen Anhaltspunkt dafür das er sich im Laufe der Zeit und Kraft seiner Wahlerfolge der demokratischen Kontrolle entziehen würde.

    Man benutzt dazu sehr gerne Dinge wie die Presserankings von Reporter ohne Grenzen.
    dabei lässt man gerne unbeachtet das die Schwankungen dabei auf den Widerstand der Amart zurückgeführt werden kann. Gerüchte wie jenes vom „Finnlandkomplot“ ( man unterstellt ihm das er Thailand in eine Republik umwandeln wolle ) waren für ihn auch Physisch existenzbedrohend und mussten bei einem mit Mehrheit gewählten Politiker sicher auch den Eindruck erzeugen, sich energisch dagegen wehren zu dürfen.
    Dabei machte Thaksin sicher noch hautnaher die Erfahrung das Thailand eben nicht von der gewählten Regierung regiert wird, sondern das hinter den Fassaden die Fäden gezogen werden. Ich kann verstehen das er dabei teils sehr gehässig ( auch gegen die Presse ) vorging.

    Gerade solches aber wird sehr oft gegen ihn angeführt.

    Bei uns im Westen herrscht ja sehr oft ein Misstrauen gegen mächtige Akteure in der Politik und gerade das Schweizer System wird ja geprägt von einer gesunden Skepsis gegenüber dieser Art von Politikern. Dem ist auch und und gerade so, wenn sich grosser Reichtum und Geschäftstüchtigkeit mit politischer Cleverness vereinen.

    Aber, Demokratie besagt ja recht eigentlich nichts über den Sozialstaat oder andere Dinge die hier immer in sie hineininterpretiert werden, sondern sie beschreibt uns das Prinzip einer Teilhabe des Volkes an den Entscheidungen mittels des Prinzips von einem Bürger / einer Stimme.

    Ob sich Thaksin zu einem „Emporkömmling“, das Wort ist schon eine Verurteilung, entwickelt hätte, das bleibt Spekulation.

    Denn in einer Demokratie kann so einer abgewählt werden, wozu es dann einer guten Verfassung bedarf, denn das einfache Prinzip der Demokratie wird in Thailand ja gerade auf allerlei Arten ausgehebelt.

    Nun ja, welcher der 3 Punkte nun eintreffen wird, ich denke das wird man erst nach dem Tode des derzeitigen Königs etwas sicherer Prognostizieren können.

  2. bernd weber 26. März 2014 / 19:53

    die alte elite wird sterben und es wird ein neues thailand entstehen –

    thailand ist endgültig am scheideweg angelangt und ein zurück in die alte zeit kann und wird es nicht geben.

    die alte elite versucht mit allen mitteln am „alten“ festzuhalten – wird aber überwunden werden.
    jeder generationswechsel ist schmerzhaft – und ein solch gravierender wie in der thai gesellschaft erst recht

    die masse des volkes hat die drei affen abgelegt – und jedes handeln der alten elite wird genau registriert – sie hätten die möglichkeit ein kleines stück ihrer privilegien zu behalten – vorausgesetzt sie zeigen sich flexibel genug –

    die letzten tage und wochen haben aber sehr deutlich gezeigt das sie nichts , aber auch garnichts dazu gelernt haben und nach dem selben schema arbeiten wie eh und jeh –

    – aber die andere Seite hat aufgehört nur „staub unter seinen füssen “ zu sein und wird nicht akzeptieren wenn man ihnen das wahlrecht nehmen will , einen ernannten PM vorsetzt etc.

    die eine seite hat die verfassung von 2007 und verdreht noch deren gesetze und versucht ihren status zu zementieren

    – die andere Seite will die verfassung von 1997 zurück und mehr demokratie und gleichheit und soziale gerechtigkeit

    david streckfuss heute in der opinion :

    risky road ahead in avoiding civil war
    http://www.bangkokpost.com/opinion/opinion/401769/risky-road-ahead-in-avoiding-civil-war

    PPT dazu :

    it is all politics
    http://politicalprisonersofthailand.wordpress.com/2014/03/26/it-is-all-politics/

    • bernd weber 26. März 2014 / 20:00

      DEMOKRATIE IN THAILAND:

      – 18 militärcoups
      – juristische coups
      – massaker
      – einschränkung der menschenrechte
      – 60 regierungen in 81 jahren
      – davon 28 militärregierungen

  3. bernd weber 26. März 2014 / 20:01

    DEMOKRATIE IN THAILAND:

    – 18 militärcoups
    – juristische coups
    – massaker
    – einschränkung der menschenrechte
    – 60 regierungen in 81 jahren
    – davon 28 militärregierungen
    – 18 verfassungen seit 1932

  4. Pongnaeng 27. März 2014 / 15:53

    Richtig.

    Aber Du weisst ja, ich glaube es ist manchmal besser etwas schnell und schmerzhaft zu erzwingen, anstatt langsam und obendrein mit der Gefahr das der Prozess ausgebremst wird.

    Also, die werden noch einmal Putschen und die Reaktion könnte ein Kleinkrieg sein der nicht zu gewinnen ist, schon gar nicht von einer Armee wie der Thailändischen, denn sie ist nur zu kleinen teilen Professionell, wird sie doch vor allem als Melkmaschine für die „Pensionen“ der Generäle missbraucht.

    Wie viel der Milliarden dort wohl durch Korruption verloren gehen….???

    Nein, die Wehrpflichtigen werden sich zu grossen teilen nicht gegen ihre Familien einsetzen lassen und die anderen sind an Masse zu wenige, um das niederkämpfen zu können.

    Schmutzig wird es werden, aber da muss ein Land durch, als Ziel winkt vielleicht eine gesunde Demokratie und eine Amart die sich den demokratischen Prozessen endlich fügt.

    Vorderhand sehe ich die Überlebensmöglichkeiten für die Regierung Yingluck noch als durchaus gegeben, aber sehen wir weiter.

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